02.07.2014, 10:53 Uhr | 0 |

Revolution in Transplantationsmedizin Supercooling hält Spenderorgane bis zu drei Tage lang frisch

Spenderorgane könnten zukünftig sehr viel längere Reisen antreten: Forscher aus den USA haben die Kühlmethode Supercooling entwickelt, mit der sich Organe bis zu drei Tage lang konservieren lassen. Das funktioniert bislang zwar nur bei Ratten, könnte aber eine Revolution in der Transplantationsmedizin auslösen. 

Mit der neuen Konservierungsmethode halten die Forscher die Rattenleber bis zu drei Tage lang frisch
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Mit der neuen Konservierungsmethode halten die Forscher die Rattenleber bis zu drei Tage lang frisch. Bislang bleiben Organe außerhalb des Körpers höchstens 24 Stunden funktionsfähig. 

Foto: Harvard University/Uygun

US-Forscher von der Harvard Medical School in Boston haben eine neue Kühlmethode entwickelt, mit der sie Lebern von Ratten drei Tage lang frisch halten. Die große Hoffnung dahinter: Wenn es gelingt, dieses Supercooling an menschliche Organe anzupassen, könnten Spenderorgane weltweit ausgetauscht werden.

Bisher ist eine Organverpflanzung ein Wettlauf gegen die Zeit: Der neue Patient muss ein Spenderherz, eine Leber oder Niere so schnell wie möglich bekommen. Dabei müssen die Organe teilweise Hunderte Kilometer transportiert werden. Das Tempo muss sein, denn länger als 24 Stunden hält sich ein Spenderorgan außerhalb des Körpers bisher nicht. Zellen und Strukturen sterben ab.

Ethylenglykol dient als Frostschutzmittel

Mit der neuen Kühlmethode bleiben entnommene Organe ganze drei Tage lang frisch, berichtet das Fachjournal Nature Medicine. Allerdings klappt das bisher nur bei Lebern von Ratten.

Die Forscher haben die Organe den Versuchstieren zuerst entnommen und dann über eine spezielle Maschine mit ausreichend Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Danach fügten sie eine Glukoseverbindung und außerdem Ethylenglykol als Frostschutz hinzu. Der verhindert, dass sich schädliche Eiskristalle im Gewebe bilden. Am Ende wurden die so vorbereiteten Organe auf minus sechs Grad Celsius heruntergekühlt.

So temperiert lagerten die Forscher einige Lebern drei Tage lang, andere sogar vier Tage lang. Dann wurden die Organe verpflanzt. Die Überlebensrate bei den transplantierten Ratten war vielversprechend: Noch mindestens drei Monate nach der Organverpflanzung, solange wurden die Tiere beobachtet, lebten alle, die eine drei Tage lang konservierte Leber hatten. Bei der vier Tage lang gelagerten Leber lebten immerhin noch 58 Prozent.

Weltweiter Austausch von Organen denkbar

Die Wissenschaftler von der Harvard Medical School sehen in dem Supercooling viel Potenzial für die menschliche Transplantationsmedizin. So erklärte der Forscher Korkut Uygun gegenüber der BBC, dass langfristig ein weltweiter Organtausch denkbar sei. „Damit könnte eine bessere Übereinstimmung zwischen Spenderorganen und Empfängern erreicht werden. So könnten langfristig Probleme wie Abstoßung und Komplikationen verhindert werden“, sagte Uygun. Was auch für Patienten in Deutschland ein Segen wäre, denn heute warten Tausende auf ein passendes Organ. Viele erleben das dann gar nicht nicht mehr, weil sie sozusagen auf der Warteliste sterben.

Ein Organ drei Tage derart aufwendig zu konservieren, stößt aber nicht überall auf Gegenliebe. So kritisiert Florian Oberer, Leiter der Klinischen Abteilung für Transplantationschirurgie der medizinischen Universität Graz, die enormen Kosten, für die „wir auch nicht die finanziellen Mittel hätten“. Und weiter meint Iberer: „Die Wartezeiten wird man nur verkürzen können, wenn es mehr Organspender gibt.“ Doch sich allein darauf zu verlassen, scheint in Deutschland derzeit sowieso keine echte Option zu sein. Denn nach den Vergabeskandalen an deutschen Transplantationskliniken ist die Spenderbereitschaft der Bevölkerung weiter gesunken.

Inwieweit die neue Konservierung dem Menschen künftig nützten könnte, werden weitere Experimente zeigen. Große Hürden gibt es dabei auf jeden Fall. Nur zum Vergleich: Die Leber einer Ratte wiegt lediglich zehn Gramm, die eines Menschen dagegen 1,5 Kilogramm. Und sie hat viel mehr Flüssigkeit. Was wiederum die Gefahr für die Bildung schädlicher Eiskristalle erhöht. Probleme, die erst mal gelöst werden müssen.

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Von Lisa von Prondzinski
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