19.04.2013, 10:59 Uhr | 0 |

Hannover Messe 2013 Industrie 4.0 wird weitgehend im Verborgenen wachsen

Vor einem Jahr war es noch ein echtes Insiderthema. Jetzt wurde das Projekt einer radikalen Modernisierung der industriellen Fertigung unter dem Schlagwort Industrie 4.0 in Hannover schon auf breiter Front diskutiert. Auf einer Podiumsdiskussion setzten sich Vertreter von Industrie und Verbänden mit den jetzt notwendigen Weichenstellungen auseinander.

Industrie 4.0 wird weitgehend im Verborgenen wachsen - Teaser
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Jetzt sind die Praktiker gefragt: Auf der Hannover Messe diskutierten v.r.n.l. Roland Bent (Phoenix Contact/ZVEI), Kerstin Geiger (SAP/Bitkom), Manfred Wittenstein (Wittenstein/VDMA) Henning Kagermann (Acatech) und Siegfried Dais (Robert Bosch Industrietreuhand) über Fragen zur Umsetzung von Industrie 4.0. Moderator der Runde war Martin Ciupek (VDI nachrichten).

Foto: U. Zillmann

Jetzt sind die Praktiker gefragt: Auf der Hannover Messe diskutierten v.r.n.l. Roland Bent (Phoenix Contact/ZVEI), Kerstin Geiger (SAP/Bitkom), Manfred Wittenstein (Wittenstein/VDMA) Henning Kagermann (Acatech) und Siegfried Dais (Robert Bosch Industrietreuhand) über Fragen zur Umsetzung von Industrie 4.0. Moderator der Runde war Martin Ciupek (VDI nachrichten). Foto: U. Zillmann

Die Industrielle Revolution Nummer vier wird eines jedenfalls nicht: Sie wird nicht von heute auf morgen alles Vorangegangene wegfegen. Insofern wird sie wohl eher als Evolution anmuten denn als eine leibhaftige Revolution. "Es wird ein gradueller Prozess sein", erklärte Siegfried Dais, Gesellschafter der Robert Bosch Industrietreuhand KG, im Rahmen einer Podiumsdiskussion am 8. April auf der Hannover Messe. "Es wird jedenfalls nicht so laufen, dass an einem Tag der Stecker der alten Technik gezogen wird und am nächsten Tag treten wir in eine neue Welt ein", verdeutlichte der renommierte Technik-Vordenker.

Denn bevor die vierte industrielle Revolution wirksam werden kann, sind zunächst noch eine Menge Herausforderungen zu bewältigen. Und bevor an eine Problemlösung im ingenieurtechnischen Sinne gedacht werden kann, müssen noch andere Voraussetzungen geschaffen werden – nämlich in den Köpfen der Beteiligten.

An erster Stelle gefordert ist in Zukunft der Blick über den Tellerrand: Ohne interdisziplinäres Denken bei allen Akteuren werde nichts gehen, mahnte Kerstin Geiger, Senior Vice President der Softwareschmiede SAP und als Maschinenbauingenieurin in der Softwarebranche erfahrene Grenzgängerin zwischen den Disziplinen.

Industrie 4.0 – oder auch Integrated Industry, wie der Ansatz der massiven Vernetzung der Produktionseinrichtungen im angelsächsischen Sprachraum genannt wird – berge immense Chancen, so Geiger – sofern die verschiedenen Fachbereiche zusammenfinden und symbiotisch zusammenarbeiten. "Damit können sie Innovationspotenziale schöpfen, die mit dem Denken und Arbeiten in Silos nicht leistbar sind," sagte Geiger.

Grundsätzlich sahen das alle Diskussionsteilnehmer ähnlich. Roland Bent, Geschäftsführer des Automatisierungstechnikanbieters Phoenix Contact, sah sich veranlasst, die Ehre der Maschinenbauer zu retten: "Ich denke der Maschinenbau wird grundsätzlich unterschätzt", erklärte Bent. "Diese Sparte war schon immer interdisziplinär tätig – etwa mit den Embedded Systems – aber sie tun das eher im Verborgenen."

Allerdings sollte Industrie 4.0 laut Bent Ansporn sein, von der IT-Branche mit ihren ausgeprägten Marketingfähigkeiten und ihrem Kommunikationstalent zu lernen. "Am Ende des Tages müssen wir unsere Partner und Mitarbeiter gewinnen. Wenn uns das nicht gelingt, dann nützt uns all das nichts, was wir uns im stillen Kämmerlein ausdenken. Deswegen ist die Zusammenarbeit mit anderen Branchen sehr wertvoll", schilderte er.

Viele Elemente der angekündigten industriellen Revolution Nummer vier sind indessen bereits Realität – jedenfalls in einigen besonders fortschrittlichen Wirtschaftszweigen, argumentierte Bent. Die vertikale und horizontale Integration und Vernetzung von Wertschöpfungsprozessen gebe es heute bereits. "Schauen Sie mal in eine Autoproduktion hinein, da findet das schon statt."

Dennoch sei das aktuelle plakative Herausstellen des Themas gut und richtig, denn diese Aufgabe können die beteiligten Branchen nur gemeinsam schultern. "Es hat für mich eine völlig neue Qualität, dass die drei großen Industrieverbände das jetzt gemeinsam anpacken", sagte Bent. "Insofern Danke für das Wachküssen, die Elektroindustrie ist voll dabei."

Henning Kagermann, als Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften einer der geistigen Väter von Industrie 4.0, zog einen Vergleich zu dem Hype rund um das Thema E-Commerce im Verlauf der Dotcom-Blase vor rund 15 Jahren. "Wir haben heute gelernt, dass so ein Big Bang, wie wir ihn damals vorhatten, nicht funktioniert", sagte Kagermann. Aber die damals propagierten Ideen seien an sich alle richtig gewesen und das meiste sei heute auch Realität geworden. "Seit 2004 reden wir über das Internet der Dinge – jetzt wird es Wirklichkeit", so Kagermann.

Fast etwas zu kurz kam das Thema Cyber-Sicherheit, obwohl sich viele Experten und auch die Diskussionsteilnehmer auf der Hannover Messe darin einig waren, dass hier noch erheblicher Nachholbedarf herrscht. "Wenn wir dieses Problem nicht lösen, wird es mit Sicherheit zum Showstopper", sagte Bent. Denn in einer vernetzten Produktionsstruktur werde sich auch die Zahl der Angriffsziele und Einfallstore vervielfachen.

Geiger verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass dabei neben zuverlässig funktionierenden technischen Lösungen der Mensch im Fokus stehen müsse. "Die Bewusstseinsbildung bei unseren Mitarbeitern ist hier ganz wichtig", sagte die SAP-Managerin. Schon einfache Maßnahmen könnten dabei einem laxen Umgang mit vertraulichen Informationen entgegenwirken.

Neben den Ingenieuren müssen auch die Juristen noch ihre Hausaufgaben machen, bevor Industrie 4.0 Wirklichkeit werden kann, darauf wies Kagermann hin. Der Grund: Mit der zunehmenden Autonomie der Produktionsmittel stellen sich ganz neue Haftungsfragen. Auch hinsichtlich des Spannungsfelds zwischen Datenschutz und Kommerzialisierung von Daten gebe es noch viel zu tun – hier liege Deutschland gegenüber den USA noch deutlich zurück.

Insgesamt aber, so das Fazit, habe Deutschland aufgrund seiner Spitzenstellung in den Bereichen Maschinenbau und Automatisierungstechnik eine gute Ausgangsposition für das globale Ringen um die nächste Entwicklungsstufe der Produktivität. Hierzu trage auch und ganz besonders der Umstand bei, dass in Deutschland gleichermaßen Hersteller und Anwender dieser Technik angesiedelt seien und daher die Dynamik des Geschehens mitbestimmen.

Manfred Wittenstein, Vorstandsvorsitzender der Wittenstein AG, wies darauf hin, dass die Revolution bereits in vollem Gang ist, viele Aktivitäten laufen bereits. "Das ist wie mit einem See voller Lotuspflanzen", prophezeite der Manager. "Ein halbes Jahr lang wachsen sie, aber man sieht nichts. Und dann ist innerhalb einer Woche der ganze See übersät mit Lotusblüten. Genau dieser Effekt ist es, den wir jetzt auf den Weg bringen."   CHRISTOPH HAMMERSCHMIDT

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Von Christoph Hammerschmidt | Präsentiert von VDI Logo
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