29.07.2014, 16:54 Uhr | 0 |

Reisetagebuch auf Twitter Roboter hitchBOT trampt allein quer durch Kanada

Ein kleiner Roboter trampt derzeit eigenständig quer durch Kanada und berichtet von unterwegs über seine Abenteuer – unter anderem auf Twitter. Er ist das Herzstück eines sozialen Experiments, das das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine beleuchten soll. Die Autofahrer reißen sich darum, ihn mitzunehmen. 

Eine Software für Künstliche Intelligenz macht hitchBOT zum geselligen Beifahrer
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Eine Software für Künstliche Intelligenz macht hitchBOT zum geselligen Beifahrer: Er hat permanenten Internetzugang, greift auf Wikipedia zu und kann Informationen an den Gesprächsfluss anpassen. Er reist derzeit von Halifax im Osten bis nach Victoria im äußersten Westen Kanadas. 

Foto: hitchBOT

Dieser Mitfahrer ist nett und höflich, unterhält sich über intelligente Themen, nervt nicht mit Musikwünschen und krümelt nicht die Rückbank voll. Allerdings möchte er hin und wieder einmal an den Zigarettenanzünder und seine Beiträge zur Unterhaltung klingen manchmal sehr nach Wikipedia – irgendeinen Haken gibt es immer. Wer jedoch darüber hinwegsehen kann und darüber hinaus gerade in Kanada unterwegs ist, hat die Chance auf eine interessante Begegnung und sollte die Augen aufhalten: Vielleicht wartet gerade an seiner Route hitchBOT, der kleine Anhalter-Roboter, auf eine Mitfahrgelegenheit.

Roboter hitchBOT ist auf Freundlichkeit der Menschen angewiesen

hitchBOT – der Name ist eine Zusammensetzung aus Hitchhiking (per Anhalter fahren) und Roboter – ist ein soziales Experiment der deutschstämmigen Wissenschaftlerin Frauke Zeller von der Ryerson University Toronto, des Assistenzprofessors David Harris Smith von der McMaster-Universität in Hamilton, Ontario, und ihres gemeinsamen Teams. Der kleine Geselle, der immer ein freundliches Lächeln auf seinem LED-Gesicht trägt, soll per Anhalter quer durch Kanada reisen – komplett auf sich und seinen Internetzugang gestellt und auf die Freundlichkeit der Autofahrer angewiesen.

Seine Forscher-Eltern wollen damit das Verhältnis von Robotern und Menschen beleuchten und eine Diskussion über Technik und Vertrauen, Kanada und die Menschen lostreten. „Normalerweise fragen wir uns, ob wir Robotern vertrauen können. Dieses Projekt dreht die Frage um: Können Roboter den Menschen vertrauen?“, erklären sie.

Vertrauen mussten die Forscher tatsächlich haben, als sie den kleinen Gesellen vergangenen Sonntag in Halifax, der am Atlantik gelegenen Hauptstadt Neuschottlands, auf die Reise schickten: Sie können ihn zwar weiterhin orten, aber nicht mehr ins Geschehen eingreifen. Auch heimliches Zuhören bei der Konversation hitchBOTs mit seinen Fahrern ist nicht drin. Zusehen natürlich auch nicht. Wenn einem Fahrer also das Wikipedia-gespeiste Geschwätz des Roboters auf die Nerven geht und er seinen Fahrgast einfach ausschaltet, können sie wenig tun.

Elektronischer Tramper ist bekannt wie ein bunter Hund

Das aber wird sehr wahrscheinlich nicht passieren. Zum einen ist hitchBOT auf Höflichkeit programmiert: Er stellt sich auf das Redebedürfnis seiner Begleiter ein und fragt um Erlaubnis, bevor er Fotos macht oder eine Geschichte zum Erzählen speichert. Zum anderen ist hitchBOT inzwischen bekannt wie ein bunter Hund: Fahrer reißen sich wenige Tage nach seinem Tourenstart geradezu darum, ihn mitzunehmen. Möglich gemacht haben das mehrere Medienberichte in seiner Heimat. Bereits am ersten Tag musste er gerade einmal zwei Minuten warten, bis er seine erste Mitfahrgelegenheit hatte: ein reizendes Pärchen, wie er direkt twitterte.

hitchBOTs Leib besteht aus einem Eimer, die Arme und Beine daran sind blaue Schaumgummirollen. Die Füße sind Gummistiefel, die Hände Spülhandschuhe – immerhin mit Daumen zum Rausstrecken: Die Forscher haben mit Absicht billigste Materialien verwendet, um Langfingern nicht zu viel Motivation für krumme Dinger zu geben. Lediglich im Kopf sitzt etwas Technik: Ein Computerchip ist sein Hirn, als Auge, Ohr und Mund dienen Kamera, Mikrofon und Lautsprecher, so dass er Bewegungen und Sprache erkennen und sich äußern kann.

Roboter hat Standleitung zu Facebook, Wikipedia & Co.

Außerdem befindet sich auf dem Chip sein Internetzugang, der als Tor zur Welt oder vielmehr zu Twitter, Facebook und Instagram sowie zu einer eigenen Website funktioniert. Hier berichtet er stets aktuell und eigenständig über seine Abenteuer – natürlich stets mit dem Einverständnis seiner Fahrer. Zudem bezieht er sein Wissen, das er in die Unterhaltungen mit einfließen lässt, von Wikipedia. Die Energie für das alles stammt von Solarzellen, außerdem wünscht sich der kleine Fahrgast hin und wieder eine Runde Strom vom Zigarettenanzünder seiner Chauffeure.

hitchBOTs Fähigkeit zur Konversation basiert auf Cleverscript, einer Software für künstliche Existenz im Bereich Konversation, die stetig lernt und sich auf bereits Gesagtes und Gehörtes bezieht. So kann sich der Tramp-Roboter mit Unterhaltung auf langweiligen Strecken nützlich machen, seinen Followern in den sozialen Netzwerken berichten und außerdem artikulieren, was er will und was nicht: hitchBOT möchte von Halifax im Osten bis nach Victoria im äußersten Westen reisen. Der direkte Weg über Québec und Montreal, Winnipeg und Calgary beträgt immerhin rund 6200 Kilometer.

hitchBOT will in Kanada bleiben

Dabei ist er stets offen für Routenänderungen – Abenteuer sind immer gut –, solange sie ihn nicht über die Grenze in die USA führen. Das würde zu viele Zollformalitäten und nicht zuletzt Roaminggebühren verursachen. Außerdem mag hitchBOT keinen Regen, und auf Motorradfahren ist er auch nicht besonders scharf. Im englischsprachigen Teil Kanadas sollte er auf jeden Fall klarkommen – in französischsprachigen Gebieten könnte es dagegen etwas holprig werden. Aber hitchBOT hat ja immer noch sein LED-Lächeln. Das hilft auf jeden Fall weiter. Auch auf französisch.

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Von Judith Bexten
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