19.09.2017, 13:37 Uhr | 1 |

Kleidung mit Origami-Technik Diese Klamotten wachsen mit Ihrem Kind mit

Kleinkinder brauchen ständig neue Klamotten. Das ist nicht nur teuer, sondern auch unpraktisch. Doch bisher gab es keine Kleidung, die monatelang passte. Ein Londoner Designer will das in naher Zukunft ändern.

Leidgeplagte Eltern können ein Lied davon singen: Nach drei oder vier Monaten sind die eben erst gekauften Anziehsachen dem Nachwuchs zu klein geworden. Ganze sieben Kleidergrößen durchwachsen Kinder allein in den ersten beiden Lebensjahren. Für Eltern bedeutet das: Sie müssen sich erneut auf die Suche nach neuen Sachen begeben und versuchen, die alten sinnvoll loszuwerden. Ein zeitintensives und auf die Dauer teures Unterfangen. Für die Garderobe eines Kindes gibt eine Familie bis zum dritten Lebensjahr durchschnittlich 2.000 Euro aus.

Auch für den ökologischen Fußabdruck ist das Prinzip von Petit Pli interessant. Weniger Kleidung bedeutet, dass weniger Ressourcen verbraucht und die Mengen an produziertem Kohlendioxid und Müll vermindert werden.

Von Satelliten zur Kinderkleidung Petit Pli

Der 24-jährige Londoner Entwicklungsdesigner Ryan Mario Yasin hatte für seine kleinen Neffen und Nichten ein paar neue Babysachen gekauft. Allerdings wohnen die Kleinen nicht um die Ecke, sondern in Dänemark. Bis Onkel Ryan das nächste Mal zu seiner Schwester und deren Kinder reisen konnte, waren die Teile zu klein geworden. Das ärgerte Yasin. Er fragte sich, warum es keine Kleidung gibt, die sich der Größe des Kindes über längere Zeiträume anpassen kann.

Yasin studierte Global Innovation Design am Imperial College in London. Während seiner Masterarbeit arbeitete er mit faltbaren Strukturen für kleine Satelliten, er kennt sich mit entsprechenden Materialien und Falttechniken bestens aus. Mit diesem Wissen tüftelte er an einer speziellen Faltung von Geweben, die er im heimischen Backofen erhitzte und so haltbar machte. Heraus kam ein Hightech-Stoff, der ein gewisses Größenwachstum mitmacht. Die daraus gefertigte Kleidung nannte Yasin Petit Pli (auf Deutsch: kleine Falte). Sie soll Kindern vom vierten bis zum 36. Monat passen.

Elastizität wäre keine Lösung

Dehnbarkeit ist bei Stoffen nichts Außergewöhnliches. Man kennt das von Stretchjeans. Warum entwarf der junge Londoner nicht einfach einen extrem elastischen Stoff nach diesem Vorbild, der den Kleinen lange passt? Weil ein elastischer Stoff zwar mitwachsen könnte, er hätte aber einen gravierenden Nachteil: Zieht man daran, wird das Material schmäler und vor allem dünner, wie bei einem Gummiband. Außerdem versucht elastisches Material, in seine Ausgangsform zurückzukehren. Bei Kleidung hieße das, sie spannt.

Auxetisches Material reagiert auf Wachstum

Auxetische Stoffe verhalten sich anders. Der Name kommt vom griechischen Wort auxetos und bedeutet dehnbar. Im Gegensatz zu elastischen Stoffen werden sie bei Streckung nicht dünner und schmäler, sondern breiter und dicker. Das heißt, bei Zug dehnen sie sich nicht nur in der Länge, sondern auch in der Breite aus. Entsprechend ziehen sie sich beim Stauchen auch in der Breite zusammen. Physiker sprechen von einer negativen Querkontraktionszahl. Die besonderen Eigenschaften kommen durch eine gitter- und wabenartige Struktur mit großen Zwischenräumen zustande, im Falle eines Kleiderstoffes etwa durch die spezielle Faltung. Für mitwachsende Kleidung eine logische Wahl.
In der Natur gibt es keine bekannten Substanzen, die ähnliche Merkmale aufweisen wie auxetische Werkstoffe. Das Material wurde 1987 erstmals in der renommierten Fachzeitschrift Science beschrieben und findet seither immer weitere Anwendungsmöglichkeiten – von der Autokarosserie bis zu medizinischen Gefäßstützen oder Verbänden.

Ein großer Vorteil der auxetischen Stoffe: Man kann sie am Computer entwerfen und ihre Eigenschaften simulieren, bevor man sie in die Realität umsetzt. Das dürfte auch dem Jungdesigner bei seinen Entwürfen zugutegekommen sein.

Robust, waschmaschinenfest und pflegeleicht

Optisch hat die Kleidung des findigen Designingenieurs ein bisschen was von Origami und erinnert an faltenreiche Entwürfe des japanischen Designers Issey Miyake. Die ziehharmonikaähnliche Struktur sorgt dafür, dass sich das Kleidungsstück bis auf das Vierfache der ursprünglichen Fläche ausdehnen kann.  

Der Stoff ist außerdem robust, ultraleicht, atmungsaktiv, wind- und wasserfest und lässt sich in der Waschmaschine problemlos reinigen. Eigenschaften, die ihn für Kinderkleidung bestens geeignet machen. Was viele Mütter ebenfalls freuen wird: Petit Pli lässt sich platzsparend zusammenschieben und braucht nicht gebügelt zu werden.

Aufwendige Produktion könnte Kleidungsstücke teuer machen

Auf dem Markt gibt es bereits Kleidungsstücke, die mitwachsen und über längere Zeiträume passen. Diese arbeiten meist mit elastischen Stoffen und umgekrempelten Bündchen, die nach und nach umgelegt werden. Eine tolle und einfache Idee ganz ohne Hightech.

Petit Pli dagegen ist ein Produkt, dessen Entwicklung und Herstellung recht aufwendig sein dürfte. Entsprechend wird man sich überraschen lassen müssen, was Petit Pli kosten wird und wie gut es ankommt. Bei der Jury des renommierten James Dyson Award, der sich an junge Produktentwickler, Industriedesigner und Ingenieure richtet, kam die Erfindung gut an: Kürzlich wurde Yasin in Großbritannien ausgezeichnet und hat bereits angekündigt, die 2.250 Euro Preisgeld für die Herstellung von Petit Pli einzusetzen. Falls er sich im Oktober des Jahres weltweit gegen seine Mitbewerber durchsetzt, könnten 35.000 Euro dazukommen. Derzeit sucht der junge Designer noch nach einem Einzelhändler, der Petit Pli in naher Zukunft in die Geschäfte bringt.

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Von ingenieur.de
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kommentare
20.09.2017, 10:03 Uhr AG
Interessante Idee, aber im Schlussabsatz des Artikels klingt es schon an: Löst man mit einem vermutlich teuren Kleidungsstück das Problem, dass der häufige Kleidungswechsel bei wachsenden Kindern teuer ist?
Mir erscheint das eher als Design-Gag, denn als praktikable Lösung.

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