07.07.2016, 15:05 Uhr | 0 |

Start in Düsseldorf Media-Saturn schickt die Ware mit rollendem Roboter ins Haus

Nicht wundern, wenn demnächst ein rollender Roboter vor der Tür steht, um den bei Media-Saturn gekauften TV-Receiver auszuliefern. Oder eine heiße Pizza? Die Metro und Hermes wollen nun in Düsseldorf eine rollende Paketbox einsetzen. Ob dieses Wägelchen wirklich den Paketboten ersetzen kann?

Es geht los! In fünf Städten in Deutschland, der Schweiz und Großbritannien machen sich ein paar Dutzend kleine Roboter startklar, um echte Pakete und richtige Lebensmittel an existierende Kunden auszuliefern. Nach 8.000 Testkilometern auf Bürgersteigen und Teststrecken sollen die kleinen Lieferroboter von Starship Technologies nun erstmals in Düsseldorf, London, Bern und einer weiteren deutschen Stadt im echten Betrieb eingesetzt werden.

Media-Saturn will Unterhaltungselektronik ausliefern

Im Gepäck haben sollen die rollenden Roboter Pakete, Lebensmittel oder Pizza: Der Handelsriese Metro mit seiner Tochter Media-Saturn, der Paketdienst Hermes und die Lebensmittel-Lieferdienste Just Eat und Pronto haben Interesse an den elektronischen Mitarbeitern angemeldet.

Das ist dann auch gleich eine ziemliche Bandbreite an Waren: Schließlich muss eine heiße Pizza anders behandelt werden als die kühle Flasche Sekt, während ein Paket mit einem Elektronikartikel im Normalfall gar nicht temperiert werden, sondern „nur“ heil und pünktlich beim Empfänger ankommen muss.

Paketroboter orientiert sich mit neun Kameras

„Mit Robotern von Starship wollen wir bald in der Lage sein, unseren Kunden Lieferungen in nahezu Echtzeit anbieten zu können“, sagte Metro-Managerin Gabriele Riedmann de Trinidad bei der Vorstellung des Pilotversuchs. „Die Lieferung zum Wunschtermin des Kunden sowie Schnelligkeit werden immer wichtiger in unserem Lieferprozess“, so Martin Wild von Media-Saturn.

Fast ganz allein, auf sich, neun Kameras zur Navigation und moderne Software gestützt, machen sie sich auf die sechs Räder, um ihren Job zu erledigen. Okay, im Hintergrund beobachtet noch ein Servicemitarbeiter, ob sie sich auch wirklich nicht verirren oder in einem Schlagloch steckenbleiben – aber im Großen und Ganzen sollen die Lieferwägelchen ihren Job tatsächlich autonom erledigen. Wenn sie es gut machen, kommen demnächst noch Kollegen in anderen europäischen Städten und den USA dazu.

Autonome Lieferung mit 6,4 km/h

Rund zehn Kilo wiegen die kniehohen Wägelchen aus Kunststoff, und ungefähr so viel können sie auch in ihrem Innenraum transportieren. Fertig gepackt, machen sie sich mit einem raschen Fußgängertempo von 6,4 Kilometern pro Stunde auf den Weg zum Empfänger, der in einem Radius von etwa fünf Kilometer um ihren Standort wartet. Das Zeitfenster für die Lieferung hat er vorher festgelegt.

Ähnlich wie selbstfahrende Autos navigieren sie mithilfe ihrer neun Kameras, GPS und eigens entwickelter Navigationssoftware durch den Straßenverkehr – beobachtet von einem Servicemitarbeiter, den sie auch anrufen können, wenn sie vor einem Hindernis stehen. Treppen zum Beispiel gehen gar nicht, Bordsteinkanten sind dagegen okay.

Und auch, wenn Langfinger oder Vandalen sich an dem Roboter zu schaffen machen, ruft er um Hilfe. Der Servicemitarbeiter hat dann die Möglichkeit, sich zumindest verbal in die Auseinandersetzung einzuschalten und vielleicht die eine oder andere Entführung zu verhindern.

Empfänger öffnet die Box per Smartphone-App

Der Empfänger kann den Weg seiner Bestellung per Smartphone-App verfolgen und schließlich auch aus der Box befreien – denn die lässt sich nicht von jedem öffnen. Wenn die kleinen Kerlchen auf sechs Rädern ihren Auftrag ausgeführt haben, rollen sie zurück nach Hause, wo sie neu bepackt oder je nach Bedarf aufgeladen werden. Eine Dusche ist je nach Zustand ebenfalls drin.

Nicht nur die Erfinder, auch tatsächliche und potenzielle Kunden sehen große Vorteile der rollenden Boten gegenüber ihren fliegenden Kollegen, auf die zum Beispiel Amazon und DHL derzeit setzen: Zwar benötigen die Lieferroboter zumindest in Deutschland ebenfalls eine Genehmigung der jeweiligen Gemeinde, auf deren Straßen sie rollen, die Regelungen sind aber deutlich weniger streng als bei Drohnen.

Väter des Lieferroboters sind zwei Skype-Mitbegründer

Zudem reagiert die Bevölkerung eindeutig positiver auf die Wägelchen: Während viele Leute Angst vor Ausspähung durch Drohnen oder gar einen Absturz haben, ecken die rollenden Roboter offenbar wenig an. Versuche haben gezeigt, dass Passanten sie in der Regel ignorieren. Zu Unfällen sei es in der gesamten Testphase nicht gekommen – und das bei bei rund 400.000 Begegnungen, wie die Erfinder betonen.

Und wer sind die Erfinder? Die noch namenlosen Hightech-Bollerwagen stammen von einem Start-up mit Sitz in Estland und Großbritannien und inzwischen 55 Mitarbeitern. Mit Zukunftstechnologie kennen sich die Gründer von Starship Technologies aus: Ahti Heinla and Janus Friis gehörten schon zu den Mitbegründern des Internet-Telefondienstleisters Skype.

Ein Dollar Kosten pro Lieferung

Die Entwickler haben sich noch nicht festgelegt, ob sie ihre Lieferantenflotte selbst betreiben oder verkaufen wollen. So oder so rechnen sie mit Kosten um einen Dollar pro Lieferung – nicht allzu viel für die traditionell teure sogenannte „letzte Meile“ einer Ware auf dem Weg zum Endkunden. Für die Empfänger rechnet sich das Modell auf jeden Fall: Trinkgeld erwartet der rollende Pizzabote nicht. 

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Von Judith Bexten
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