07.05.2013, 11:25 Uhr | 2 |

Arbeitswelt Digitale Arbeitswelt: Es geht an die weißen Kragen

Computer machen Mitarbeiter in immer mehr Branchen überflüssig. Experten sehen sogar die Gefahr, dass Computerprogramme die Jobs von Managern, Ärzten, Ingenieuren, Anwälten, Bankern und anderen Wissensarbeitern übernehmen. Das geht aus einer Studie  des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge hervor.

Supercomputer Watson von IBM
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Supercomputer wie Watson von IBM könnten künftig so viele Daten verarbeiten, dass sie auch Diagnosen stellen.

Foto: Wikimedia/IBM

Ein Arztbesuch im Jahr 2020, der Patient betritt das Behandlungszimmer und sagt "Ich habe eine Grippe". Der Arzt untersucht ihn und diktiert die Symptome in sein Handy. Von dort aus werden die Daten zu einem Supercomputer gefunkt. Er analysiert die Patientenakte, durchforstet Medizin-Datenbanken und Internetquellen. Dabei fällt auf: Der Patient kommt immer zu dieser Jahreszeit mit ähnlichen Symptomen in die Praxis. Außerdem berichtet eine Lokalzeitung im Netz über eine starke Besenkraut-Blüte in der Gegend. Sekunden später sieht der Arzt auf seinem Handy die Diagnose: "Der Patient ist gegen Besenkraut allergisch."

Supercomputer können auch bei Diagnosen helfen

Dieses Szenario könnte bald Alltag sein: Die US-Krankenversicherung WellPoint arbeitet schon an einer solchen Diagnosehilfe, eingesetzt werden soll der IBM-Supercomputer Watson. Der Alleswisser hatte zuletzt für Wirbel gesorgt, als er in der US-Quizshow "Jeopardy!” alle menschlichen Gegner ausstach. Nun soll er dabei helfen, Husten von Herzanfall zu unterscheiden. Und das könnte erst der Anfang sein, denn in immer mehr Bereichen übernehmen Computerprogramme die Aufgaben von sogenannten Wissensarbeitern. Sie sichten für Anwälte Beweismaterial, sie beraten Bankkunden bei der Auswahl der passenden Geldanlage, sie nehmen Managern die Preiskalkulation ab. In den USA redet man deshalb schon vom Vormarsch der "White Collar Robots", der Roboter mit den weißen Kragen.

Was macht die neue Generation von elektronischen Experten so überlegen? "Ihre Fähigkeit, selbst in gigantischen, ungeordneten Datenmengen noch interessante Querverbindungen zu finden", sagt Martin Welsch, Chief Technology Advisor bei IBM. Darüber hinaus könne der Nutzer mit dem Computer in einen Dialog treten, z. B. nachfragen, warum der Rechner diese oder jene Antwort gegeben hat.

Als erstes wird die Technik vermutlich in Arztpraxen einziehen. "Kein Mediziner hat mehr die Chance, beim Fachwissen den Überblick zu behalten", erklärt IBM-Forscher Welsch. Experten schätzen, dass es im Jahr 2020 schon 200 mal mehr medizinisches Wissen geben wird, als ein Mensch sich jemals aneignen kann. Supercomputer Watson dagegen kann in drei Sekunden eine Million medizinischer Fachbücher nach noch so exotischen Krankheitsbildern durchsuchen.

Auch die Börse will Supercomputer nutzen

Diese Fähigkeit zum ermüdungsfreien Datenfressen interessiert auch die Finanzbranche: Die amerikanische Citigroup plant, Watson künftig in der Kundenbetreuung einzusetzen. Der Alleswisser soll dabei helfen, aus Millionen von Aktien eine herauszufiltern, die passt und gute Kurschancen hat.

Auch Rechtsanwälte werden sich zunehmend von Algorithmen unter die Arme greifen lassen. Wie das funktioniert, war zuletzt beim Megastreit zwischen Samsung und Apple zu beobachten. Der koreanische Konzern sollte eine Milliardenstrafe zahlen, weil er angeblich beim iPhone abgekupfert hatte. Doch um das zu beweisen, musste das Gericht Millionen von internen Samsung-Dokumenten durchforsten. Für die Herkulesaufgabe holte man sich digitale Unterstützung: Ein Team von Rechtsanwälten durchsuchte zunächst per Hand einige hundert Dokumente – und zwar unter der Aufsicht eines Computers. Der lernte, auf welche Worte und Sätze die Juristen achteten, und durchkämmte anschließend die restlichen Dokumente selbstständig nach Hinweisen zum Technologieklau. Am Schluss entschieden die Prozessoren den Prozess mit.

Wissenschaftler sind begeistert von den neuen Möglichkeiten. Doch sicher ist auch: Die Roboter mit den weißen Kragen werden Jobs kosten, und zwar überall da, wo Menschen nur Routinetätigkeiten ausführen. Steuerberater, Buchprüfer und Übersetzer von Gebrauchstexten müssen vermutlich bangen, genau wie Journalisten. Die US-Firma Narrative Science zumindest hat schon eine Software entwickelt, die selbstständig Sport- und Finanznachrichten verfassen kann

Aber: Computer können nicht im menschlichen Sinne verstehen

Natürlich sind die Denkmaschinen nicht übermächtig. "Fortschritte gibt es nur da, wo sich Probleme auf statistische Faktoren reduzieren lassen", beruhigt Michael May vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS), Sankt Augustin. Er weist darauf hin, dass von digitaler "Intelligenz" noch lange keine Rede sein könne: Selbst Rechner wie Watson würden nicht im menschlichen Sinne verstehen, worum es bei einer Frage geht, sondern stur statistische Regeln anwenden, so May.

Computer können deshalb nur einfache Wissensarbeit erledigen – buchen, kalkulieren, recherchieren. Hier allerdings glänzt die Maschine: Internetversender Amazon etwa lässt seine Preise längst von Programmen festlegen, die aus vergangenen Verkäufen wissen, wie die Kunden auf Preisschritte reagieren, und blitzschnell den optimalen Preis kalkulieren können. Gibt es nicht genug Daten, starten die Maschinen mitunter auch selbstständig kleine Experimente – sie schicken zwei unterschiedliche Preise ins Rennen um herauszufinden, welcher für mehr Absatz oder Marge sorgt. Schlau? Sicher, aber nicht wirklich intelligent.

Noch nicht. Aber was passiert, wenn die Maschine weiter dazulernt? "Sicher ist: Das Refugium des menschlichen Geistes schrumpft", gibt Experte May zu.

Welche Tätigkeiten auf Dauer immun gegen Automatisierung sind, darüber streiten die Experten noch. David Autor, Ökonom am Massachusetts Institute of Technology (MIT), forscht zu dem Thema und erwartet, dass hoch qualifizierte Akademiker auch künftig nicht bangen müssen. "Es wird weiterhin eine Nachfrage nach Technikern, Wissenschaftlern und Ingenieuren geben." Diese Prognose schränkt Autor jedoch ein – gerade mit Blick auf Ingenieure. "Am sichersten werden Jobs sein, bei denen eine Kombination aus Technikwissen, Managementfähigkeiten und zwischenmenschlichen Kompetenzen gefragt ist."

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Von Constantin Gillies | Präsentiert von VDI Logo
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kommentare
23.05.2013, 00:47 Uhr Grundeinkommens-Mem
Maschinen nehmen uns die Arbeit weg – endlich!

http://blog.freiheitstattvollbeschaeftigung.de/category/automatisierung/

23.05.2013, 02:05 Uhr Grundeinkommens-Mem
Maschinen nehmen uns die Arbeit weg – endlich!

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