13.10.2014, 17:36 Uhr | 0 |

Fünf Jahre Bauzeit Zugverkehr unterm Rautendach: Wiener Hauptbahnhof eingeweiht

Der neue Zentralbahnhof in Wien ist am Wochenende nach fünf Jahren Bauzeit eröffnet worden. Als Durchgangsbahnhof ersetzt er die bisherigen Kopfbahnhöfe – außerdem hat er auch architektonisch einiges zu bieten. Herausragend ist das Rautendach aus 7000 Tonnen Stahl.  

Rautendach des neuen Hauptbahnhofes in Wien
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Rautendach des neuen Hauptbahnhofes in Wien: Für die beeindruckende Konstruktion wurden 7000 Tonnen Stahl verbaut. Am Wochenende wurde der Bau neu eingeweiht.

Foto: ÖBB/Unger Steel

Wien ist um ein Kunstwerk reicher – und man kann, nein, man soll sogar darin herumlaufen. Am Freitag hat das Kleinod seine Pforten geöffnet. Dabei ist Kleinod vielleicht der etwas falsche Ausdruck: Immerhin handelt es sich um den neuen Hauptbahnhof der österreichischen Hauptstadt, das immerhin größte Bauprojekt Europas in den vergangenen zehn Jahren mit einem Investitionsvolumen von etwa einer Milliarde Euro – ohne die Umgestaltung des Bahnhofsviertels, das noch einmal rund dreimal so viel verschlingt.

Hauptbahnhof Wien: Durchgangs- statt Kopfbahnhof

Der neue Durchgangsbahnhof ersetzt das bisherige Konstrukt aus Süd- und Ostbahnhof, zwei über Eck gebaute Kopfbahnhöfe, an denen Bahnverbindungen aus bzw. nach Süden und Osten ankamen und abfuhren. Eine Verbindung zur Westbahn wird ebenfalls geschaffen.

Das findet sich in der Architektur des Bahnhofsgebäudes wieder, das in den Südtiroler Platz hineinragt: Mit der räumlichen Organisation der angrenzenden Gebiete sei eine Gleichwertigkeit sichergestellt, so der Wiener Architekt Albert Wimmer, dessen Büro den Bahnhof gemeinsam mit dem Atelier Ernst Hoffmann aus Wien und Theo Hotz Architekten und Planer aus Zürich realisiert hat.

Der neue Bahnhof ist nicht nur zweckmäßig und symbolträchtig, sondern weist auch selbst architektonische Besonderheiten auf: Vor allem das Rautendach zieht die Blicke auf sich. Rund 7000 Tonnen Stahl wurden für die 35.000 Quadratmeter große Konstruktion verbaut – so viel wie für den Pariser Eiffelturm.

Dachkonstruktion aus 14 Rauten mit 2400 Bauteilen

Dass das Ganze nicht erdrückend wirkt, liegt an der namensgebenden Rautenkonstruktion: Das Dach, das von Zwillingsstützen im Abstand von 38 Metern getragen wird, besteht aus 14 einzelnen Fachwerken in geschwungener Rautenform mit einer Länge von 76 Metern. 2400 Bauteile und 12.700 Platten stecken in dem kompletten Dach, und allein für jede Raute wurden 15.000 Schrauben verbaut.

Jeweils in der Mitte befindet sich ein Oberlicht, das Tageslicht hereinlässt. Konstruiert hat das Dach die deutsche Unger Steel Group, wofür das Unternehmen bereits im Sommer 2013 mit dem österreichischen Stahlbaupreis ausgezeichnet wurde.

ÖBB-Konzernzentrale fügt sich ins Gesamtbild

Das Dach, das sich über die fünf Bahnsteige mit insgesamt zehn Gleisen spannt, ist nicht die einzige architektonische Besonderheit. Zum Gesamtkonzept gehört auch die neue Konzernzentrale der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), das sich ins Gesamtbild einfügt. Entworfen und gebaut hat es das Archtekturbüro Zechner & Zechner aus Wien.

Der Entwurf, mit dem die Architekten 2009 den Wettbewerb gewannen, sah einen 88 Meter hohen Turm südlich des neuen Hauptbahnhofs vor. Das Gebäude ist S-förmig verschwenkt und öffnet sich im Norden so zu einem Vorplatz. Mit der geschwungenen Form und den gerundeten, glatten Oberflächen wollten die Architekten eine Verbindung zu modernen Hochgeschwindigkeitszügen schaffen. Außerdem findet sich die Rautenform des Bahnhofsdachs in dem Gebäude wieder.

Shoppingmall mit 90 Ladenlokalen

Schon längst sind Bahnhöfe nicht mehr nur Ein- und Ausstiegspunkt für Reisende, sondern dienen zunehmend als Treffpunkt und Einkaufsmöglichkeit. Diesen Anforderungen trägt der Wiener Zentralbahnhof mit einem Shoppingcenter auf der unteren Ebene Rechnung: Auf 20.000 Quadratmetern befinden sich rund 90 Ladenlokale für Geschäfte, Gastronomie und Dienstleistungsbetriebe.

Diese Mall – die dritte innerhalb eines Wiener Bahnhofs – hat noch einmal knapp 150 Millionen Euro gekostet. Bei aller Moderne – die Erinnerung an vergangene Bahnhofszeiten bleibt in Details weiter erhalten: So hält der Markuslöwe, bislang Wahrzeichen des Südbahnhofs, seit kurzem in der Halle des modernen Gebäudes Wache.

Komplett neuer Stadtteil entsteht rund um den Hauptbahnhof

Eine so grundlegende Veränderung wie die Umgestaltung von zwei Kopf- zu einem Durchgangsbahnhof geht auch an der Umgebung nicht spurlos vorbei. Das haben die Planer zum Anlass genommen, direkt Nägel mit Köpfen zu machen: Zum Gesamtkonzept gehören auch eine BahnhofCity und das Sonnenwendviertel: Ein komplett neues Stadtviertel ist hier entstanden.

Ein großer Teil der geplanten Wohnungen und Büroflächen ist bereits fertig – wenn der Rest bis 2019 komplett ist, soll es hier neben 550.000 Quadratmetern Bürofläche auch 5000 neue Wohnungen für insgesamt 13.000 Menschen geben, Schulen, Kindergärten und einen acht Hektar großen Park. Finanziell beteiligt sind neben der Stadt Wien auch private Investoren.

Keine Skandale, keine Verzögerungen, keine explodierenden Kosten

Mit den Kosten von insgesamt vier Milliarden Euro für das komplette Projekt – eine Milliarde Euro davon für den eigentlichen Bahnhof – sind die Planer sehr zufrieden: Sie liegen damit nur geringfügig über dem Plan. Auch zeitlich ist alles im grünen Bereich: Weder Verspätungen noch Skandale hatten das Projekt beeinträchtigt.

Schon seit Ende 2012 halten im neuen Bahnhof einige Schnell- und Regionalzüge. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember kommen die ersten Fernzüge von und nach Italien, Slowenien, Graz und Villach im Süden, Budapest im Osten und Brno, Prag und Warschau im Norden hinzu, vereinzelt auch bereits Züge aus westlicher Richtung. Voll in Betrieb genommen wird der Hauptbahnhof erst im nächsten Jahr: Ab Dezember 2015 fahren auch Züge, die derzeit noch bis oder ab Westbahnhof verkehren, über den neuen Zentralbahnhof. 

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Von Judith Bexten
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