18.07.2013, 13:06 Uhr | 0 |

750 Störfälle seit 1986 Saarland und Rheinland-Pfalz drängen auf Stillegung des AKW Cattenom

Die saarländische Umweltministerin Anke Rehlinger will die französische Atomaufsichtsbehörde ASN drängen, den grenznahen Pannenreaktor Cattenom innerhalb kürzerer Fristen nachzurüsten. Gemeinsam mit Luxemburg und Rheinland-Pfalz drängt das Saarland aber weiterhin auf die Stillegung des Reaktors, in dem es erst Anfang Juni gebrannt hatte. Der Betreiber EDF will dagegen die Nutzungsdauer von 40 auf 60 Jahre verlängern.

Kernkraftwerk Cattenom
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Anfang Juni gab es wieder einen Störfall im Kernkraftwerk Cattenom an der Grenze zu Deutschland.Die saarländische Umweltministerin Anke Rehlinger will die französische Atomaufsichtsbehörde ASN drängen, den Reaktor schneller mit Sicherheitstechnik nachzurüsten.

Bildquelle: dpa

Am 7. Juni 2013 steigt nachmittags eine schwarze, dicke Rauchwolke aus dem Kernkraftwerk Cattenom auf. Rund fünfzig Feuerwehrleute rücken in zehn Wagen an. Sie brauchen mehrere Stunden, um den Vorfall in den Griff zu bekommen. Betreiber Electricité de France (EDF) twittert kurz darauf, es handele sich um einen Vorfall "ohne schwerwiegende Folgen", der unter Kontrolle sei.

Das Kernkraftwerk (KKW) Cattenom mit seinen vier 1,3-GW-Reaktoren macht immer wieder Schlagzeilen. Im nur 11 km entfernten Luxemburg sowie den nahen Bundesländern Saarland und Rheinland-Pfalz gibt es regelmäßig Demonstrationen. Und es gibt Zweifel an der Sicherheit des zwischen 1979 und 1983 erbauten Kraftwerks. Die Regierungen in Rheinland-Pfalz und Saarland forderten eine lückenlose Aufklärung des Vorfalls. Sie bekräftigten ihre Forderung, das KKW abzuschalten.

Transformator geriet in Brand

Es war vermutlich ein Kurzschluss, durch den ein nachgeordneter Transformator in der Übergabestation vom Kraftwerk zum Stromnetz bei Block 1 in Brand geraten war. In einem Transformatorsystem, in dem die vom Block 1 kommenden 20 kV in 400 kV umgespannt werden, um dann in das französische Leitungsnetz eingespeichert zu werden, geriet ein Transformator in Brand. Der wiederum wandelt 400 kV in 6,6 kV um, jene Spannung, mit der im Kraftwerk alle Systeme von Block 1 mit Strom versorgt werden.

Über die Ursache des Vorfalls herrscht Unklarheit. "Genau wissen wir es noch nicht", sagt Florien Kraft. Er ist bei der französischen Aufsichtsbehörde Autorité de Sûreté Nucléaire (ASN) Bereichsleiter des Abschnitts Straßburg. Die Kraftwerke Fessenheim und Cattenom gehören zu seinem Aufsichtsbereich.

Die ASN untersteht in Frankreich als unabhängige Behörde keinem Ministerium. "Wir schauen uns an, wo die Ursache eines Vorfalls liegt. Und wir verlangen Kontrollen, beispielsweise im Hinblick auf die Alterung", erklärt Kraft. Seit Fukushima schaue die ASN noch öfter unangemeldet vorbei. 2012 war sie 30-mal in Cattenom. In dieser Zeit kam es in der Anlage zu 47 meldepflichtigen Ereignissen.

Der Brand führt diese Reihe fort. Die EDF setzte auf Information und organisierte eilends eine Pressekonferenz, auf der es allerdings offiziell vor allem um neu geschaffene Arbeitsplätze gehen sollte. Andere Fragen waren jedoch zulässig. Kraftwerksleiter Guy Catrix erklärte: "Block 1 haben wir abgeschaltet, da der Transformator ausfiel." Das Kraftwerk solle zwei Wochen abgeschaltet bleiben, um den Transformator auszutauschen. In dieser Zeit soll auch ein Drittel der Brennstäbe ausgetauscht werden, ein Operation die später hätte stattfinden sollen, nun aber vorgezogen wird.

Kraftwerksleiter Catrix bestätigte, dass es während der Brandbekämpfung einen Alarm in einem Hilfstransformator an Block 3 gegeben hat. Der Hilfstransformator hat die Aufgabe – wie in Block 1 – die Spannung von 400 kV auf 6,6 kV herunterzubringen, um nachgeordnete Systeme der Stromversorgung in Betrieb zu halten. Wäre er ausgefallen, hätten zwei Dieselaggregate die Versorgung übernehmen müssen. Falls die Hilfstransformatoren ausgetauscht werden müssen, ist ein Abschalten von Block 3 ebenfalls wahrscheinlich. Dann würde in Cattenom nur noch Block 2 arbeiten, weil sich Reaktor 4 in einer Zehnjahresrevision befindet. Catrix schloss aus, dass diese sich häufenden Zwischenfälle auf die Alterung der Installationen zurückgingen.

Luxemburg: Cattenom gefährdet Fortbestand unserer Nation

Seit Fukushima sind Luxemburg, Deutschland und Belgien sehr besorgt. 2012 verabschiedete das Parlament des nur 11 km entfernten Luxemburgs einen Antrag, in dem es heißt, dass Cattenom "die Souveränität des Staates Luxemburg und den Fortbestand der Luxemburger Nation" gefährde. Der Beschluss fordert die definitive Schließung von Cattenom.

Auf den Mühlen der Gegner ist es Wasser, wenn sie von 47 Vorfällen im Jahr 2012 hören. "Das ist nichts Außergewöhnliches", meint Florien Kraft von der ASN. "Wir verzeichnen rund tausend meldepflichtige Ereignisse im Jahr in Frankreich, meistens ohne sicherheitstechnische Bedeutung. Bei EDF sind es im Schnitt zehn bis zwölf pro Reaktor. Cattenom liegt daher mit seinen vier Reaktoren im Mittelfeld." Dem Kontrolleur ist wichtig, dass die Vorfälle gemeldet werden. "Wenn ein Kraftwerk weniger meldet, vermuten wir ein Problem bei der Transparenz. Bei wichtigen Ereignissen machen wir Feinanalysen."

Die Vorfälle werden anhand der internationalen INES-Skala klassifiziert, die von Stufe 0 (unterstes Niveau) bis Stufe 7 reicht. 2012 gab es in Cattenom ein Ereignis der Stufe 2 (Störfall) und drei Ereignisse der Stufe 1 (Störung). 43 Vorfälle wurden mit 0 eingeordnet, also ein "Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung". Seit Inbetriebnahme des KKW Cattenom 1986 wurden mehr als 750 Störfälle gezählt.

"In Frankreich informieren wir seit zehn Jahren sehr proaktiv über alles. Daher lesen die Leute mehr und fragen auch mehr", erklärt Kraft. Er spricht zwei Sprachen und hält die Kontakte zu den Umweltministerien in Rheinland-Pfalz und dem Saarland, die über Messstationen für Radioaktivität an der Grenze verfügen. Der Präsident des Luxemburger Parlaments, Laurent Mosar, bleibt besorgt: "Die kürzlich von der Europäischen Kommission durchgeführten Sicherheitstests sind in einigen Punkten kritischer mit dem Kraftwerk in Cattenom als mit jenem in Fessenheim, zu dessen Schließung im Jahr 2016 sich die französische Regierung doch verpflichtet hat."

Nach dem neuerlichen Störfall Anfang Juni will die saarländische Umweltministerin Anke Rehlinger (SPD) in einem Gespräch mit der französischen Atomaufsichtsbehörde ASN am 1. September in Paris erreichen, dass Cattenom noch vor einer Abschaltung rasch mit notwendiger Sicherheitstechnik nachgerüstet wird. Rehlinger hält die Fristen für die notwendigen Nachrüstungen, die der Stress-Test der EU ergeben hat, für viel zu lang. So darf sich Betreiber EDF bis 2018 Zeit lassen, um den Reaktor mit neuen Notstromaggregaten nachzurüsten. Die Fristen müssten "deutlich verringert"werden.

Von Cordelia Chaton | Präsentiert von VDI Logo
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