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07.06.2013, 15:30 Uhr | 0 |

Jahrtausend-Hochwasser Forscher: Über 40 Prozent des deutschen Gewässernetzes betroffen

Es sind vor allem die von dem vielen Regen der letzten Zeit völlig durchgefeuchteten Böden, die das aktuelle Hochwasser so dramatisch machen. Der Boden konnte das viele Regenwasser der letzten Maiwoche nicht mehr aufnehmen, es drängte daher sofort in die Flüsse. Genau, wie bei den Hochwasser-Katastrophen 2002 und 1954, so Potsdamer Forscher.

Das von der Donau überflutete Deggendorf aus der Luft
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Luftaufnahme des von der Donau überfluteten Deggendorfs am 5. Juni. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat vier Stunden lang die Hochwassergebiete an der Donau, der Elbe-, Saale- und Muldefluten in Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt aufgenommen. Es trug ein spezielles Kamerasystem für Luftaufnahmen in Katastrophengebieten an Bord, das im Projekt VABENE (Verkehrsmanagement bei Großereignissen und Katastrophen) entwickelt wurde.

Foto: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Die Parallelen des aktuellen Hochwassers in Süd- und Ostdeutschland mit den Hochwasserkatastrophen 2002 und 1954 sind offensichtlich: Einer Periode des Dauerregens, die die Böden füllte, folgten Tage mit Starkregen, die dann zu den katastrophalen Hochwasserständen der Flüsse führten. Das zeigt eine Analyse des Deutschen GeoForschungsZentrums GFZ inPotsdam, die die Forscher jetzt veröffentlicht haben.

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Der Marktplatz der Stadt Wehlen an der Elbe in Sachsen ist am 7. Juni völlig überflutet.

Foto: dpa/Arno Burgi

An vielen Orten im Lande zählte der Mai zu den nassesten seit Aufzeichnungsbeginn vor teilweise mehr als 100 Jahren. So meldete Hamburg Ende Mai eine Niederschlagsmenge von 160 mm, das entspricht 280 Prozent der Norm, Magdeburg war mit 133 mm noch nasser: 286 Prozent der Norm, heißt es in dem Bericht des GFZ. Dieser Dauerregen im Wonnemonat Mai sorgte dafür, dass in der letzten Maiwoche Bodenfeuchtewerte erreicht wurden, die auf rund 40 Prozent der Landesfläche einen neuen Allzeitrekord darstellten. Die Fähigkeit des Bodens, Wasser aufzunehmen war daher um bis zu 95 Prozent reduziert. Normal sind zu dieser Zeit 30 Prozent.

Staueffekte an den Nordrändern der Mittelgebirgen und der Alpen

Damit ist klar, dass es nahezu keine andere Möglichkeit für das viele Wasser gab, als sich über die Flüsse zu verteilen. Besonders heftig regnete es dann ausgerechnet im Zeitraum vom 28. Mai bis zum Morgen des 3. Juni 2013 in und an den Bayerischen Alpen, weil ein gigantischer Tiefdruckkomplex beständig feuchte Luft nach Mitteleuropa schaufelte. In der Folge kam es in Deutschland, Tschechien, Österreich und der Schweiz durch Staueffekte besonders an der Nordrändern der Mittelgebirge und der Alpen zu anhaltenden und intensiven Regenfällen.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Hadeloff unterhalten sich am 6. Juni an der Goitzsche in Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) mit Bundeswehr-Soldaten. Merkel informiert sich über die Situation in der vom Hochwasser gefährdeten Stadt.

Foto: dpa/Hendrik Schmidt

An der Station des Deutschen Wetterdienstes in Aschau-Stein im bayerischen Chiemgau wurde innerhalb von 96 Stunden eine Regenmenge von 405 mm erreicht. Das ist mehr als das Doppelte des durchschnittlich in einem ganzen Mai gemessenen Niederschlags. Allerdings waren bis dahin schon mehr als 200 mm Regen gefallen.

Aktuelles Hochwasser nur mit dem Hochwasser von 1954 zu vergleichen

Damit übertrifft das Juni-Hochwasser 2013 bereits jetzt das schlimme August-Hochwasser aus dem Jahr 2002 und ist wohl nur mit dem Hochwasser von 1954 zu vergleichen. Das Ausmaß der betroffenen Gebiete übertrifft 40 Prozent des deutschen Gewässernetzes, hat das GeoForschungsZentrum errechnet.

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Der Deggendorfer Ortsteil Fischerdorf ist am 7. Juni völlig von der Donau überflutet.

Foto: dpa/Marius Becker

Das Center for Disaster Management an Risk Reduction Technology (CEDIM), welches vom Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ und dem Karlsruher Institut für Technologie KIT gemeinsam betrieben wird, listet die aktuell betroffenen Regionen des extremen Hochwassers auf: In Deutschland sind das die Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Hessen, Baden-Württemberg, Bayern, dazu kommen Österreich, die Tschechische Republik und Polen.

„Zwei Jahrtausendhochwasser in elf Jahren“

Schon das Hochwasser im August 2002 galt als Jahrtausendhochwasser, genau wie das aktuelle. Da wundert es nicht, wenn etwa der parteilose Bürgermeister von Grimma, Matthias Berger, stöhnt: "Zwei Jahrtausendhochwasser in elf Jahren – das ist einfach zu viel. Wir sind gar nicht in der Lage, alle zehn Jahre unsere Stadt neu aufzubauen." Krasse Meldungen auch aus Passau. Dort soll der Donau-Pegel auf 12 Meter und 70 Zentimeter gestiegen sein. „Das gab in den letzten fünf Jahrhunderten nicht“, sagt Oberbürgermeister Jürgen Dupper.

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Das Hochwasser der Elbe steht am 5. Juni auf den Straßen von Meissen in Sachsen. Helfer in Rettungsbooten versorgen die Anwohner.

Foto: dpa/Martin Förster

Das stärkste Hochwasser im 20 Jahrhundert suchte Deutschland und Österreich im Juli 1954 heim. Katastrophenschwerpunkt war der bayerisch-österreichische Donauraum. Allein in Bayern überschwemmt das Wasser eine Fläche von etwa 150.000 Hektar und fordert 12 Menschenleben. Die Situation ist absolut mit der aktuellen vergleichbar: Ein lang anhaltende Tiefdruckwetterlage brachte zunächst Regenfälle, die die Böden sättigen. Darauf folgten vom 7. bis zum 11. Juli 1954 intensive Starkniederschläge.

Kanzlerin Merkel am gefährdeten Deich in Bitterfeld

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Der Deggendorfer Ortsteil Fischerdorf ist am 7. Juni vom Hochwasser der Donau überflutet.

Foto: dpa/Armin Weigel

Derzeit ist Bundeskanzlerin Angela Merkel viel in den überschwemmten Krisengebieten unterwegs, wie zuletzt in Bitterfeld, das aktut von Überflutung bedroht ist. Mehrfach lobte die Kanzlerin die große Solidarität in den Hochwassergebieten. "Man sieht, dass Hand in Hand gearbeitet wird. Das ist schon wunderbar, was die Solidarität und das Zusammenstehen anbelangt. Da kann man ein Stück stolz darauf sein, dass das so klappt." Gleichzeitig versprach sie unbürokratische Hilfe: „Wir tun, was möglich ist.“

In den Hochwassergebieten hatten sich Tausende freiwillig gemeldet, um die Deiche zu verstärken. Viele Helfer folgten dabei Facebook-Aufrufen und versammelten sich in mehreren Städten zum Füllen von Sandsäcken und zum Aufräumen. Denn darum geht es inzwischen in vielen Gebieten, in denen die Scheitelwelle des Monsterhochwassers vorübergezogen ist: ums Aufräumen.

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Von Detlef Stoller
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