17.10.2013, 13:37 Uhr | 0 |

Taifun gefährdet Atomruine Tropensturm „Wipha“ tobte auch über Fukushima

Der Tropensturm „Wipha“ ist über Japan hinweggezogen und hat mindestens 17 Menschenleben gefordert. Auch in der Region um die Atomruine Fukushima tobte sich „Wipha“ mächtig aus. Der schlimmste Fall blieb dort glücklicherweise allerdings aus.

Auf der Insel Oshima nahe Tokio tobte Wipha besonders schwer.
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In Japan tobte der Taifun Wipha. Besonders betroffen: die Insel Oshima, 120 Kilometer südlich der Hauptstadt Tokio gelegen. Von dort stammt dieses Foto.

Foto: dpa/Kimimasa Mayama

Ausnahmezustand in Japan, vor allem im Großraum Tokio. Gestern tobte der Tropensturm „Wipha“ mit Windgeschwindigkeiten bis zu 180 Kilometern in der Stunde durch das japanische Inselreich. Tausende Menschen mussten evakuiert werden. Bislang sind 17 Tote und über 50 Vermisste die Bilanz des Schreckens von „Wipha“. Allein auf der besonders schwer betroffenen Insel Oshima, 120 Kilometer südlich der Hauptstadt Tokio gelegen, kamen am Mittwoch mindestens 14 Menschen bei schweren Sturmböen und Rekordregenfällen ums Leben. 30 Menschen gelten als vermisst. Schlammlawinen, ausgelöst von „Wipha“, begruben dort zahlreiche Menschen, viele Häuser wurden zerstört.

30 Hochgeschwindigkeitszüge blieben im Depot

Rettungskräfte rechnen damit, dass die Zahl der Opfer weiter steigen wird. Auf der Insel leben mehr als 8000 Menschen. Dort fiel innerhalb von 24 Stunden so viel Regen, wie seit 1991 nicht mehr. Der Niederschlag war so heftig, dass „man weder hören noch sehen konnte“, wie japanische Meteorologen mitteilten.

Der als schwerster Tropensturm seit zehn Jahren angekündigte „Wipha“ sorgte mit heftigen Regenfällen in Tokio für erhebliche Verkehrsbeeinträchtigungen. Der Flugverkehr wurde stark eingeschränkt. Insgesamt fielen 350 Inlands- und Langstreckenflüge aus, wovon mehr als 30 000 Passagiere betroffen waren. Auch mehr als 30 Hochgeschwindigkeitszüge sollten vorsorglich im Depot verbleiben. Die Menschen in den betroffenen Gebieten wurden aufgefordert, unnötige Fahrten zu vermeiden und sich darauf vorzubereiten, rasch ihre Häuser räumen zu können.

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Wegen des Tropensturms Wipha stellte auch die Metro in Tokio den Fahrdienst ein. 

Foto: dpa/Franck Robichon

Die im Umgang mit Tropenstürmen erfahrenen Japaner reagierten pragmatisch: Viele Büroangestellte waren vorsichtshalber am Vortag erst gar nicht nach Hause gefahren, sondern hatten in der Nähe ihrer Arbeitsplätze übernachtet. Hunderte Schulen, darunter auch die Deutsche Schule in Yokohama, blieben geschlossen. In vielen Tausend Haushalten des Inselreiches fiel der Strom aus.

Tepco öffnete in Fukushima an neun Auffangbecken die Abflusshähne

Der Autohersteller Nissan strich in seinen Werken in Oppama und Yokohama vorsorglich die Frühschicht. Große Befürchtungen herrschten in der Region Fukushima, auf die „Wipha“ zielstrebig zustürmte. Der Betreiber der Atomkraftwerksruine Fukushima Daiichi, Tokyo Electric Power (Tepco), reagierte auf die Regenmassen und öffnete an neun Auffangbecken, die Hunderte von Tanks für verseuchtes Kühlwasser umschließen, die Abflusshähne. Die Becken waren vollgelaufen durch die Regenmassen, die der Taifun über Fukushima ausschüttete.

„Keine Zeit mehr, diese Diskussion weiter zu führen.“

Die japanische Nuklear-Aufsicht hat Tepco gestattet, verseuchtes Wasser von der Atom-Ruine in die Umgebung und ins Meer abzulassen. Anwohner der Region hatten dagegen protestiert. Doch der zuständige Beamte der Atom-Aufsicht, Toyoshi Fuketa, sagte einem Bericht des Wall Street Journals zufolge: „Wir müssen über dieses Thema heute entscheiden. Ein Taifun nähert sich. Wir haben keine Zeit mehr, diese Diskussion weiter zu führen.“

In den Tanks lagert Tepco stark verstrahltes Wasser, das bei der Kühlung der im März 2011 durch ein Erdbeben mit nachfolgendem Tsunami zerstörten Reaktoren anfällt. Der im Umgang mit den havarierten Reaktorblöcken nicht gerade als souverän bekannte Betreiber Tepco beteuerte jedoch, dass in den neun betroffenen Auffangbecken keine der Tanks stehen, aus denen in der jüngsten Vergangenheit zum Teil Hunderte von Tonnen stark verseuchten Wassers gesickert waren.

„Wir werden Patrouillen schicken“

Tepco kündigte im Vorfeld der Taifun-Warnung bereits an, bedingt abwehrbereit zu sein. „Wir bereiten uns auf geeignete Maßnahmen zum Umgang mit dem verseuchten Wasser vor. Wir werden Patrouillen zu jenen Stellen schicken, wo der Sturm Wasser in die Gebäude treiben könnte“, teilte Tepco  mit.

epa03125235 Stricken Tokyo Electric Power Co (TEPCO) Fukushima Dai-ichi nuclear power plant fourth reactor building is seen at Okuma town in Fukushima prefecture, northern Japan on 28 February 2012. TEPCO opened up its stricken Fukushima plant to foreign journalists for the third time, ahead of the anniversary of the March 11 disasters, and insisted the crippled complex was in cold shutdown. EPA/YOSHIKAZU TSUNO / POOL +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Routine-Sicherungen an dem einsturzgefährdeten Kernkraftwerk Fukushima Daiichi an Land und auf dem Meer hat Betreiber Tepco derzeit eingestellt.

Foto: dpa-Bildfunk/Yoshikazu Tsuno

Sämtliche Routine-Sicherungen an dem einsturzgefährdeten Kernkraftwerk an Land und auf dem Meer hat Tepco hingegen eingestellt. Stattdessen binden jetzt die Arbeiter Elektro-Kabel und Schläuche zusammen. Dabei suppen auch ohne Unterstützung von „Wipha“seit zwei Jahren täglich 300 Tonnen, das sind 300 000 Liter radioaktiv verseuchtes Wasser, über Lecks aus den unterirdischen Gängen und Leitungsschächten ins Meer.

In Gebäude 4 lagern 1300 abgebrannte Brennstäbe

Doch auch umgekehrt droht Gefahr: Ständig dringt Meerwasser in die Gebäude der Atomruine ein und mischt sich mit dem Kühlwasser. Das sorgt für Instabilität. Die Reaktoreinheit 4 des Pannenkraftwerkes ist bereits massiv unterspült. In dem Gebäude lagern 1300 abgebrannte Brennstäbe, für die eine permanente Kühlung extrem wichtig ist.

Der deutsche Physiker Sebastian Pflugbeil, Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz, sieht gar schwarze Wolken über Fukushima aufziehen: „Die Gefahr, die von den alten Brennelementen ausgeht, ist gigantisch. Darüber sind sich alle Experten einig. Wenn es zu diesem schlimmsten Fall kommt, müssen riesige Gebiete evakuiert werden.“ Wenn der Wind in die Richtung von Tokio zieht, müsste Tokio vollständig evakuiert werden. Aber das geht nicht. Die Folgen würden nicht nur Japan, sondern die ganze Nordhalbkugel der Erde betreffen. Denn die Luftströmungen verlaufen auf der Nordhalbkugel und der Südhalbkugel einigermaßen getrennt voneinander.

Bergung mit der Hand!

Um die 1300 Brennstäbe zu bergen, hat der Betreiber Tepco nun eine Idee, über die sich Pflugbeil ziemlich aufregt: „Die Japaner wollen zunächst die 1300 Brennelemente im Block 4 einzeln herausholen. Wenn auch nur ein einziger zerbricht, müssen die Arbeiter weg. Das ist ein extrem komplizierter und langwieriger Prozess. Wie schwierig das ist, hat man bei einem Test gesehen, den die Japaner mit einem noch unbenutzten Brennstab gemacht haben. Den haben die mit der Hand beim Herausziehen gelenkt. Mit der Hand! Die aktiven Brennstäbe kann man nicht mit der Hand anfassen, das wäre tödlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Rettung gelingt, geht gegen Null.“

Der Betreiber Tepco hat auf die Anforderungen, die der havarierte Reaktorkomplex bietet, zum Teil skuril anmutende Antworten. Da versuchen Arbeiter, mit Plastik-Planen und Sandsäcken, radioaktives Material abzudecken und Löcher zu stopfen. Und das in Kenntnis, dass die Atomruine von Fukushima mit jedem Tag zu einer größeren Gefahr für Millionen von Menschen wird.

„Der Untergrund ist nicht mehr belastbar – er schwimmt.“

Sebastian Pflugbeil warnt: „Die Lage ist zunehmend kritisch durch den Verfall der Ruinen. Die Brennstäbe sind nicht geborgen. Die Reaktorblöcke sacken ab. Tausende Tonnen verseuchtes Wasser werden in das Meer abgelassen. Der Untergrund, auf dem der Reaktor ruht, ist nicht mehr belastbar – er schwimmt. Es hat sich alles bereits so verschoben, dass über ein Meter Höhenunterschied von einer Ecke zur anderen besteht. Die dadurch hervorgerufenen Spannungen haben bereits zu beängstigenden Rissen in der Gebäudekonstruktion geführt.“

Wipha“ ist der 26. Taifun der Saison – und er wird nicht der letzte sein. Denn für die kommenden Wochen werden weitere erwartet. Bereits jetzt ist die Zahl der Taifune in diesem Jahr deutlich höher als in den vergangenen Jahren. Auf die maroden Gebäude der Atomruine kommt also noch eine Menge Wind und Regen zu.

„Dann strömt Radioaktivität aus – gasförmig, leichtflüchtig, mittelflüchtig.“

Jeder Taifun bringt neue Risiken und kann eine globale Katastrophe auslösen, sagt Sebastian Pflugbeil: „Wenn die Brennstäbe nicht mehr gekühlt werden, dann kommt es zu einer Katastrophe. Dann werden gigantische Mengen an Radioaktivität freigesetzt. Da reicht ein Riss in dem Becken und das Kühlwasser läuft aus. Die Brennstäbe würden sich entzünden. Die Brennstabhüllen bestehen aus Zirkonium. Wenn das brennt, bekommt man es nicht mehr unter Kontrolle. Die Hüllen brechen dann auf. Dann strömt Radioaktivität in großem Umfang aus – gasförmig, leichtflüchtig, mittelflüchtig. Auch die Brennelemente in den anderen Blöcken des Kernkraftwerkes werden dann in absehbarer Zeit zerstört, weil die Mitarbeiter das Gebiet wegen der extremen Strahlenbelastung sofort verlassen müssen. Es genügt ein kleiner Erdbebenstoß oder ein Sturm oder einfach das Versagen der Gebäudestrukturen, um diese Katastrophe in Gang zu setzen.“

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Von Detlef Stoller
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