22.10.2014, 13:37 Uhr | 0 |

3,5 JAHRE NACH ATOMkatastrophe Rückbau des ersten Reaktors in Fukushima beginnt

Dreieinhalb Jahre nach dem schweren Atomunfall in Fukushima haben heute die ersten Abbrucharbeiten am Reaktor 1 begonnen. Es sind die ersten Vorbereitungen, um die strahlenden Brennstäbe bergen zu können. Allerdings dürfte das nicht vor 2020 zu schaffen sein. Unterdessen erreicht die radioaktive Belastung der Umgebung neue Höchststände.

Im ersten Schritt bringen pumpt Tepco durch Bohrlöcher eine Art Harz ins Reaktorinnere
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Im ersten Schritt pumpt Tepco durch Bohrlöcher eine Art Harz ins Reaktorinnere. Dieses bindet radioaktive Partikel in der Luft. Die Brennstäbe lassen sich vermutlich erst 2020 bergen. 

Foto: dpa

Es ist ein allererster kleiner Schritt: Per Fernsteuerung dirigieren Spezialisten jetzt einen Kran, der sich dem Reaktor 1 im Unglückskraftwerk von Fukushima nähert. Geräte an dem Kran sollen kleine Löcher in den Schutzmantel bohren, der die Umgebung bislang vor der stärksten Strahlung schützt. Durch diese Öffnungen wollen die Techniker dann eine Art Harz ins Reaktorinnere einbringen, das radioaktive Partikel aus der Luft bindet.

Allein für diesen Vorgang plant der Kraftwerksbetreiber Tepco ein halbes Jahr ein. Erst dann soll der eigentliche Abbau des Schutzmantels starten. Die Dachkonstruktion wird dann Stück für Stück abgetragen, während weiter Bindemittel in das Gebäude eingesprüht wird. Und erst danach können die Verantwortlichen wohl überhaupt ermessen, wie es im Reaktor genau aussieht.

Klar ist: Zahlreiche Kernbrennstäbe darin strahlen weiterhin enorme Radioaktivität und Hitze ab und sind wahrscheinlich mit Beton und Stahl verschmolzen. Wie und wann die Brennstäbe geborgen und dann in wirklich sicheren Behältern untergebracht werden können, steht in den Sternen – Tepco hatte dafür das Jahr 2018 angepeilt, aktuell ist aber schon von 2020 die Rede.

Belastetes Wasser könnte ins Meer fließen

2020 – das ist das Jahr, in dem in Tokio die Olympischen Sommerspiele stattfinden sollen. Die japanische Hauptstadt liegt nur gute 200 Kilometer vom Katastrophengebiet entfernt. Die Regierung bemüht sich deshalb seit Monaten darum, die Situation in Fukushima als völlig kontrolliert darzustellen.

Daran jedoch gibt es erhebliche Zweifel. Ungelöst ist beispielsweise das Problem des steten Zuflusses großer Mengen Grundwasser in das Kraftwerk. Es vermischt sich teilweise mit dem Kühlwasser der Reaktoren und muss auf dem Gelände gespeichert werden. Experten befürchten, dass stark radioaktiv belastetes Wasser ins Meer abfließen könnte. Denn unklar ist bislang, wie weit solches Wasser bereits in den Boden unter der Anlage eingedrungen ist.

Rekordwerte bei Cäsium gemessen

Außerdem wurden erst vor kurzem in der Nähe des Reaktorgeländes die höchsten Cäsium-Werte seit dem Unfall im Frühjahr 2011 gemessen: 251.000 Becquerel pro Liter Wasser, festgestellt in der Nähe von Kühlwassertanks. Die Verantwortlichen führten diese Rekordwerte auf starke Regenfälle nach einem Taifun zurück – ohne genau den Zusammenhang erklären oder Sicherungsmaßnahmen für künftige Fälle dieser Art nennen zu können.

Die jetzt gestartete Öffnung des Schutzmantels an Reaktor 1 sollte ursprünglich schon im vergangenen Juli beginnen, doch Aufräumarbeiten an einem anderen Reaktor hatten die Befürchtung aufkommen lassen, dass radioaktiver Staub weit in die Umgebung entweichen und auf Reisfeldern niedergehen könnte. Dieses Problem soll nun mit dem Bindemittel gelöst werden.

Für den gesamten Abriss der havarierten Anlagen ist Tepco eine Kooperation mit Sellafield Ltd. eingegangen. Das britische Unternehmen gilt als weltweit führender Spezialist für den Rückbau von Atomkraftwerken. 

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Von Werner Grosch
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