23.10.2014, 08:36 Uhr | 0 |

Rückenmark repariert Nervenzellen aus der Nase lassen Gelähmten wieder gehen

Es klingt unglaublich: Mit Zellen aus seiner Nase haben Chirurgen das durchtrennte Rückenmark eines 38-Jährigen repariert. Jetzt benutzt er seine Beine wieder. Während die einen den Erfolg als Durchbruch feiern, sind andere Forscher noch zurückhaltend. 

Der 38-jährige Darek Fidyka macht vorsichtige Schritte
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Die Nervenzellen aus der Nase von Darek Fidyka haben in der verletzten Wirbelsäule dem zerstörten Nervengewebe eine Art Brücke gebaut. Jetzt läuft der 38-Jährige und fährt sogar Auto. 

Foto: dpa

Bislang waren Mediziner sich einig: Wenn das Rückenmark einmal durchtrennt ist, war es das. Die Querschnittslähmung ist nicht reversibel. Doch jetzt könnte dieser Lehrsatz ins Wanken kommen. Wissenschaftlern und Chirurgen aus Polen und Großbritannien ist gelungen, wovon Menschen seit langen Jahren träumen. Sie haben das durchtrennte Rückenmark eines Patienten mit Hilfe von Nervenzellen aus seiner Nase geflickt.

Der 38-jährige Darek Fidyka, dessen Rückgrat 2010 bei einer Messerstecherei verletzt worden war, kann bereits wieder einige Schritte gehen und sogar Auto fahren. Vor der Behandlung war er von der Brust abwärts gelähmt und hatte keinerlei Gefühl in den Beinen.

Nasenzellen schlagen Brücke für zerstörtes Nervengewebe

Für den Eingriff verpflanzten Neurochirurg Pawel Tabakow von der Universitätsklinik Wroclaw in Breslau und sein Team Nervenzellen aus der Nase des Bulgaren in die Wirbelsäule, wo sie dem zerstörten Nervengewebe eine Art Brücke bauten. Die verwendeten sogenannten olfaktorischen Hüllzellen sind Teil der Nervenfasern, die von der Nasenschleimhaut zum Riechkolben reichen.

Sie gehören zu einer Art von Zellen, die im zentralen wie auch im peripheren Nervensystem vorkommen. Diese Nervenfasern haben eine Eigenschaft, die sie sehr interessant macht für die mögliche Heilung Gelähmter: Werden sie beschädigt, wachsen sie nach – ein Leben lang. 

Das Team um den Neurologen Geoffrey Raisman vom Londoner University College, das die Methode entwickelt hatte, nahm an, dass genau diese Zellen auch im Rückenmark ihres Patienten eine neue Bahn anlegen würden, auf der sich die beschädigten Nervenzellen ansiedeln und sich wieder neu verbinden könnten. Offenbar hatten die Wissenschaftler Recht: Darek Fidyka ist wieder Herr über seine Beine – zwar sind die Schritte noch etwas wackelig, aber immerhin.

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Rollstuhlfahrer im Selbstverteidigungskurs. Während für viele der Erfolg des Bulgaren Grund zur Hoffnung ist, stehen einige Mediziner dem Eingriff an der Wirbelsäule noch skeptisch gegenüber. Es bestehe die Gefahr, Restfunktionen zu verlieren. 

Foto: dpa

So ganz genau wissen die Forscher selbst nicht, wie die Regeneration im Detail funktioniert: Das Verfahren ist im Labor und mit Hilfe von Tierversuchen unter anderem mit Dackeln entstanden. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im amerikanischen Fachmagazin Cell Transplantation. Fidyka ist der erste Mensch, bei dem die Methode ausprobiert worden ist. Die Voraussetzungen bei ihm waren gut. Der Schnitt war glatt, und der Spalt zwischen den durchtrennten Nervenenden hatte eine Größe von gerade einmal acht Millimetern. Jetzt sollen Tests an zehn weiteren Patienten folgen.

Euphorie und Zurückhaltung gleichermaßen

Geoffrey Raisman sprach gegenüber dem Fernsehsender BBC von einem Erfolg „beeindruckender als Menschen, die auf dem Mond herumlaufen“. Andere Experten sind indes zurückhaltender. Zum einen seien die Voraussetzungen bei jedem Patienten anders, so dass nicht von einem Einzelfall auf die breite Masse geschlossen werden dürfe. Zum anderen fehle der klinische Beweis, dass tatsächlich die verpflanzten Nervenzellen aus der Nase für das zurückgekehrte Gefühl in den Beinen verantwortlich seien, kritisiert zum Beispiel Simone Di Giovanni vom Imperial College London.

Andere Mediziner warnen vor zu starken Eingriffen am Rückenmark, da stets das Risiko bestehe, auch noch eventuelle Restfunktionen zu verlieren. Darek Fidyka dürften die Bedenken ziemlich egal sein. Der frühere Feuerwehrmann ist happy über seine Fortschritte und fühlt sich „wie neugeboren“. 

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Von Judith Bexten
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