30.06.2015, 11:19 Uhr | 0 |

Fälschungen auf der Spur Wissenschaftler stecken Bach-Porträts in Teilchenbeschleuniger

Echt oder nicht? Das war die Frage bei drei Porträts, die den Komponisten Bach zeigen. Physiker der TU Dortmund wollten wissen, ob sie zeitlich richtig datiert sind. Deshalb haben sie die Bilder in einen Teilchenbeschleuniger gesteckt.

Bach im Teilchenbeschleuniger
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Michael Paulus von der TU Dortmund untersucht im Teilchenbeschleuniger ein Bach-Pastell, das ein Dortmunder vor einem Jahr ersteigert hat. Es weist Spuren einer Fälschung auf.

Foto: Roland Baege/TU Dortmund

Um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, wurden die Bilder regelrecht durchleuchtet. Speziell die weißen Stellen, denn sie sind in diesem Fall verräterisch. Für das Team um Metin Tolan, Leiter der Forschungsstelle am Delta-Speicherring der TU Dortmund, war klar: Findet sich an den weißen Stellen Titan oder sogenannte Lithopone, eine Mischung aus Zinksulfid und Bariumsulfat, kann eine Fälschung vorliegen. Denn Barium und Zink verwendeten Maler erst ab dem 19. Jahrhundert, Titandioxid erst ab etwa 1910. Der Komponist und Musiker Johann Sebastian Bach aber lebte von 1685 bis 1750.

Teilchenbeschleuniger als Detektiv

Tolan hatte einen Vortrag über neu aufgefundene Bach-Bilder gehört und war daraufhin auf die Idee der röntgenographischen Untersuchung gekommen. Denn Kunstexperten waren sich nicht einig, ob die Bach-Darstellungen authentisch waren. Die Detektivarbeit übernahm der Teilchenbeschleuniger-Ring Delta. In dieses Hightechgerät wurden die Bilder gesteckt und energiereicher Synchrotronstrahlung ausgesetzt. Anhand des dabei entstehenden Röntgenspektrums kann man herausfinden, aus welchen Atomen die Farbpigmente bestehen. Diese geben Hinweise auf das Alter der Werke

Dortmunder Bild umstritten

Wenig begeistert über die Röntgenanalyse dürfte jetzt ein Dortmunder Privatmann sein. Er hatte im vergangenen Jahr eine Gouache erworben, auf der ein spitznasiger, rotwangiger Bach zu sehen ist. Das Bild ist auf der Rückseite zwar mit „Joh. Sebastian Bach 1737“ beschriftet, könnte aber später gemalt worden sein.

Denn es weist Spuren von Barium und Zink auf. Wobei die Wissenschaftler vorsichtig sind und sagen: Die untersuchten Stellen könnten auch später restauriert worden sein. Um sicherzugehen, müsste daher das ganze Bild gescannt werden – was übrigens zwei ganze Tage dauert.

Eisenacher Bilder überstehen Test

Alt genug, um echt zu sein, sind dagegen zwei Bach-Pastelle, die dem Bachhaus Eisenach gehören. Dort ist die Erleichterung groß, besonders über die Datierung des Pastells von 1830. „Es ist damit das früheste bislang aufgefundene Exemplar eines verbreiteten Bachbild-Typus, der Bach sehr verjüngt und fast hoheitlich blickend zeigt“, sagt Jörg Hansen, der Direktor des Eisenacher Bachhauses.

Auch das andere Pastell von 1730, das Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel gehört haben könnte, hat den atomaren Test überstanden: Es spricht nichts gegen die bisherige zeitliche Einordnung. Hansen dazu: „Zumindest ist es wohl nicht gefälscht, wie auch schon gemutmaßt wurde.“ Ob das Bild aber tatsächlich Bach zeige, könne durch die Strahlen leider nicht erhellt werden.

Wenn es um Herkunft oder Echtheit von Gemälden geht, werden inzwischen neben Kunstexperten häufiger Hightechmethoden eingesetzt. Die Synchrotronstrahlung dient auch zur Suche nach übermalten Bildern. Mit ihr lässt sich die chemische Zusammensetzung der Oberfläche und darunterliegender Schichten bestimmen. So versteckte sich unter dem Portrait Grasgrond, das Vincent van Gogh vor etwa 150 Jahren gemalt hatte, ein zweites Bild: Der Meister hatte erst ein Frauenportrait angefangen und es dann mit seiner blühenden Wiese übermalt.

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Von Lisa von Prondzinski
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