18.10.2013, 15:09 Uhr | 0 |

Sicherheit im öffentlichen Verkehr Wuppertaler Schwebebahn steht nach Unfall erst einmal still

Nach einem Unfall an der Wuppertaler Schwebebahn steht das Wahrzeichen der Bergischen Stadt erst einmal still. Bis Montag verkehrt kein Zug. Eine Stromschiene brach auf einer Länge von 100 Metern aus der Trasse heraus.

Schwebebahnunfall in Wuppertal
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Ein etwa 100 Meter langes Stück der Schwebebahn-Stromschiene stürzte am 17.10.2013 in Wuppertal-Elberfeld zwischen den Haltestellen Kluse und Landgericht vom Gerüst. Die Stromschiene fiel auf mehrere Autos und blockierte die B7 sowie die Brücke Barmer Straße. Eine Schwebebahn, die zum Zeitpunkt des Unfalls in Richtung Oberbarmen unterwegs war, wurde kurz vor der Brücke Barmer Straße unsanft gestoppt. Die etwa 100 Fahrgäste mussten von der Feuerwehr mit einer Drehleiter in Sicherheit gebracht werden. Der Schwebebahnverkehr wird voraussichtlich noch bis Anfang nächster Woche ruhen. 

Foto: dpa/Peter Fichte

Leise, fast unhörbar verlässt ein Linienwagen der Wuppertaler Schwebebahn am Donnerstag, dem 17. Oktober gegen 18:40 Uhr die Haltestelle „Kluse“ in Höhe des alten Schauspielhauses im Stadtteil Elberfeld in Richtung Barmen – als es plötzlich ziemlich laut kracht. Auf 100 Metern Länge bricht eine starkstromführende Stahlschiene aus der Trasse heraus und landet in Einzelteilen auf der Bundesstraße 7, auf einem Parkplatz und in der Wupper. Die Stromschiene schlägt auf vier fahrende sowie zwei geparkte Autos auf und blockiert die gesamte Fahrbahn der Bundesstraße 7.

Rettung mit Drehleitern

Für die 76 Fahrgäste im Wagen der Schwebebahn begann eine bange Zeit des Wartens in zwölf Meter Höhe. Erst nach mehreren Stunden konnten sie von der Feuerwehr, die mit insgesamt 70 Rettungskräften im Einsatz war, mit Hilfe von drei Drehleitern, aus ihrem schwebenden Gefängnis befreit werden. Laut Feuerwehr wurde bei der Evakuierung des Zuges niemand verletzt. Ein Sprecher der Stadtwerke sagte, dass sechs Menschen vor Ort auf Schockzustände untersucht worden seien und für zwei die Fahrt mit der Schwebebahn im Krankenhaus endete.

„Wir haben heute Abend gleich mehrere Schutzengel gehabt“, sagte Wuppertals Bürgermeister Peter Jung (CDU), der sich vor Ort ein Bild von den Rettungsarbeiten machte. „Nicht auszudenken, was hätte passieren können.“ Es ist glimpflich abgelaufen. Die Polizei bezifferte den Schaden an den Autos auf mehr als 20.000 Euro. Eine Gefahr durch fließenden Strom habe nicht bestanden, betonte ein Sprecher der Stadtwerke. Auch an der Stelle nicht, wo die abgerissene Schiene bis in das Wasser der Wupper durchhing.

Schwebebahn ist das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel der Stadt

Sicher ist: Bis Montag passiert bei der Schwebebahn nichts mehr. „Die Schwebebahn wird mindestens bis Anfang nächster Woche nicht fahren“, gab die Stadt zu Protokoll. Es werden Busse eingesetzt, um die insgesamt 20 Stationen entlang der 13,3 Kilometer langen Strecke des wichtigsten öffentlichen Wuppertaler Verkehrsmittels anzudienen. Immerhin nutzen rund 87.000 Passagiere heute täglich die bei ihrer offiziellen Inbetriebnahme am 1. März 1901 „Einschienige Hängebahn System Eugen Langen“ benannte Hochbahn, die als Wahrzeichen der Stadt Wuppertal gilt.

Eugen Lange war die treibende Kraft

Der deutsche Unternehmer, Ingenieur und Erfinder Eugen Lange war die treibende Kraft hinter dem Projekt, eine Einschienenbahn hoch über dem Fluss zu bauen, die Wuppertal von Nord-Osten nach Süd-Westen durchquert. Auf den ersten 10,6 Kilometer folgt die Trasse der Bahn in etwa zwölf Metern Höhe dem Bett der Wupper flussabwärts. Auf Höhe der Station Am Zoo schwenken die Eisenschienen nach rechts und kurvt die restlichen 2,7 Kilometer bis zur Endhaltestelle Vohwinkel in etwa acht Metern Höhe durch die engen Wuppertaler Straßenschluchten.

Am 8. Februar 1897 wurde von den Elberfelder Stadtverordneten eine „Kommission zur Prüfung des Projekts einer Hochbahn“ gegründet. Die Macher betraten mit dem Konzept einer Schwebebahn technisches Neuland. Es galt die komplizierte Statik einer Streckenführung über die stets hochwassergefährdete Wupper sicher zu gestalten. Die Erbauer wählten ein System aus schräg gestellten Stützenpaaren, zwischen denen Brücken eingehängt wurden. Diese Normbrücken wurden nach ihrem Erfinder, dem deutschen Industriellen, Statiker, Flugzeugbauer und Maschinenbauer Anton von Rieppel, „Rieppel-Träger“ genannt. Rieppel ist auch bekannt als der Erbauer der Müngstener Brücke, die mit ihren 107 Metern Höhe als die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands gilt.

Kaiser Wilhelm II. gab sich die Ehre zur Probefahrt

Baubeginn für die Schwebebahn war im Sommer 1898. Am 24. Oktober 1900 gab sich seine Hoheit, Kaiser Wilhelm II. die Ehre und fuhr mit seinem Gefolge eine Probefahrt von Döppersberg in Elberfeld-Mitte bis zur Endhaltestelle Vohwinkel. Eröffnung feierte man dann am 1. März des ersten Jahres des zwanzigsten Jahrhunderts. 12 000 Tonnen Eisen waren bis dahin verbaut worden. Der Bau der Schwebebahn hat damals 16 Millionen Goldmark verschlungen. Ursprünglich gab es auf der Strecke der Schwebebahn 472 solcher Stützen und 472 Brücken. Heute sind es nach Umbauarbeiten ein paar weniger. Nach preußischer Gründlichkeit sind die Stützen durchgängig nummeriert. Diese ganze gigantische Stahlkonstruktion wird in einem permanenten Prozess neu lackiert, um die Konstruktion vor Korrosion zu schützen.

1995 beginnt umfassende Modernisierung

All die grüne Farbe half aber nicht wirklich und so begann im Jahre 1995 eine umfassende Modernisierung der Schwebebahn, die im Prinzip noch immer nicht wirklich abgeschlossen ist. Vom 15. Dezember 2009 bis zum 18. April 2010 stellte die Schwebebahn aus Sicherheitsgründen für vier Monate den Betrieb ein. Laut einem Gutachten waren die teilweise über 100 Jahre alten Gerüstteile in einem bedenklichen Zustand, infolgedessen wurden kritische Elemente ausgetauscht.

Der überwiegende Teil des Traggerüstes der Schwebebahn wurde erneuert sowie ein großer Teil der Haltestellen umgebaut. Nur drei der ursprünglichen Stationen, der Hauptbahnhof, die Haltestelle Alter Markt und die Haltestelle Ohligsmühle wurden dabei nicht demontiert, sondern modernisiert. Erst im Sommer 2013 wurden die rund 500 Millionen Euro teure Modernisierungsarbeiten an der Schwebebahn mit der Erneuerung der Station Werther Brücke weitgehend beendet.

Unfall mit fünf Toten

Es gab schon eine ganze Reihe von Unfällen auf der Wuppertaler Schwebebahn, die aber alle so wie der gestrige Unfall glimpflich abliefen. Nur bei einem Unfall gab es Tote zu beklagen. Am 12. April 1999 stürzte ein Wagen in die Wupper. Fünf Fahrgäste starben, 47 wurden verletzt. Der Grund für den schlimmen Absturz: Arbeiter hatten bei der Erneuerung des Traggerüstes ein für Montagehilfszwecke auf die Fahrschiene montiertes Bauteil vergessen zu demontieren. Der Zug krachte auf dieses Hindernis, wobei durch die Wucht des Aufpralls das vordere Drehgestell vom Wagendach abgerissen wurde und der Wagen in die Wupper stürzte.

Elefant Tuffi rastete aus und sprang in die Wupper

Der wohl kurioseste Unfall an der Schwebebahn geschah am 21. Juli 1950. An diesem Tag ließ der Zirkus Althoff seinen halbwüchsigen Elefanten Tuffi zu Werbezwecken zwischen den Haltestellen Rathausbrücke und Adlerbrücke mit der Schwebebahn fahren. Hierbei brach das durch die ungewohnten Geräusche und Schwingungen nervös gewordene Tier bereits nach wenigen Metern durch eine Seitenwand des Zuges und landete kaum verletzt in der Wupper. Die clevere Wuppertaler Milchverarbeitung – jetzt als Tuffi-Campina in niederländisch-deutscher Hand – ließ sich den Namen des Elefanten als Markenzeichen schützen.

Die Wuppertaler Schwebebahn befördert im Jahr 24,8 Millionen Fahrgäste und leistet dabei 116,1 Millionen Personen-Kilometer. Dafür verbraucht die Stadtwerke Wuppertal einen Fahrstrom von 3,26 Millionen Kilowattstunden. Die Schwebebahn verfügt über 27 Gelenkzüge, die ein Platzangebot von 3429 Plätzen bieten. Für besondere Anlässe gibt es auch heute noch einen Kaiserwagen. 

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Von Detlef Stoller
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