17.11.2016, 12:06 Uhr | 0 |

Unglücksreaktor Tschernobyl bekommt neue gigantische Schutzhülle

Nach mehr als 30 Jahren wird der eilig errichtete Betonmantel um Reaktorblock 4 in Tschernobyl durch eine gigantische Stahl- und Betonhülle ersetzt. 

Schutzhülle Tschernobyl
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Die Ruine von Tschernobyl bekommt eine neue Schutzschülle. 

Foto: European Bank for Reconstruction and Development (EBRD)

Knapp 36.500 t schwer ist das Ungetüm, und es bewegt sich extrem langsam: In der Zeit, in der Usain Bolt 100 m läuft, kommt das Monster auf Schienen etwa 2,5 cm weit. Da werden 330 m zu einer quälend langen Strecke. Genau das ist die Entfernung von der Baustelle des neuen Schutzmantels bis zum Reaktorblock 4 des AKW Tschernobyl, der seit mehr als 30 Jahren strahlt. Seit dem ersten Super-GAU der Geschichte.

Lange warnen Experten schon, dass die alte Betonhülle, die damals eilig um den Reaktor gegossen wurde, brüchig und gar vom Einsturz bedroht sei. Und weil im Inneren noch rund 200 t strahlender Brennstäbe vermutet werden, ist das bis heute eine gewaltige Gefahr, nicht nur für die Ukraine. Das vom Bürgerkrieg zerrüttete Land hätte das Geld für das Projekt – derzeit ist von 2,1 Milliarden Euro die Rede, von denen die Hülle selbst den Löwenanteil ausmacht  – ohnehin kaum selbst aufbringen können. Und so wird das „New Safe Confinement“ aus einem Fonds finanziert, an dem sich rund 40 Länder beteiligen, darunter auch Deutschland.

„Weltgrößtes bewegliches Bauwerk an Land“

Die offizielle Beschreibung der neuen Hülle klingt zuweilen, als ginge es um einen architektonischen Weltrekord, so etwas wie den Burj Khalifa im Energiesektor. Das „weltgrößte bewegliche Bauwerk an Land“ wird da gefeiert, eine „Meisterleistung der Ingenieurskunst“, deren äußere Form man dann passend einen Triumphbogen nennen könnte. Das Konstrukt hat eine Spannweite von 257 m und ist mit seinen 109 m so hoch, dass es problemlos die Pariser Kathedrale Notre Dame beherbergen könnte.

Entscheidender aber sind die inneren Werte: Die Hülle soll einem Tornado ebenso standhalten wie einem Erdbeben der Stärke 6. Fast 400 jeweils 1 m dicke und 19 m lange Betonpfeiler sorgen für die Verankerung im Boden. Selbst ein Feuer im Inneren soll kein Problem darstellen, weil ein autonomes Brandschutzsystem eingebaut wurde, das unter anderem zwei Wassertanks mit je 1.500 m3 Fassungsvermögen enthält.

Eine halbe Million Schrauben befestigt

Vor über vier Jahren hat der Bau der neuen Hülle begonnen, bis Ende nächsten Jahres sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Höchst aufwendige Arbeiten, an denen bis zu 1.200 Menschen gleichzeitig beteiligt sind. Sie mussten beispielsweise rund eine halbe Million Schrauben einzeln befestigen und mehr als 3.000 Laster allein mit Beton abfertigen.

Mindestens 100 Jahre würde diese Konstruktion einschließlich all ihrer Serviceeinrichtungen – zum Beispiel Kräne, Klimaanlage, Stromversorgung – dann halten, versprechen die Planer. Die gesamte Hülle ist so gebaut und dimensioniert, dass in ihr selbst der Rückbau von Anlagen des alten AKW stattfinden kann.

Das allerdings ist heute noch nicht denkbar, weil man niemanden der dort herrschenden Strahlung aussetzen kann. Jener Strahlung, die im April 1986 über tausende Kilometer weit verbreitet wurde. 

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Von Werner Grosch
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