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22.05.2014, 13:24 Uhr | 0 |

Neue Züge sind zu breit Hohn und Spott für französische Bahn

20 Zentimeter breiter sind die neuen Regionalzüge der französischen Staatsbahn SNCF und garantieren all den gestressten Pendlern einen höheren Komfort. Doch leider passen die Züge nicht in die oft weit über 100 Jahre alten Bahnhöfe Frankreichs. Ein Krisenplan sieht nun vor, die Bahnsteigkanten an 1300 Bahnhöfen abzuschleifen.

Neuer Regionalzug der SNCF
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Der neue Regionalis: Sieht schön aus und bietet den Fahrgästen Komfort, ist aber für viele Bahnhöfe Frankreichs zu breit. 

Foto: Screenshot ingenieur.de

Jeder Zentimeter zählt! Das ist gerade bei der französischen Staatsbahn SNCF zu bewundern. Das staatliche Unternehmen hat jetzt in Gemeinschaftsarbeit mit der Gleisgesellschaft RFF den Beweis geliefert, dass das für seine Streiche berühmte Schilda durchaus auch in Paris beheimatet sein kann. Nachdem beide stolze fünf Jahre an einem Großauftrag für den kanadischen Waggonbauer Bombardier und den französischen Eisenbahnhersteller Alstom über 341 nagelneue Lokomotiven mit insgesamt 1900 Wagen gebrütet haben, stellen sie nun fest, dass diese schönen Züge mit einem Listenpreis von 15 Milliarden Euro für die Einfahrten in Hunderte von französischen Bahnhöfen um ganze 20 Zentimeter zu breit sind.

Riesige Kommunikationspanne zwischen SNCF und RFF

Es ist das Ergebnis einer gigantischen Kommunikationspanne: Die SNCF erkundigte sich bei der RFF nach den Maßen der Bahnhöfe. Die staatliche Gleisgesellschaft zögerte nicht und lieferte die gewünschten Informationen. Das waren allerdings 30 Jahre alte Daten. Viele Bahnhöfe in Frankreich sind aber wesentlich älter, haben breitere Bahnsteige und damit auch weniger Platz für die Züge. Vor Ort überprüft hat die Angaben der Gleisgesellschaft aber niemand von den Experten der französischen Staatsbahn. Die SNCF ist offenbar ein seltener Gast auf französischen Bahnhöfen.

Nach Angabe der beiden Unternehmen kostet diese Posse rund 50 Millionen Euro. Diese Zahl bezeichnete der frühere Transportminister Dominique Bussereau als eine „totale Unterschätzung“. Willy Colin, Sprecher der Vereinigung der Bahnreisenden Avue, wurde deutlicher: „Erst dachte ich, das sei ein Aprilscherz. Jetzt bin ich schockiert. Wir müssen unverzüglich erfahren, wer verantwortlich ist und wer dafür bezahlen wird.“

„Thema etwas spät entdeckt“

RFF-Präsident Jaques Rapoport räumte in einem Radiointerview ein, dass man „das Thema etwas spät entdeckt hat“. Doch, so setzte er aufgeräumt nach, Frankreich müsse seine bis zu 150 Jahre alten Bahnsteige ohnehin erneuern. „Wenn man ein neues Auto kauft, dann muss man auch manchmal den Ort umbauen, wo es hinein soll. Das stimmt auch für Flugzeuge und Boote“, so Rapoport. Und schließlich würden die breiteren Züge den Reisenden zugutekommen, denn sie böten mehr Platz und Komfort. Es ist auch nicht mehr zu ändern, der Auftrag an Alstom und Bombardier ist bereits verbindlich erteilt.

„Weil sie noch nie einen Ferrari hatten“

Die Lösung für das Problem kann laut RFF-Sprecher Christophe Piednoél ein Abschleifen von Bahnsteigen oder die Verlegung von Elektrokästen sein. Er bemühte als Erklärung einen schiefen Vergleich: „Das ist so, als würden Sie einen Ferrari kaufen, ihn in Ihre Garage stellen wollen, nur um festzustellen, dass er nicht reinpasst. Weil Sie noch nie einen Ferrari hatten.“ Die Staatsbahn hat jetzt dann also gleich 341 Ferraris. Bis Ende 2016 sollen die neuen schicken Regionalzüge im täglichen Pendeleinsatz rollen. 300 Bahnsteige sind bereits so umgebaut, dass die neuen Lokomotiven und Anhänger nicht funkensprühend an den Bahnsteigkanten entlangschrammen.

Keine Erhöhung der Fahrpreise durch die Panne

Nach Angaben der SNCF sind es 1300 der 9000 französischen Bahnsteige, die nun rasch umgebaut werden müssen. Der schneidige RFF-Präsident hält die Zusatzausgaben von 50 Millionen Euro für die Erneuerung eines Siebtels aller französischen Bahnsteige bei jährlichen Kosten für das gesamte Bahnsystem von acht Milliarden Euro für verkraftbar. Zudem versicherte er, dass die Umbaukosten keinerlei Auswirkungen auf die Fahrschein-Preise oder für die französischen Steuerzahler haben.

Reform der Bahnreform kommt ins Parlament

Die französische Regierung will sich mit diesen Erklärungen nicht zufriedengeben und hat den Schuldigen für die Panne schon gefunden. Verkehrsminister Frederic Cuvillier nannte das ganze Bahnsystem des Landes „absurd“ und erklärte: „Das passiert, wenn man den Schienenbetreiber von der Bahngesellschaft trennt.“ Damit liegt er wohl nicht so ganz falsch. Denn es war eine Forderung der Europäischen Union, die im Jahre 1997 zu einer Trennung von Netz und Betrieb in Frankreich führte.

Seitdem ist der eigens dafür gegründete Staatsbetrieb RFF für das Schienennetz des Landes verantwortlich. Schon länger wird in Frankreich über eine Reform der Bahnreform debattiert. Am 16. Juni wird diese Reform im Parlament behandelt. Sie sieht vor, dass SNCF und RFF in ein großes Unternehmen in öffentlicher Hand zusammengelegt werden.

„Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen“

Ségolène Royal, Frankreichs Ministerin für Umwelt, Energie und Transport, nimmt die Manager in die Verantwortung: „Die Verantwortlichen werden dafür bezahlen. Wie kann man nur solche Entscheidungen treffen, die so weit von der Realität vor Ort entfernt sind?“ Ein Parlamentsausschuss will RFF-Chef Rapoport und den SNCF-Vorstandsvorsitzenden Guillaume Pépy demnächst vorladen. Die französischen Regionen, die einen Teil der französischen Bahnstrecken finanzieren, schlossen kategorisch aus, sich an den nun anfallenden Mehrkosten zu beteiligen. “Wir weigern uns, auch nur einen Cent für diese Reparaturen zu zahlen. Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen”, so Alain Rousset, Präsident des Verbands der Regionen.

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Von Detlef Stoller
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