Verkehr, Logistik & Transport

RSS Feeds  | Alle Branchen Verkehr, Logistik & Transport-Visual-100938750
22.07.2013, 15:42 Uhr | 0 |

Noch unter der U-Bahn Die Turbo-S-Bahn Crossrail bohrt sich durch Londons Zentrum

Der ohnehin stets dichte Straßenverkehr in London ist gegenwärtig ganz besonderen Belastungen ausgesetzt - und diese bleiben auch noch einige Jahre bestehen. Es geht um Crossrail, die derzeit größte Infrastruktur-Baustelle in ganz Europa. Auf 14,8 Mrd. £ oder umgerechnet mehr als 17 Mrd. € veranschlagt sind die Kosten für die 118 km lange neue Schnellverkehrs-S-Bahn, die in Ost-West-Richtung die britische Metropole kreuzen und abschnittsweise von 2015 bis 2018 in Betrieb gehen soll.

Crossrail-Station Canary Wharf in London
Á

Canary Wharf Station: Die neue Linie quer durch London bietet an einigen neu zu bauenden Stationen Gelegenheit, mit spektakulären Neubauten ganze Stadtviertel mit einem neuen Zentrum zu bereichern.

Bildquelle: CWS

Tief unter der Londoner City arbeiten deutsche Herrenknecht–Tunnelbohrmaschinen daran, das Kernstück von Crossrail, den 21 km langen Eisenbahntunnel fertigzustellen und die verschiedenen Kopfbahnhöfe miteinander zu verknüpfen. Der Durchbruch für das schon seit mehr als 60 Jahren zum Teil auch sehr kontrovers diskutierte Crossrail- Projekt gelang schließlich, weil die in London vorhandenen U-Bahn- und S-Bahn-Dienste trotz beträchtlicher Investitionen einfach das ständig steigende Verkehrsaufkommen nicht mehr bewältigen können.

Zu den vielen Herausforderungen an die Planer und Bauingenieure zählt, dass sie Crossrail unter den ohnehin teilweise schon sehr tief liegenden U-Bahn-Strecken entlang führen müssen. Hinzu kommt, dass ein Großteil der alten wie der neuen Bahnhöfe jeweils mehrere Bahnlinien mit vielen Umsteigemöglichkeiten bedienen muss. Allerdings ist auch mancher Architekten-Ehrgeiz mit im Spiel, der darauf abzielt, einzelne Bahnhöfe – wie etwa Canary Wharf (siehe Bild) – zu schaffen, die architektonisch auf Dauer herausragen sollen.

Dichtester Takt: 24 Züge pro Stunde in jeder Richtung

Zu den technischen Herausforderungen im Betrieb von Crossrail zählt eine extrem dichte Zugfolge in der Londoner Innenstadt: Dafür sind während des Arbeitstages 24 Züge in jeder Richtung und Stunde geplant. An den Endstationen der Strecken sinkt die Zugfolge dann auf den üblichen 10-, oder 15-Minutentakt.

Zwischen den insgesamt geplanten 37 Crossrail-Bahnhöfen sind Fahrgeschwindigkeiten von bis zu 160 km/h vorgesehen. Dazu kommt als weitere große technische Herausforderung die Mischung der speziellen, fahrerlosen Züge mit normalen Nahverkehrszügen, die nur abschnittsweise Crossrail-Strecken nutzen. Als Energiezufuhr reicht Crossrail insgesamt 25 kV 50 Hz Wechselstrom durch eine Oberleitung.

Recht abenteuerlich anmutende Herausforderungen kamen auf Crossrail von gänzlich anderer Seite zu: Unmittelbar im Baubereich nahe dem existierenden großen Bahnhof Liverpool Street Station waren um das Jahr 1520 zahlreiche Menschen beerdigt worden, die teils durch die Pest und zum anderen durch einen Anthrax-artigen Wirkstoff in der Natur ums Leben gekommen waren. Die Sorge, dass vielleicht Pest und Anthrax die vielen Jahrhunderte überlebt haben und die Tunnelbauer und später die Crossrail-Passagiere gefährden könnten, führte zur Untersuchung der aufgefundenen Knochen unter hohen Sicherheitsvorkehrungen. Zum Glück ließen sich keine gefährlichen Rückstände früherer Seuchen nachweisen.

Bis zu 14 000 Menschen arbeiten auf den Grossrail-Baustellen

Insgesamt 17 große internationale Baugesellschaften teilen sich in die Crossrail-Arbeiten. Aus Deutschland ist Hochtief mit von der Partie. Die Zahl der auf den Baustellen Beschäftigten schwankt stark je nach Baufortschritt und Mechanisierungsgrad der Arbeiten zwischen einem Minimum von 7000 und einer Höchstzahl von 14 000. Den Anfang der Bauarbeiten machten die Arbeiten für die Fundamente am Bahnhof Canary Wharf im Mai 2009.

Für den Abraum aus den Tunnelbohrungen von knapp 5 Mio. t wurde eine umweltfreundliche Lösung gefunden: Der Aushub kommt auf dem Schienenweg auf die Themse-Insel Wallasea und dient dort zum Aufbau eines Feuchtgebiet-Naturschutzparkes.

Natürlich hat es auch schon erheblichen Streit um Crossrail gegeben. Im Mittelpunkt standen dabei die Enteignungen, die vor allem für den Bahnhofsbau in der Innenstadt von London unumgänglich erschienen. Der Bau des Bahnhofs Tottenham Court Road machte zum Beispiel die Enteignung und den Abriss des traditionsreichen Musiktheaters Astoria nötig.

Umgekehrt haben einzelne Phasen des Crossrail-Baus erheblichen Zuspruch in der Bevölkerung gefunden: Dazu gehört zum Beispiel die Namensgebung für die sechs großen Tunnelbohrmaschinen, mit der die Crossrail-Gesellschaft eine alte englische Bergbau-Tradition pflegt: Die sechs Maschinen tragen allesamt Mädchennamen: Ada, Elizabeth, Mary, Phyllis, Sophia und Victoria.

Planer rechnen mit 72 000 Fahrgästen – pro Stunde

Keinen Zweifel gibt es daran, dass Londons Bevölkerung die neue Bahn sehr schnell annehmen, sprich benutzen wird. Anfangs rechnen die Planer mit 72 000 Fahrgästen in der Stunde, darunter viele Berufspendler aus den Vorstädten. Denn für sie kann Crossrail die Fahrzeit zum Arbeitsplatz in vielen Fällen drastisch verkürzen. Vorgesehen sind Züge von jeweils zehn Waggons und insgesamt 200 m Länge. Crossrail schließt aber nicht aus, dass im Laufe der Zeit wohl Züge mit 12 Wagen kommen müssen. Die dafür nötige Länge von 240 m ist für alle Bahnsteige der neuen Strecke vorgesehen.

Schon heute – im Sommer 2013 – gibt es einzelne Personen, die, ohne direkt an Crossrail und den Arbeiten beteiligt zu sein, viel Geld an der neuen Schnellfahrstrecke verdienen. Dabei geht es um die Grundstücksbesitzer rund um die Bahnhöfe, die schon längst vor deren Eröffnung stark anziehende Immobilienpreise erleben.

Von Peter Odrich | Präsentiert von VDI Logo
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden