28.06.2013, 17:13 Uhr | 0 |

Flughafen Berlin-Brandenburg Mehdorn treibt BER-Teileröffnung voran – Flugroute über Wannsee wieder denkbar

Der Chef des Flughafen Berlin-Brandenburg Hartmut Mehdorn will zum Jahresende die ersten Passagiere in Schönefeld begrüßen. Gleichzeitig soll der innerstädtische Flughafen Tegel nicht etwa geschlossen werden, sondern gar zum Premium-Flughafen umgebaut werden.

Das Terminal des neuen Flughafens Berlin Brandenburg Airport Willy Brandt (BER) in Schönefeld (Brandenburg).
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Noch ungenutzt: Das Terminal des neuen Flughafens Berlin Brandenburg Airport Willy Brandt (BER) in Schönefeld (Brandenburg). 

Foto: dpa/Patrick Pleul

Es sind sehr kleine Brötchen, die der Chef des Großflughafens Berlin-Brandenburg, BER abgekürzt, derzeit backen muss. „Wir überlegen, zum Jahresende mit einem Probebetrieb am Pier Nord zu starten“, gab Hartmut Mehdorn jetzt bekannt. Möglich wäre der Betrieb mit zwei kleinen Fluggesellschaften, 1500 Fluggästen und sechs oder acht Flugzeugen am Tag, so Mehdorn. „So können wir testen, wie etwa die Gepäckabfertigung, die Sicherheitskontrolle und die Feuerwehr funktionieren.“ Die Mitarbeiter hätten so die Chance, sich an ihre neue Arbeitsumgebung zu gewöhnen. „Auf diese Weise können wir das Zusammenspiel des ganzen  Systems testen und in Ruhe etwaige Fehler beseitigen.“

Der Leerstand kostet jeden Monat Millionen

Das wären dann so um die 500.00 Fluggäste aufs Jahr hochgerechnet und damit wohl noch sehr weit entfernt von der Kapazität von 27 Millionen Passagieren, für die der rund fünf Milliarden Euro teure Hauptstadtflughafen geplant und auch gebaut worden ist. Aber ein wenig Flugbetrieb ist allemal besser, als der derzeitige verwaltete Leerstand, der jeden Monat zwischen 35 und 40 Millionen Euro kostet. Die Betreiber des verwaisten Flughafens denken derzeit indessen ziemlich laut darüber nach, den Flughafen Tegel zum Premiumstandort umzubauen.

Das Ganze soll scheibchenweise geschehen, um die Berliner nicht zu überfordern. Ein Teilumzug von Tegel zum neuen Hauptstadtflughafen in Schönefeld ist erst im Jahre 2015 möglich, die vollständige Inbetriebnahme des Neubaus nicht vor Oktober 2015. Die geltende Beschluss- und damit auch Rechtslage ist klar: Spätestens sechs Monate nach Inbetriebnahme des Flughafens Berlin-Brandenburg, der den schönen klangvollen Namen „Willy Brandt“ trägt, muss Tegel schließen. Das lässt Mehdorn so nicht stehen: „Wenn die Politik etwas ändern will und die Notwendigkeit besteht, findet sie immer eine Möglichkeit.“ Der streitbare Flughafen-Chef ist gerade einmal 100 Tage im Amt und leitet eines der schwierigsten Projekte, die derzeit für einen Manager in Deutschland zu haben sind.

Mehdorn vergleicht BER mit Zahnpastatube

Die Ausgangslage: Drei staatliche Gesellschaften, eine argwöhnische Öffentlichkeit und eine frustrierte Belegschaft, der er den BER selbst erst wieder schmackhaft machen muss. Der von ihm favorisierte Weg der Teileröffnung ist für Mehdorn so etwas wie die Königsdisziplin der Zahnpastatube: „Die müssen Sie hinten ordentlich aufrollen, damit Sie vorne auch ganz gut Zahnpasta herausbekommen.“ Seine Theorie: Wenn die Arbeiter am Bau merken, dass die ersten Fluggäste anrücken, geht es schneller voran. „Auch wenn ich jetzt nerve, das Wichtigste ist, dass wir mit dem BER so schnell wie möglich fertig werden“, so Mehdorn. Deshalb sollen noch in diesem Winter im bereits fertiggestellten Nordflügel des Abfertigungsgebäudes die ersten Passagiere einchecken. „Es ist denkbar, dass es in diesem Jahr noch geht, aber beschlossen ist es noch nicht“, sagte der 70-Jährige, für den der innerstädtische Flughafen Tegel weiterhin wichtig ist.

Noch 2017 sollen in Tegel pro Stunde demnach 42 Maschinen abheben oder landen, genauso viele, wie dann am neuen Flughafen. Ab 2019 soll Tegel als „Premium-Flughafen“ unbefristet weiter betrieben werden. „Das wäre ein schwerer Vertrauensbruch für die Bürger im Norden Berlins“, beschwert sich der Vorsitzende im Verkehrsausschuss des Bundestages, Anton Hofreiter von den Grünen. „Zumal die Schließung der innerstädtischen Flughäfen ja eine Voraussetzung war, dass es die Genehmigung für den BER überhaupt gab.“

Dritte Landebahn als Notfallreserve

Mehdorn reagiert auf solche Kritik eher gereizt: „Ich leiste einen Diskussionsbeitrag, entscheiden wird das die Politik.“ Er weist darauf hin, dass es keine Hauptstadt auf dieser Welt gebe, die nur zwei Landebahnen habe. „Genau das wird bei uns aber der Fall sein, wenn der ganze Verkehr über BER abgewickelt wird.“ Man brauche eine dritte Landebahn als Notfallreserve, argumentiert der ehemalige Bahnchef, der für seine Hartleibigkeit bekannt ist.

Mehdorn ist daran gelegen, den Umzugsprozess von Tegel nach BER zu entzerren, deshalb jetzt die Idee der Teileröffnung. Trotzdem werde es einen großen Umzugstermin des alten Flughafen Tegels nach Schönefeld geben, denkt Mehdorn. „Ich persönlich glaube schlicht nicht, dass es möglich ist, BER von Null auf Hundert in einer Sekunde zu starten.“ Ein konkreter Umzugstermin nach Schönefeld werde im Herbst genannt.

Gekippte Flugroute über Wannsee wieder im Spiel

Inzwischen ist auch die Diskussion um fehlerhaft berechnete Flugrouten und vor allem die umstrittene Flugroute über den Wannsee wieder offen. Die Flugroute über den Wannsee war vom Oberlandesgericht Berlin-Brandenburg im Januar gekippt worden, weil dort ein Forschungsreaktor steht und die Behörden das Absturz- und Anschlagsrisiko für Flüge über den atomaren Forschungsreaktor nicht ermittelt hatten. Doch nun hat der Betreiber des Reaktors, das Helmholtz-Zentrum erklärt, dass es diesen Reaktor im Jahr 2020 abschalten möchte. Es will sich neu ausrichten und als Energieforschungszentrum mit Schwerpunkt Materialforschung etablieren. Damit fällt nach Ansicht von Niklaus Herrmann, Direktor des Bundesaufsichtsamts für Flugsicherung (DFS) der „einzige kritische Punkt“ für die Route über den Wannsee weg. Dafür müsste die DFS diese Route nun neu vorschlagen und der Fluglärmkommission zur Beratung vorlegen.

Generell ist das Thema Schallschutz gerade wieder auf der Backlist des Flughafens aufgetaucht. Die Flughafengesellschaft will gegen ein Urteil des  Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg vorgehen, dass Ende April erhebliche Nachbesserungen beim Schallschutz forderte. Eine Revision ließ das Gericht damals nicht zu. Dagegen reichte die Flughafengesellschaft jetzt Beschwerde ein. Brandenburgs Ministerpräsident und BER-Aufsichtsrats-Chef Matthias Platzeck von der SPD vertritt beim Lärmschutz zwar einen andere Meinung, zeigte jedoch Verständnis für die Entscheidung der Beschwerde: „Ich respektiere, dass Flughafenchef Hartmut Mehdorn auch aus Haftungsgründen alle Rechtswege ausschöpft.“

Mehrdorn ist für 24-Stunden-Betrieb am BER

Die lärmgeplagten Bürger Berlins müssen sich unter Hartmut Mehdorn warm anziehen. „Wir zahlen einen Aufpreis für Demokratie. Die Wirtschaft muss lernen, das im Zeitetat und auch im Geldetat einzurechnen", sagte er. „Wir können froh sein, dass wir ihn zahlen müssen. Ich bin ein Freund der Bürgerbeteiligung." Der BER müsse jetzt verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen. Eine Möglichkeit bietet sich beim Nachtflugverbot. Mehdorn zeigte zwar auch Verständnis für Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, der das Volksbegehren für ein strengeres Nachtflugverbot angenommen hat. „Das muss er als Ministerpräsident. Aber ich bin Flughafenchef, und da würde ich den BER am liebsten 24 Stunden lang betreiben", so Mehdorn. 2Da werden wir einen Kompromiss finden müssen." Man kann auch sagen: Da ist noch Musik drin

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Von Detlef Stoller
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