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13.08.2013, 15:54 Uhr | 0 |

FDP für Börsengang Bei der Bahn ist die Situation im gesamten Netz angespannt

Jetzt regiert am Mainzer Hauptbahnhof nicht nur in der Nacht das Chaos. Dank drastischer Einschränkungen im gesamten Fern- und Regionalverkehr müssen zehntausende Pendler auch tagsüber weite Umwege und massive Verspätungen hinnehmen. Doch Mainz ist überall: Es fehlen bundesweit rund 1000 Fahrdienstleiter. Daran ändern auch die Bahn-Gipfel in Mainz und Frankfurt nichts.

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Zuganzeige im Frankfurter Hauptbahnhof: Fernzüge von Frankfurt Richtung Koblenz, Bonn und Köln müssen Mainz derzeit auf rechtsrheinischen Bummelstrecken umfahren. Dabei summiert sich die Verspätung zwischen Frankfurt und Koblenz auf 40 Minuten.

Foto: Axel Mörer-Funk

Das Chaos am Mainzer Hauptbahnhof hat sich noch verschärft: Nun gelten die Einschränkungen im Fernverkehr ganztägig. Regionalzüge fahren Mainz nur noch im Stundentakt an, Intercitys und ICE, die die Rheinstrecke nutzen, umfahren Mainz rechtsrheinisch. Die Folge: Die Schnellzüge fahren allein im Streckenabschnitt zwischen Frankfurt und Koblenz Verspätungen von 40 Minuten ein.

Massive Zugausfälle auch am Tag

Nur noch die Fernzüge der IC-Linie in Richtung Worms halten im Mainzer Hauptbahnhof, alle anderen werden umgeleitet. So wird die IC-Linie Hamburg-Passau und die ICE-Linie 91 Dortmund-Wien ab Koblenz durch die Weinberge über die rechte Rheinseite geführt. Sie halten dann statt im Hauptbahnhof in Mainz-Bischofsheim oder gar in Frankfurt-Flughafen. Von dort beträgt die Fahrtzeit nach Mainz Hbf mit S-Bahnen oder Regionalzügen 21 bis 26 Minuten. Allerdings fahren die Regionalbahnen und S-Bahnen ganztägig nur noch im Stundentakt.

Kapitulation: Bahn verweist auf die Mainzer Verkehrsbetriebe

Inzwischen verweist die Bahn ihre Kunden sogar an die Mainzer Verkehrsbetriebe und auf den Schienenersatzverkehr mit Bussen. So geht es Richtung Worms oder Marienborn nur noch per Bus voran. Der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling ist stinksauer: „Es wird nicht besser, es wird ja sogar noch schlimmer.“ Die Bahn drücke eine der „dynamischsten Wirtschaftsregionen“ auf „ die Entwicklungsstufe eines Entwicklungslandes.“

Er zürnt, dass die Deutsche Bahn nicht erkannt habe, dass sie eine ganze Region abgehängt habe. „Wir erwarten, dass die peinliche Situation am Mainzer Hauptbahnhof noch im Laufe dieser Woche beendet wird. Es muss doch möglich sein, dass ein Unternehmen mit rund 300 000 Mitarbeitern und zuletzt fast 1,5 Milliarden Euro Jahresgewinn eine schnelle Antwort auf ein solches Problem findet.“ Doch auch der heutige Bahngipfel, zu dem Ministerpräsidentin Malu Dreyer für den frühen Nachmittag nach Mainz eingeladen hat, wird daran wohl kaum etwas ändern.

FDP-Chef Brüderle fordert Börsengang der Bahn

Zur Stelle ist jetzt indessen die große Politik: FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle fordert angesichts der chaotischen Zustände in Mainz eine grundsätzlich neue Struktur der Bahn. Für ihn wäre ein Börsengang der Deutsche Bahn AG, deren einziger Anteilseigner der Bund sei, eine Überlegung. Für den FDP-Fraktionschef ist die Bahn-Struktur mit ihrer staatlichen Absicherung ein Problem, ein freies Unternehmen im Wettbewerb könne sich solch eine Posse nicht leisten. Brüderle sprach im Zusammenhang mit den Mainzer Chaostagen von einer „internationalen Blamage“ und einem „unglaublichen Zustand“, für den die Menschen kein Verständnis hätten.

Die SPD hat für den kommenden Freitag eine Sondersitzung des Verkehrsausschusses des Bundestages beantragt und will dort Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer und Bahn-Chef Rüdiger Grube zur Personalsituation der Bahn befragen.

Mainz ist kein Einzelfall: Probleme auch in anderen Stellwerken

Mainz ist jedoch beileibe kein Einzelfall. Der Bundesnetzagentur liegen seit 2012 bereits Beschwerden privater Bahnbetreiber wegen Stellwerkengpässen bei der Deutschen Bahn vor. Nach Angaben der Bundesnetzagentur von Dienstag geht es um Probleme in Amorbach-Beuchen (Bayern), Bebra, Berlin-Halensee, Berlin-Tempelhof, Lahnstein-Friedrichssegen (Rheinland-Pfalz), Niederarnbach (Bayern) und Zwickau (Sachsen). Und natürlich jetzt in Mainz. „Wir prüfen Schadenersatzansprüche gegen die DB Netz“, sagte ein Sprecher des Betreibers der Mittelrheinbahn, Trans Region Deutsche Regionalbahn GmbH. Die Mittelrheinbahn verkehrt auf der Linie Köln-Mainz. Im Abschnitt Bingen-Mainz fallen derzeit täglich 20 Züge in beiden Richtungen aus.

DB-Netz-Vorstandschef Frank Sennhenn gibt zu: „Wir haben bundesweit eine angespannte Situation. Wir sind dabei, alle Stellwerke, bei denen wir ähnlich kritische Situationen haben, nach Kräften abzusichern.“ Zur Entschärfung der Engpässe sollen jetzt 600 Fahrdienstleiter zusätzlich eingestellt werden. Aber: „Das Problem ist, dass die Ausbildungszeiten für die Leute, die wir neu einstellen, im Schnitt sieben Monate betragen, so dass wir nicht damit rechnen können, dass wir die Leute sofort in den Dienst übernehmen können.“

Bahn fordert Urlauber auf, ihren Urlaub abzubrechen

Der Notstand in Mainz wird bis voraussichtlich Ende August andauern. Da drei der 15 Fahrdienstleiter ihren Jahresurlaub genießen und fünf Kollegen krank sind, stehen nur noch sieben für den Schichtdienst im Stellwerk bereit. Das ist für einen modernen 24-Stunden-Bahnbetrieb definitiv nicht ausreichend. Der Konzern hat die urlaubenden Mitarbeiter nun aufgefordert, ihren Urlaub abzubrechen und zum Dienst zurückzukehren. Einer soll sich zur Rückkehr entschlossen haben.

Der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, Alexander Kirchner, warnt allerdings, den Fahrdienstleitern ihren Urlaub nicht zu gönnen: „Die Kollegen haben in den letzten Wochen und Monaten einen stressigen Dienst gemacht und unter schwierigen Bedingungen und mit wenig Personal den Zugverkehr aufrecht erhalten. Der Akku der Kollegen ist leer.“

Kirchner sieht das Hauptproblem darin, „dass der Druck der Politik auf die Bahn, Renditen zu schreiben dazu führte, dass in den letzten Jahren eine Personalpolitik betrieben worden ist, die auf Personalreduzierung gesetzt hat und bei der nicht ausreichend Nachwuchskräfte eingestellt worden sind.“ Er betont, dass es seit mehr als zehn Jahren keine Neueinstellungen gegeben habe: „Die Probleme sind ja nicht nur in den Stellwerken. Wir haben zu wenig Lokführer, zu wenig Zugbegleiter. Wir haben in allen Bereichen Personal-Unterbestand.“

Pro Bahn: „Das Netz steht vor dem Zusammenbruch“

Der Fahrgastverband „Pro Bahn“ sieht neben dem Personalmangel bei der Bahn noch einen weiteren gravierenden Grund für die kritische Situation im Netz der Deutschen Bahn: mangelnde Investitionen. Der Bund als Aufgabenträger für das Netz investiere jedes Jahr eine Milliarde Euro zu wenig in den Erhalt des Netzes. „Das Netz steht tatsächlich an ganz vielen Stellen aus ganz vielen Gründen vor dem Zusammenbruch“, kritisiert Matthias Oomen von „Pro Bahn“.

Bahnchef Grube bricht seinen Urlaub ab

Für den morgigen Mittwoch, 14. August 2013, ist ein weiteres Krisengespräch mit Personalmanagern der Bahn und der Führung der Eisenbahnergewerkschaft EVG angesetzt, an dem auch Bahnchef Rüdiger Grube teilnehmen will. Der Bahnchef bricht dafür seinen Jahresurlaub ab, wie er seinen Mitarbeitern per E-Mail mitteilte. „Aus diesem Grund habe ich meinen Urlaub abgesagt, um gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen und den Kollegen der DB Netz AG an Lösungen zu arbeiten.“ Es gehe darum, eine Lösung für „die Situation am Stellwerk in Mainz“ zu finden. „Eine Verkettung von unglücklichen und teils ärgerlichen Umständen hat zu einer breiten Debatte über unser Unternehmen geführt.“

Der Eindruck, „wir Eisenbahner wären nicht zur Stelle, wenn es einmal eng wird“, sei falsch, so Grube. Ein Kollege der Bahntochter DB Netz wird wohl nicht mehr zur Stelle sein. Nach Informationen aus dem Aufsichtsrat der Bahn will Rüdiger Grube den Vorstand Produktion der Netz AG, Hansjörg Hess, von seinen Aufgaben entbinden.

Fast 1000 Stellwerke sind über 100 Jahre alt und noch voll mechanisch

Es sind rund 12 000 Fahrdienstleiter in 3392 Stellwerken in Deutschland, die normalerweise wie die Fluglotsen im Tower für einen sicheren Zugbetrieb sorgen. Von diesen knapp 3400 Stellwerken werde gerade 415 elektronisch gesteuert. Alle anderen sind mechanische oder elektromechanische Stellwerke und elektrische Relaisstellwerke. Die mechanischen Stellwerke sind dabei die ältesten. Sie wurden Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt, sind somit über 100 Jahre alt. Fast eintausend dieser betagten mechanischen Stellwerke sind heute noch in Betrieb. Hier werden die Signale und Weichen über Hebel und Drahtzüge noch mit Muskelkraft gestellt.

Das ist ein Anachronismus, denn ein Stellwerk ist das Gehirn eines jeden Bahnhofes. Von dort aus dirigieren die Fahrdienstleiter in Deutschland Containerzüge, ICE und S-Bahnen, so wie ein Fluglotse die Jumbo-Jets auf einem Flughafen dirigiert. Der Fahrdienstleiter entscheidet darüber, ob ein Zug fährt und welches Gleis er bei der Einfahrt in den Bahnhof benutzt. Dabei gilt immer Sicherheit vor Pünktlichkeit. „Ohne Fahrdienstleiter gibt es Tote“, sagt Matthias Oomen vom Fahrgastverband Pro Bahn. „Sie müssen schnell reagieren können und auch in Stresssituationen einen kühlen Kopf bewahren. Deshalb ist die Ausbildung auch so komplex.“ Mit einem guten Realschulabschluss kann man sich innerhalb von drei Jahren für diesen Beruf ausbilden lassen.

Lohn der Arbeit sind 1900 Euro brutto im Monat

Ein Fahrdienstleiter muss grundsätzlich bereit sein, im 24-Stunden-Schichtdienst zu arbeiten, Nachtdienste, Wochenenddienste, Einsätze an Weihnachten und Sylvester inklusive. Dafür erhält der Fahrdienstleiter ein monatliches Bruttogehalt von etwa 1900 Euro. Je nach Qualifikation und Berufserfahrung sind Steigerungen auf bis zu rund 2900 Euro möglich. Dazu gibt es noch Weihnachts- und Urlaubsgeld. Trotz ihrer großen Verantwortung sind Fahrdienstleister damit deutlich schlechter bezahlt als Fluglotsen mit ähnlichen Aufgaben. Diese kommen innerhalb von elf Jahren nach dem Senioritätsprinzip auf die maximale Gehaltsstufe von rund 9500 Euro brutto. Außerdem gehen Fluglotsen spätestens mit 55 Jahren in den Vorruhestand.

Wegen der extrem dünnen Personaldecke und eines gigantischen Berges von etwa einer Million Überstunden hat die DB Netz AG jetzt eine Express-Schulung von nur wenigen Monaten eingeführt, sagt Rainer Bohnet, Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG in Bonn: „Das ist unzumutbar. Diese angelernten Leute erhalten dabei nur ein oberflächliches Wissen. Eine Bäckereifachverkäuferin erhält eine bessere Ausbildung. Das ist ein ehrenwerter Job, aber da ist niemand für das Leben von unzähligen Fahrgästen verantwortlich.“

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Von Detlef Stoller
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