10.06.2014, 13:25 Uhr | 0 |

Turing-Test geknackt Erstmals hat sich ein Computer glaubwürdig als Mensch ausgegeben

Es gibt schon seit 60 Jahren einen Test zum Nachweis von künstlicher Intelligenz. Doch noch nie hat ein Computer diesen Test erfolgreich durchlaufen. Bis jetzt. Nun hat die Software Eugene Goostman aus Russland den Turing-Test bestanden und glaubwürdig einen 13-jährigen Jungen gespielt.

Filmszene aus Blade Runner mit Harrison Ford
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Filmszene aus Blade Runner mit Harrison Ford: In dem Film sind Menschen und Maschinen kaum noch zu unterscheiden. Harrison Ford versucht in dem Film, mit dem Voigt-Kampff-Test Menschen und Roboter zu unterscheiden. In der Wirklichkeit gibt es dazu den Turing-Test, den jetzt zum ersten Mal ein Computer bestanden hat.

Foto: Filmverleih interTOPICS

Es ist die Eingangsszene des legendären Science-Fiction-Films Blade Runner aus dem Jahre 1982, die verstörend aufzeigt, wie die Grenzen zwischen Robotern und Menschen verschwimmen können. Im dort so genannten Voigt-Kampff-Test enttarnt Harrison Ford als Roboterjäger einen der Replikanten, die fast als Mensch durchgehen. Angelehnt ist dieser Voigt-Kampff-Test an den Turing-Test und den gibt es wirklich. Den hat der britische Mathematiker und Kryptoanalytiker Alan Turing im Jahre 1950 entwickelt, um künstliche Intelligenz nachzuweisen.

Eugene Goostman überzeugt als 13-jähriger Junge

Nun hat zum ersten Mal den Computer den Test geknackt, auf einer Veranstaltung der University of Reading in London. Der Computer machte den menschlichen Schiedsrichtern in einem Chat glaubhaft, dass er ein ganz normaler 13-jähriger Junge sei. Und das gelang genau am 60. Todestag den brillanten Mathematikers Alan Turing, am vergangenen Samstag, 7. Juni 2014. Aus diesem Anlass ließ die University of Reading fünf Supercomputer mit diesem sehr speziellen Test quälen.

Bei diesem Test müssen jeweils zwei Chat-Partner entscheiden, ob der Dritte im Bunde echt oder künstlich ist. Mensch oder Maschine in fünf Minuten. Das nun erfolgreiche Programm gibt vor, ein Junge namens Eugene Goostman zu sein, ein 13-jähriger Schüler aus der ukrainischen Stadt Odessa. Eugene überzeugte die Menschen im Chat: Er bekannte glaubhaft, ein Fan des Rappers Enimen zu sein, weil der so politisch unkorrekt sei. Außerdem outete sich Eugene als Besitzer eines Meerschweinchens.

„Meilenstein der Computergeschichte“

Eugene Goostman ging beim Turing-Test äußerst gewieft vor. Um eigene Unsicherheiten zu übertünchen, stellte er den Testern jede Menge Gegenfragen über deren Arbeit oder Wohnort. Frech kritisierte er auch die mangelhafte Rechtschreibung seines menschlichen Chat-Partners.

Das alles überzeugte: 33 Prozent der menschlichen Probanden waren überzeugt, in Eugene ein menschliches Gegenüber im Chat zu haben. Der Turing-Text zieht seine Grenze bei 30 Prozent. Die Universität selber bezeichnet den Erfolg gar als „Meilenstein der Computergeschichte“. Allerdings mehrt sich auch schon die Kritik. Demnach soll Eugene ständig das Thema gewechselt haben, wenn er mit einer Frage nicht klar kam. Und das Profil eines ukrainischen Jungen, der auf Englisch schreibt, bot die Möglichkeit, viele Fehler des Programms zu verschleiern, schreibt das Portal Heise.

Es waren jeweils fünfminütige Unterhaltungen, die die Mitglieder der Jury unter anderem mit fünf Großrechnern absolvierten. In einem vergleichbaren Text, der ebenfalls von der University of Reading veranstaltet wurden, scheiterten im Jahre 2008 alle sechs Rechner. Die erfolgreichste Software schaffte es damals, 25 Prozent der Jury zu überzeugen. Nun also Eugene: Er kann beliebige Fragen beantworten, ist nicht auf vorher festgelegte Themengebiete fixiert.

Schwächen bei Befragung auf Englisch

Eugene Goostman stammt aus dem Jahre 2001. Der Russe Vladimir Veselov und sein Team haben ihn seinerzeit programmiert und seitdem unter einem Team von Wissenschaftlern um den Ukrainern Eugene Demchenko in Sankt Petersburg kontinuierlich weiterentwickelt. In den letzten Jahren haben die Wissenschaftler um Veselov vor allem daran gearbeitet, Eugene eine Persönlichkeit zu verpassen und an dem Konversationsmodul gefeilt, damit das Gespräch mit Eugene möglichst natürlich erscheint.

Schon vor zwei Jahren bestand Eugene Goostman so ausgestattet fast den strengen Turing-Test. So könne die Software inzwischen „behaupten, alles zu wissen, sein Alter würde es aber auch verständlich machen, wenn dem eben nicht immer so wäre“, begründet Veselow die Wahl der fiktiven Figur des 13-jährigen Jungen. Zudem könne man seine Herkunft als Erklärung für sprachliche Schwächen bei einer Befragung auf Englisch nutzen.

„Weckruf für Cyber-Kriminalität“

Dieser erste erfolgreich bestandene Test Alan Turings kann auch als Weckruf für die Computerindustrie gewertet werden. Kevin Warwick, Gastprofessor an der University of Reading, warnt jetzt vor Eugene: „Ein Computer, der Menschen vortäuschen kann, eine vertrauenswürdige Person zu sein, ist ein Weckruf für Cyber-Kriminalität.“

Schon jetzt kommt es immer wieder vor, dass sich Menschen von Online-Bekanntschaften Geld abknöpfen lassen, obwohl sie deren wahres Ich nicht kennen. Eugene mit seinem bestandenen Turing-Test dürfte daher in diesen Kreisen auf großes Interesse stoßen. Mit dem 13-jährigen Eugene bekommt der beliebte Enkel-Trick vielleicht endlich einen Namen.

Turing hat die Enigma geknackt

Alan Turing gilt als der führende Kopf bei der Entschlüsselung der deutschen Chiffriermaschine Enigma im Zweiten Weltkrieg. Zusammen mit anderen Koryphäen der Zahlenakrobatik hatte er es am legendären Landsitz Bletchley Park geschafft, die geheime Kommunikation der deutschen Truppen zu knacken und damit eine wichtige Hürde im Kampf der Alliierten gegen das Dritte Reich beseitigt.

Turing, ein Homosexueller unter Anklage im prüden Großbritannien, hatte vom Gericht eine Hormonbehandlung, eine Art „chemischer Kastration“ verordnet bekommen. In der Folge litt er an Depressionen und brachte sich wenige Tage vor seinem 42. Geburtstag am 7. Juni 1954 um. Die prüden Briten brauchten lange, um ihre Schuld am Tod von Turing einzugestehen. Erst 2009 entschuldigte sich der britische Staat für sein Vorgehen. Und erst im Dezember 2013 begnadigte Queen Elizabeth II Alan Turing posthum und hob die Verurteilung des begnadeten Mathematikers endlich auf.

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Von Detlef Stoller
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