22.08.2013, 09:00 Uhr | 0 |

"Ernsthafter Zwischenfall" Fukushima: Extrem verstrahltes Wasser aus Speichertank ausgetreten

An dem havarierten Reaktor von Fukushima sind 300 Tonnen stark radioaktiv verseuchtes Wasser aus einem Leck in einem Speichertank ausgelaufen. Japan hebt wegen dieser Panne die Atom-Warnstufe auf die Stufe 3 der siebenstufigen INES-Skala an. Der Unfall ist somit ein „ernsthafter Zwischenfall“.

Auffangtanks im havarierten Akw in Fukushima
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Rund 300 Tonnen verseuchtes Wasser seien aus diesen Auffangtanks ausgetreten, erklärte Tepco am Dienstag. 

Foto: dpa

Diese strahlende Brühe hat es in sich, die da am havarierten Atomreaktor Fukushima aus einem der Speichertanks für das Kühlwasser ausgetreten ist. 300 Tonnen stark radioaktiv verseuchtes Wasser sollen in das Erdreich gesickert sein. Das Wasser hat laut Kraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power (Tepco) sehr hohe Strahlungswerte von 100 Millisievert pro Stunde. Das ist der Strahlungswert, den ein Mitarbeiter in einem japanischen Atomkraftwerk innerhalb von fünf Jahren abbekommen darf, hier bekommt man den jetzt allerdings in einer Stunde.

Wasser enthält „Knochenkiller“ Strontium

Das ausgetretene Wasser enthält laut Tepco unter anderem Strontium, das Wissenschaftler gerne als „Knochenkiller“ bezeichnen. Denn Strontium schädigt das Knochenmark und kann Leukämie auslösen. Hält sich ein Mensch nur eine Stunde direkt neben diesem Wasser auf, so treten nach zehn Stunden erste Anzeichen der Strahlenkrankheit auf: Übelkeit und ein Rückgang der weißen Blutkörperchen.

Die japanische Regierung hebt jetzt wegen dieses gefährlichen Lecks im Speichertank die Atom-Warnstufe deutlich an. Die derzeitige Krise soll auf der siebenstufigen internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) nun mit Stufe drei und damit als „ernsthafter Zwischenfall“ bewertet werden. Bisher lag sie lediglich auf Stufe eins, war somit nur eine „Anomalität“, wie die Atomaufsicht des Landes mitteilte, weil Tepco anfangs gemeldet hatte, dass nur 120 Liter ausgelaufen sei. Wegen der geringen Menge ausgelaufenen Wassers hatte die Behörde den Zwischenfall mit Stufe 1 eingeordnet.

Seit zwei Jahren suppen täglich 300 Tonnen kontaminiertes Wasser ins Meer

Dieses Leck in einem Speichertank, welches im Übrigen weder gefunden noch verschlossen ist, ist bei weitem nicht das einzige Problem an den verwüsteten Kraftwerksblöcken. Denn schon seit gut zwei Jahren suppen jeden Tag 300 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser über Lecks aus den unterirdischen Gängen und Leitungsschächten ins Meer. Die Regierung hat den Betreiber Tepco aufgefordert, das Leck endlich zu schließen.

Die aberwitzige Idee: Es soll ein gigantischer Schutzwall aus gefrorenem Erdreich als Barriere gegen das Wasser geschaffen werden. Die bisher vorgenommenen Gegenmaßnahmen der Betreibergesellschaft Tepco sind ganz offenbar vollkommen unzureichend. Tepco hatte nach eigenen Angaben „chemische Mauern“ in das Erdreich gespritzt, die sich dort zu einer Sperre verhärten sollten. Doch das kontaminierte Wasser hielt sich nicht an die vorgesehene Richtung und strömte um die chemische Mauer herum ins Meer. Die gewaltigen Mengen radioaktiv verseuchten Wassers in der zerstörten Anlage sind für die Reparaturtruppen eines der größten Probleme überhaupt.

Tepco will Lagerkapazität auf 700 000 Tonnen erhöhen

Und die Wassermassen, die Tepco zu beherrschen hat, sind wahrlich gewaltig: 300 000 Tonnen radioaktiv kontaminiertes Wasser lagern bereits auf dem Betriebsgelände in Fukushima. In den kommenden zwei Jahren will Tepco die Kapazität auf 700 000 Tonnen erhöhen.

Es handelt sich dabei nicht nur um die riesigen Wassermengen, die zur nötigen Kühlung in die Reaktoren gepumpt werden. Denn jeden Tag dringen rund 400 Tonnen Grundwasser in die Reaktorgebäude ein und vermischen sich dort mit dem kontaminierten Kühlwasser. Die auf dem Gelände der Meiler gebauten zahlreichen Auffangtanks reichen für die Massen an belastetem Wasser kaum aus. Um das Wasserproblem endlich in den Griff zu bekommen soll jetzt ein unterirdischer Wall aus gefrorenem Boden um die Reaktorgebäude errichtet werden. Dazu sollen Rohre mit chemischen Kühlmitteln um die Gebäude der Reaktoren 1 bis 4 in das Erdreich verlegt werden. Der so entstehende Schutzwall soll eine Länge von 1,4 Kilometer haben.

Barriere sollen Steuerzahler finanzieren

Ein Regierungssprecher erklärte, dass der ohnehin finanziell schwer angeschlagene Betreiberkonzern Tepco die für eine solche Barriere nötigen Geldmittel nicht habe und deshalb der Staat und damit der Steuerzahler einspringen müsse. Der Bau eines Schutzwalles von derartigen Ausmaßen sei in der Welt beispiellos. Auch Shinji Kinjo, Chef der japanischen Atombehörde, erklärte, das Bewusstsein für die Krise sei bei Tepco nur gering ausgeprägt. Deswegen könne man die Firma im Kampf gegen die Havariefolgen nicht alleine lassen.

Es handelt sich in der Tat um gigantische Sanierungs- und Sicherungskosten, die der GAU in den vier Reaktorblöcken in Fukushima verursacht hat. Das staatlich unterstützte Nationale Institut für Industrielle Wissenschaft und Technologie schätzt, dass die Kosten am Ende umgerechnet bis zu 44 Milliarden Euro und damit fünfmal so viel, wie von der Regierung geschätzt, betragen. Tepco selber schätzt, dass die gesamten Entsorgungsarbeiten voraussichtlich 30 bis 40 Jahre dauern.

Es geht allerdings bei der Atomkatastrophe von Fukushima nicht nur um Sanierungs- und Sicherungskosten, es geht auch um Menschenleben. Immerhin war die Havarie in dem Atomkraftwerk von 11. März 2011 von der Behörde auf der höchsten INES-Stufe 7, das ist die „schwerste Freisetzung“ eingestuft. Damit steht die Atomkatastrophe von Fukushima auf einer Stufe mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986.

Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle bei Kindern gestiegen

Und Fukushima scheint Folgen zu haben: Untersuchungen von Kindern, die zum Zeitpunkt des Unfalls 18 Jahre oder jünger waren, haben ergeben, dass bei sechs weiteren Kindern Schilddrüsenkrebs diagnostiziert worden ist. Damit stieg die Zahl der Krebsfälle unter Kindern auf jetzt 18. Die Präfekturverwaltung will die Schilddrüsen aller in der Region um die havarierten Reaktoren lebenden Kinder, die am 11. März 2011 im Alter von 18 Jahren oder jünger waren, untersuchen. Bis Ende des vergangenen Monats wurden von den insgesamt 360 000 betroffenen Kindern 210 000 bereits untersucht. Neben den bisher 18 diagnostizierten Krebsfällen bestehe bei 25 Kindern ein „Verdacht“ auf Krebs. Das sind zehn Kinder mehr als bisher.

Ex-Akw-Chef Yoshida starb an Speiseröhrenkrebs

Anfang Juli starb der Direktor des Atomkraftwerks von Fukushima, Massao Yosida im Alter von 58 an Speiseröhrenkrebs. Yoshida wurde so etwas wie ein Volksheld in Japan, weil er sich in den ersten Stunden nach dem Erdbeben und dem darauf folgenden verheerenden Tsunami über die Anordnungen von Tepco hinwegsetzte und das Einpumpen von Meerwasser zur Kühlung der beschädigten Reaktoren fortsetzte. Durch diese Gehorsamsverweigerung verhinderte Yosida Schlimmeres. „Ich dachte mehrmals, ich würde sterben“, sagte der Volksheld später in Erinnerung an die wohl dramatischsten Stunden seines kurzen Lebens. Im Dezember 2011 war Yoshida wegen seiner Krebserkrankung zurückgetreten.

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Von Detlef Stoller
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