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02.04.2013, 16:50 Uhr | 0 |

Mehdorns Überraschungscoup Stararchitekt von Gerkan bekommt zweite Chance am Berliner Großflughafen

Helmut Mehdorn, neuer Chef des Berlin-Flughafens, holt den Architekten des Hauptstadtflughafens, Meinhard von Gerkan, als neuen Generalplaner zurück. Vor einem Jahr hatte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit von Gerkan noch für das Chaos verantwortlich gemacht und entlassen.

Architekt von Gerkan und die Regierungschefs Klaus Wowereit und Matthias Platzeck 2011 noch vereint.
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Damals noch ein Team: Flughafen-Architekt Meinhard von Gerkan (l), Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und der Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Matthias Platzeck (beide SPD), enthüllen im Juni 2011 am Berliner Flughafen Tegel ein Plakat des neuen Hauptstadt-Airports. Ein Jahr später wurde von Gerkan entlassen und für die Probleme des Flughafens verantwortlich gemacht. Jetzt holt der neue Flughafenchef Hartmut Mehdorn von Gerkan wieder zurück.

Foto: dpa/Robert Schlesinger

Der neue Chef des Berlin-Flughafens (BER), Hartmut Mehdorn, überraschte während der Ostertage mit einem Osterei der besonderen Art. Er will den im Mai vergangenen Jahres von Flughafen-Aufsichtsratschef Klaus Wowereit persönlich geschassten Architekten Meinhard von Gerkan zurück auf die Baustelle holen. Eine Idee, die polarisiert und gleichzeitig fasziniert.

Bereits zwei geheime Treffen

Meinhard von Gerkan hat bereits bestätigt, das es bereits zwei Treffen zwischen ihm und Mehdorn gegeben hat. Insofern ist das Tempo bemerkenswert, das der erst seit dem 11. März amtierende BER-Chef Mehdorn anschlägt. Noch im Januar warf die Flughafengesellschaft dem Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner (GMP) vor, dass ihre „unzureichende Planungsarbeit“ der Hauptgrund „für das Chaos“ auf der Baustelle des künftigen Großflughafens in Schönefeld gewesen sei.

Diese Vorwürfe sind erstaunlich deckungsgleich mit den Äußerungen des Aufsichtsrates unter den Vorsitz von Klaus Wowereit vom vergangenen Mai. Damals hieß es die „Generalplanerleistung“ sei eine der „entscheidenden Schwachstellen“ am Flughafen. Wowereit machte die GMP-Planer für die geplatzten Eröffnungstermine verantwortlich und feuerte sie von einem Tag auf den anderen.

Gleichzeitig klagte die Flughafengesellschaft gegen GMP auf Schadenersatz in Höhe von 80 Millionen Euro. Anfang des Jahres konterte das Büro Gerkan mit heftigen Vorwürfen gegen die frühere Chefetage der Flughafengesellschaft unter dem inzwischen ebenfalls geschassten Geschäftsführer Rainer Schwarz. Die Gesellschaft habe mit ihren zahlreichen Änderungswünschen den Bauablauf „regelrecht zerschossen“, schrieben Gerkans Anwälte nach Berlin. Bis Mai 2012 hätten insgesamt 286 Änderungsanträge die Baustelle „fortdauernd behindert.“

Experten hielten Rauswurf von Gerkans für einen Fehler

Der Rauswurf der Generalplaner wurde von vielen Experten als schwerer Fehler bezeichnet. So monierte Horst Amann, der Technikchef der Flughafengesellschaft, dass dabei „viel wertvolles Wissen verloren“ gegangen sei. Die vielen Kritiker des Rauswurfes von GMP ziehen gerne Vergleiche zur Medizin. Bei eine schwierigen Operation wäre es auch verheerend, den Chefoperateur wegzuschicken und den Strom abzuschalten.

Martin Delius (Piraten), Leiter des BER-Untersuchungsausschusses, begrüßt die Rückkehr von Gerkans. „Mit dieser Entscheidung könnte man das Vertrauen in das Projekt zurückgewinnen.“ Die grüne Fraktionsvorsitzende Ramona Pop sekundiert: „Nach von Gerkans Rauswurf hatte keiner mehr den Überblick über die Planungen am BER.“ Ole Kreins, verkehrspolitischer Sprecher der SPD, reagierte dagegen völlig entsetzt auf Mehdorns Idee: „Ich halte das für einen Aprilscherz. Das Planungsbüro von Gerkan war an vielen Stellen verantwortlich für die Misere bei BER.

Genau das glaubt Pirat Delius nicht. „Ich kann nicht sehen, dass die es verbockt haben.“ Und er greift auch Technikchef Amann an: „Technikchef Amann hat noch immer keinen Überblick über die Planungen“, so Delius. „Wenn wir jetzt den Gerkan bekommen, ist das hilfreich.“ Ramona Pop ist in ihrer Einschätzung ganz nah bei dem Piraten. „Klaus Wowereit wollte damals schnell einen Schuldigen haben. Über die Konsequenzen hat er sich keine Gedanken gemacht.“ Wenn Mehdorn wirklich Meinhard von Gerkan zurück in das Flughafenboot holt, sei das „eine Ohrfeige für Klaus Wowereit.“

Von Gerkan ist für die Berliner ein alter Bekannter. Nach seinen Planungen wurde bereits 1974 das sechseckige Tegeler Flughafengebäude gebaut. Auch das Tempodrom und die Rekonstruktion des Olympiastadions für die WM 2006 hat das Hamburger Top-Büro geplant. Allerdings ist von Gerkan auch dafür bekannt, die Baukosten kräftig in die Höhe zu schrauben. So kostete das Tempodrom mit 33 Millionen Euro am Ende fast doppelt soviel, wie einst geplant. Und auch ein weiteres Bauprojekt Meinhard von Gerkans in Berlin wurde erheblich teurer. Der Berliner Hauptbahnhof kostete am Ende eine Milliarde Euro und könnte jetzt trotzdem der Schlüssel dafür sein, dass von Gerkan von Mehdorn auf die Flughafenbaustelle zurückgeholt wird.

Mehdorn und von Gerkan kennen sich schon länger

Mehdorn und von Gerkan sind alte Bekannte und auch bekannt für ihre öffentlich ausgetragenen Streitereien. Schon einmal, beim Bau des Berliner Hauptbahnhofes, arbeiteten beide eng zusammen. Mehdorn als letzter Bauherr und von Gerkan als sein Architekt. Und der Berliner Hauptbahnhof ist im Jahre 2006 pünktlich zur Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet worden. Und zwar deshalb pünktlich, weil der umtriebige Manager Mehdorn gnadenlos auf das Tempo drückte, ohne Rücksicht auf die Architektur des Hautstadtbahnhofes. So verkürzte er die Glas-Überdachung über die obersten Bahnsteige um 100 Meter und ersetzte die aufwendige Gewölbekonstruktion im Untergeschoss durch eine simple Flachdecke. Der brüskierte Architekt schäumte vor Wut, sprach von „schlimmsten Verstümmelungen“ und klagte öffentlich: „Unsere Baukultur unterliegt einer unerträglichen Zerreißprobe, in der Kommerz und Management in Selbstherrlichkeit ihren Bogen seit Langem weit überspannen.“

Der Star-Architekt schäumte nicht nur, er verklagt auch die Bahn – mit Erfolg. Hartmut Mehdorn ließ sich nach dem Urteil mit dem Satz zitieren: „Wir haben einen Bahnhof bestellt und keine Kathedrale.“ Dann regelte der Bahn-Chef die vertrackte Lage auf seine eigene, hemdsärmelige Weise durch einen Vergleich: Die Bahn zahlte strittige Honorarforderungen als Spende an eine Stiftung von GMP zur Förderung junger Architekten. Und die Flachdecke? Die blieb. Zur feierlichen Eröffnung lobte Mehdorn seinen Architekten dann über den grünen Klee: „An den großen Leistungen von Herrn Gerkan hatte ich nie Zweifel.“ Die muss der so gelobte Stararchitekt nun in Berlin erneut unter Beweis stellen.

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Von Detlef Stoller
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