15.07.2013, 10:59 Uhr | 0 |

Akzeptanz Auf dem Weg zur "besten Lösung"

Große technische Projekte aber auch kleinere Vorhaben scheitern oftmals an der fehlenden Akzeptanz der Bürger. Diese Akzeptanz herzustellen, so der Verkehrsingenieur Uwe Hitschfeld im Gespräch mit den VDI nachrichten, wird für den Erfolg vieler Projekte immer wichtiger.

Demonstration gegen Stuttgart 21
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Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 demonstrieren in Stuttgart auf dem Schloßplatz. Nicht nur bei großen technischen Projekten mischen sich die Bürger ein. Auch kleinere Vorhaben scheitern oftmals an deren fehlender Akzeptanz.

Foto: dpa/Franziska Kraufmann

VDI nachrichten: Akzeptanz, Partizipation, Transparenz und öffentliches Vertrauen – diese Begriffe sind heute in aller Munde. Erleben wir derzeit eine mediengehypte Modediskussion?

Uwe Hitschfeld: Nein, sicher nicht. Wir erleben, dass wir Teil eines Veränderungsprozesses sind, der viele, vielleicht alle Bereiche unserer Gesellschaft verändern wird. Er speist sich aus sehr vielen Quellen, denn der Veränderungsbedarf ist groß. Diesen Geist bekommt man nicht wieder zurück in die Flasche!

Woran lesen Sie diesen Veränderungsbedarf ab?

Öffentlich sichtbar wird er zweifellos durch die verschiedenen Arten bürgerschaftlichen Engagements für oder gegen große und kleine Projekte. Ich vermeide es hier ganz bewusst, einer "Dagegenkultur" das Wort zu reden, die sich nur gegen Großprojekte wendet. Es gibt nicht nur Stuttgart 21 und den Flughafen Berlin-Brandenburg. Es gibt auch die Ortsumgehungsstraße und den Umbau eines Ortskerns, es gibt Elterninitiativen für besseres Lernen und die beeindruckende Solidarität mit den Opfern des Hochwassers in diesen Tagen.

Woraus nährt sich diese Lust, manchmal ja schon Wut der Bürger, sich stärker einzubringen, vor allem Projekte kritisch zu hinterfragen?

Hier lohnt ein Blick hinter den Vorhang! Unser Büro untersucht im Rahmen einer Längsschnittstudie verschiedene Aspekte des Themas "Akzeptanz" – und dabei können wir nachweisen, dass sich zwar weit über die Hälfte der Befragten "für oder gegen ein Projekt engagieren" und dabei auch "Zeit und Geld einsetzen" würde. Gleichzeitig meinen aber über 70 Prozent derselben Gruppe, dass sie keine Chance sehen, ihrem Anliegen Geltung zu verschaffen. Überspitzt formuliert: Sie glauben selbst nicht an den Erfolg ihres Engagements. Dieses Auseinanderklaffen von grundsätzlicher Bereitschaft zu aktiver Teilhabe sowie einer negativen Einschätzung, damit etwas erreichen zu können, definieren wir als Partizipationskluft. In unserer Gesellschaft ist diese heute beunruhigend groß.

Umso wichtiger wäre also ein neues Vertrauensverhältnis zwischen der Bevölkerung sowie den Entscheidern in Verwaltung, Wirtschaft und Politik!

Ja, unbedingt! Denn sehen Sie die Zahlen: 69 Prozent der von uns befragten Bürgerinnen und Bürger sind überzeugt, dass die Projektverantwortlichen "nur so viele Informationen wie unbedingt nötig herausgeben". Mehr als die Hälfte wertet diese Verfahren zuerst als ein "Feigenblatt". Selbst die Medien werden nur noch von 40 Prozent der Deutschen für wirklich neutral gehalten, wenn sie über strittige (Groß-)Projekte berichten. Als glaubwürdig gelten hingegen die Konfliktbetroffenen selbst, aber auch Bürgerinitiativen und Umweltverbände.

Gibt es auch so etwas wie Pseudoakzeptanz? Man glaubt, ein Vorhaben ist akzeptiert – und plötzlich geht ein Sturm dagegen los...

Das passiert besonders dann, wenn zu viel Zeit zwischen Planung und Genehmigung sowie dem Beginn der Realisierung eines Projektes liegt. Dann erleben die Akteure den Unterschied zwischen Legalität und Legitimität schmerzlich am eigenen Leibe. In jener Zeitspanne können halt die Baukosten explodiert sein oder es entstanden neue Rahmenbedingungen, die vorher noch nicht berücksichtigt werden konnten – rechtliche Zwänge oder neue gesellschaftliche Normen. Ich denke da an ein wachsendes Umweltbewusstsein.

Wie wappnet man sich als Unternehmen oder Behörde gegen drohenden Akzeptanzverlust? Mit mehr Bürgerbeteiligung? Mit mehr Transparenz, die mehr Vertrauen schaffen soll?

Ohne Anspruch auf wissenschaftliche Präzision: Wir sehen öffentliches Vertrauen, Partizipation sowie Transparenz als die drei Säulen, auf denen Akzeptanz entstehen kann. Man kann sie wie die Beine eines dreibeinigen Tisches betrachten. Akzeptanz ist dann die Tischplatte, die Klammer oder die Basis, auf der dann andere Dinge aufsetzen.

Das klingt sehr abstrakt. Konkreter gefragt: Wie müssen Unternehmen mit dem Thema Akzeptanz künftig umgehen?

Erste Voraussetzung dafür: Sie dürfen Akzeptanz nicht als das "Organisieren von Zustimmung" missverstehen, also als eine taktische Maßnahme. Akzeptanz ist heute zuerst eine strategische Größe. Sie muss im Wertekanon eines Unternehmens fest verankert werden. Akzeptanz gilt es von Beginn an, ebenso selbstverständlich in die Projektentwicklung einzubeziehen wie Finanzierungsfragen, Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen, technische Planungen und rechtliche Fragen. Das ist letztlich das einzig richtige, weil wirtschaftliche Vorgehen. Es geht hierbei um nicht weniger als darum, die Stellung des Unternehmens in der Gesellschaft, im Markt neu auszurichten.

Woran denken Sie hierbei – an Sponsoring, mehr soziales Engagement?

Das fasst zu kurz. Unternehmen müssen sichtbar machen, dass sie nicht nur von der Region leben, in der sie agieren und Geld verdienen, sondern sich selbst als Teil dieses Gemeinwesens sehen und entsprechend Verantwortung übernehmen – politisch, sozial, infrastrukturell, kulturell. Die Menschen vor Ort müssen gewissermaßen spüren: das ist unser Unternehmen, seine Chefs denken nicht nur an ihren Profit. Und hierzu braucht es mehr als ein cleveres Sponsoringkonzept. Akzeptanz wird somit immer stärker zu einem wesentlichen Parameter der Austauschbeziehungen zwischen Angebot und Nachfrage. Denn ein Produkt, das nicht gesellschaftlich akzeptiert ist – das gilt im übertragenen Sinn auch für Politik oder das Handeln von Verwaltungen –, hat es künftig am Markt schwer. Das schließt auch die Art ein, wie dieses Produkt – also auch eine Entscheidung – entsteht und wie sich halt das Unternehmen in seinem gesellschaftlichen Umfeld verhält. Hier rechne ich übrigens auch den Umgang mit der eigenen Belegschaft ein. Fehlt jene Akzeptanz, wird jede sachlich noch so gut begründbare Lösung bald nicht mehr realisierbar sein.

Verkürzt gesagt: Gesellschaftliche Akzeptanz kommt künftig vor technischer Perfektion?

Im Grunde ja! Ich bin selbst Ingenieur – so weiß ich, unserem Berufsstand und ingenieurgetriebenen Unternehmen überhaupt liegt es im Blut, die "beste Lösung" zu suchen und umzusetzen. Damit ist zumeist die beste t e c h n i s c h e Lösung gemeint, vielleicht auch noch die beste technische und zugleich genehmigungsfähige Variante. Und die sollte dann eigentlich für sich sprechen. Doch künftig – und in Teilen unserer Volkswirtschaft ist dies schon heute so – wird die beste Lösung jene sein, die gesellschaftlich akzeptiert ist. Dies schließt dann die anderen Parameter wie Technik, Ökologie oder Wirtschaftlichkeit mit ein.

Wie muss man sich diesen Prozess praktisch vorstellen: Diskutieren dann Manager und Ingenieure mit widerspenstigen Anwohnern?

Das gibt es bereits. Und Bürgerinitiativen agieren und argumentieren diesbezüglich längst auf einem fachlich sehr hohen Niveau. Unterm Strich läuft es für ein Unternehmen darauf hinaus, gemeinsam mit den Bürgern eine Lösung zu erarbeiten, die das technisch und rechtlich Machbare mit dem abgleicht, was die Menschen vor Ort mitzutragen bereit sind. Das muss auf Augenhöhe geschehen, immerhin kommen auf sie dann oft unvermeidbare Belastungen zu. Deshalb sollte ein Unternehmen hierfür stets auch für Änderungen des Projektes offen sein.

Wird Kommunikation damit zu einer Art Bringschuld für Projektträger wie auch die öffentlichen Hand?

Das sehe ich so. Ein Unternehmen muss fortan eine gute Möglichkeit finden, um die bisherigen formalen Verfahren der Beteiligung mit neuen informellen Verfahren verbindlich zu verknüpfen. Dies führt dann auch zu einer ehrlichen, fairen und frühzeitigen Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger. Kommunikation ist heute nicht mehr ein Gnadenakt nach dem Ermessen eines Investors.

Aktuelle Beispiele hierfür liefert der Ausbau der deutschen Stromnetze im Zuge der Umstrukturierung unserer Energiesysteme.

Ja, jeder kennt mittlerweile die oft sehr leidenschaftlich geführten Debatten entlang der bestehenden oder künftigen Trassen. Da gibt es Widerstand gegen bestimmte Streckenführungen, gegen Hochspannungsleitungen überhaupt. Früher nahm das die Bürgerschaft in aller Regel hin. Heute protestiert selbst manch einer, der schon lange zuvor die Energiewende einforderte, wenn sich diese nun plötzlich vor seinem eigenen Gartentor vollzieht. Dahinter wird eine Veränderung in der Kultur, im gesellschaftlichen Denken sichtbar, die gar nicht überschätzt werden kann. Den Unternehmen, die dies dann konkret betrifft, auferlegt dies entsprechend hohe Anstrengungen.

Woraus rühren diese Anstrengungen vor allem?

Die strategische Bedeutung von Akzeptanz für Unternehmen, Politik und öffentliche Verwaltung einerseits sowie die eher taktische Art und Weise, wie andererseits oft noch damit umgegangen wird, bindet immer mehr Ressourcen. Ich meine hier zum Beispiel Managementkapazität, Zeit, Geld und Know-how, alles Faktoren, die nicht beliebig vermehrbar sind und deshalb an anderer Stelle fehlen.

Die momentan diskutierte VDI-Richtlinie 7000 zielt auch in jene Richtung: frühe Öffentlichkeitsbeteiligung, kluge Kommunikation mit Stakeholdern… Wie bewerten Sie den aktuellen Diskurs?

Er ist gut und notwendig. Was ich von dieser Richtlinie bisher kenne, zeigt mir, dass sie ein mutiger, ein großer Schritt in die richtige Richtung werden kann. Und das insbesondere, weil sie Ingenieuren – und hoffentlich auch vielen anderen – die Dimension des Themas deutlich macht und ihnen zugleich zeigt, wie man damit umgehen kann.

Werden wir dann bald alltagstaugliche Regelwerke und Normbücher für Ingenieure haben, dank denen Akzeptanzprobleme der Vergangenheit angehören?

Allein diese Frage sorgt mich bereits wieder. Denn gerade auch Ingenieure, aber nicht nur sie, neigen dazu, einmal erfolgreich eingesetzte Instrumente oder Lösungswege stets wieder zu beschreiten. Das ist natürlich ein nachvollziehbares Verhalten. Diese Gefahr oder zumindest Versuchung ("Jetzt wissen wir ja, wie es geht!") sehe ich auch bei der VDI-Richtlinie 7000. Doch aus unseren Forschungen wie auch unserer beratenden praktischen Tätigkeit, etwa beim Stromleitungsausbau, wissen wir: Jedes Projekt muss stets neu und spezifisch betrachtet werden. Denn sogar dasselbe Produkt oder Projekt, auch noch vom selben Unternehmen ausgeführt – wie eben eine Hochspannungstrasse – erfährt zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten eine ganz unterschiedliche Akzeptanz.

Woraus rührt das im Einzelnen?

Menschen ticken eben nicht alle gleich. Die regionalen und lokalen Spezifika und Vorgeschichten sind oft erheblich. Manchmal ist es auch nur einfach eine vorherrschende Meinung, die in einer Region oder einer Bürgerinitiative die Oberhand gewinnt. Entlang einer langen Hochspannungsleitung, die ein Energieunternehmen derzeit durch Deutschland zieht, trafen die Projektingenieure auf ganz verschiedene Vorbehalte. In Gegenden Brandenburgs rieb man sich gar nicht am Netzausbau, wohl aber an den Windkraftanlagen in ihrem Vorfeld. In Mitteldeutschland speiste sich der Widerstand gegen die Masten eher aus der Angst um das Verschandeln der Landschaft. Und bei einem Projekt in Baden-Württemberg ist die Sorge vor elektromagnetischen Feldern das bestimmende Thema. Es gibt hier also keinen goldenen Weg für eine tragfähige Unternehmenskommunikation. Lösungen von der Stange führen sehr sicher in eine teure Sackgasse. Wir leben eben heute in der Zeit der Maßschneiderei. Dem sollte auch die VDI-Richtlinie 7000 Rechnung tragen. HARALD LACHMANN

Längsschnittstudie "Akzeptanz von Projekten in Wirtschaft und Gesellschaft", Hitschfeld Büro für strategische Beratung GmbH, Leipzig.

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Von Harald Lachmann | Präsentiert von VDI Logo
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