08.07.2013, 14:45 Uhr | 0 |

Alltag am Computer trainieren Gedächtnistraining für Menschen nach Schlaganfall oder Epilepsie

Ein spezielles Trainingssystem der Universität Bielefeld hilft Menschen, die durch einen Schlag- oder Epilepsieanfall einen Hirnschaden erlitten haben, sich wieder in Alltagssituationen zurechtzufinden. Mit dem 3D-System „OctoVis“ können sie beispielsweise im virtuellen Supermarkt ihr Gedächtnis sowie die räumliche Orientierung verbessern.

System "OctaVis"
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Das System „OctaVis“, entwickelt am Exzellenzcluster CITEC, versetzt seinen Nutzer in einen virtuellen Supermarkt, um in dieser Umgebung kognitive Fähigkeiten zu trainieren.

Foto: Universität Bielefeld

Sich wieder mehr merken können und im virtuellen Supermarkt zurechtfinden: Dies schaffen Patienten, die einen Hirnschaden erlitten haben, schon nach acht Tagen wieder, wenn sie das im Rahmen des vierjährigen Projekts CITmed entwickelte 3D-Trainingssystem der Universität Bielefeld benutzen. Außerdem verbessern sich die räumlich-visuellen Leistungen, wie ein Test nach Beendigung des Trainings zeigte.

Gehirn muss Aufgaben erst lernen

„Wenn einzelne Hirnareale geschädigt sind, können deren Aufgaben von anderen Teilen des Gehirns übernommen werden. Diese Teile des Gehirns müssen die neuen Aufgaben aber erst lernen“, erklärt Professor Dr. Mario Botsch, Leiter des CITmed-Projekts.

Die Supermarkt-Simulation wurde mit Patienten getestet, bei denen aufgrund eines Schlaganfalls oder Epilepsie ein Hirnfunktionsschaden diagnostiziert wurde. Erstmals wurde es in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, der Klinik für Neurologie und im Epilepsie-Zentrum des Evangelischen Krankenhauses der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel und in der Marcus-Klinik in Bad Driburg getestet. „Wir haben als Anwendung das Supermarkt-Szenario gewählt, weil es alltagsnah ist und die Kombination mehrerer kognitiver Fähigkeiten erfordert und trainiert“, so Botsch.

Die Patienten sollten bestimmte Produkte in dem 3D-Supermarkt kaufen. Ihnen wurde eine Einkaufsliste mit 20 Artikeln vorgelesen, die sie sich merken mussten. Dann sollten die Probanden die Produkte im Supermarkt finden und in den Warenkorb legen. Während des Trainings sind die Patienten von Monitoren umgeben, auf denen die Supermarkt-Umgebung simuliert wird. Die Gänge und Regale in dem Supermarkt sind begehbar. Die Testperson sitzt vor dem Monitor auf einem mit diesem gekoppelten Drehstuhl und kann sich mit Hilfe eines Steuerknüppels seitlich und nach vorne bewegen. Berührt er den Bildschirm, kann er Artikel für seinen Warenkorb auswählen.

Die Idee und die Entwicklung des „3D-Systems OctoVis stammt von dem Wissenschaftler Professor Dr. York Winter, der bis 2009 an der Universität Bielefeld forschte und dann zur Humboldt Universität Berlin wechselte. Er wollte Menschen helfen, die aufgrund eines Hirnschadens eine gestörte räumliche Orientierung oder visuelle Wahrnehmung haben und ihr Gedächtnis nicht so gut einsetzen können.

Störliste am siebten Tag

Während der Schulung erfassen die Forscher ganz genau, welche Artikel die Patienten kauften und auf welchem Weg sie sich durch den Markt bewegten. Am Ende zeigte die Auswertung ganz deutlich, dass sich die Lernleistung verbessert und stabilisiert hat. „Obwohl wir die Patienten am siebten Tag mit der Störliste abgelenkt haben, hatten sie am achten Tag, als sie aus dem Kopf die Waren der ursprüngliche Liste einkaufen sollten, davon noch einen Großteil im Gedächtnis“, sagt Botsch.

Das Training dauert acht Tage. Täglich wurden die gleichen Produkte vorgelesen mit Ausnahme des siebten Tages. An diesem Tag bekamen die Patienten eine Störliste mit ganz anderen Produkten als bisher vorgelesen. Am achten Tag, also am letzten Tag, erhielten die Patienten wieder die Originalartikel auf einer Liste. Sie wurden jedoch nicht mehr vorgelesen.

Mit jedem Tag kennen sich die Testpersonen auch besser im Supermarkt aus und finden die Artikel schneller. Sie füllen ihren Warenkorb schneller und brauchen immer weniger Zeit, die richtigen Gänge zu finden.

Auch Menschen, die nicht mit Computern vertraut sind, bekommen mit OctaVis die Möglichkeit an diesen Geräten zu arbeiten. „Das Gerät ist leicht zu bedienen“, erklärt CITmed-Projektleiter Professor Dr. Mario Botsch. „Unsere älteste Probandin war beim Test 94 Jahre alt. Sie hat die Aufgaben ohne Probleme gemeistert“, so Botsch. „Ein wichtiger Erfolg für uns war, dass sich jeder Teilnehmer gut mit der Bedienung zurechtfand, obwohl es sich größtenteils um ältere Patienten ohne nennenswerte Computererfahrung handelte“, sagt Botsch.

Mit OctaVis Fähigkeiten gemeinsam trainieren

Wichtig ist aber auch, die mentalen Fähigkeiten nicht isoliert voneinander zu trainieren, damit sie später auch im Alltag eingesetzt werden können. Das OctaVis-Trainingssystem bietet daher alltagsnahe Situationen, wie einen Supermarkt, in denen die Patienten trainieren können. CITmed steht für Cognitive Interaction Technology for Medicine (Kognitive Interaktionstechnologie in der Medizin). 

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Von Petra Funk
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