20.09.2017, 13:27 Uhr | 0 |

Stahlfusion beschlossen Einigung bei Thyssenkrupp und Tata Steel

Seit über einem Jahre verhandeln die Stahlriesen Thyssenkrupp und Tata Steel, nun gibt es eine Einigung: Die Unternehmen gründen ein Joint Venture, 2000 Mitarbeiter müssen wohl gehen.

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Der Industriekonzern Thyssenkrupp wird seine europäische Stahlsparte mit der des indischen Konkurrenten Tata Steel zusammenlegen. Darauf einigten sich die Unternehmen am Mittwoch.

Foto: Oliver Berg/dpa

Jetzt ist es offiziell: Thyssenkrupp und Tata Steel gründen ein Gemeinschaftsunternehmen, eine entsprechende Absichtserklärung ist unterzeichnet. Das Joint Venture wird auf den Namen Thyssenkrupp Tata Steel hören und soll das Stahlgeschäft des Essener Konzerns retten.

Europäische Konsolidierung in vollem Gange

Thyssenkrupp gilt vielen als ein Sinnbild deutscher Wirtschafts- und Stahlgeschichte. Doch die Essener wollen schon lange kein Stahlkonzern mehr sein. Das Stahlgeschäft hatte zuletzt nur noch etwa ein Fünftel des Umsatzes ausgemacht. Geld verdient der traditionsreiche Mischkonzern dagegen mit Aufzügen, Autoteilen, Industrieanlagen und U-Booten. Sie machen 75% des Umsatzes von Thyssenkrupp aus.

Daran hätte sich auch ohne den Zusammenschluss mit dem indischen Wettbewerber in den kommenden Jahren wenig geändert, denn das Stahlgeschäft in Europa kriselt. Billigimporte und gigantische Überkapazitäten vor allem aus China überschwemmen den Markt, der Kostendruck ist enorm, ein nennenswertes Wachstum nicht zu erkennen. 

Der neue Stahlgigant soll Thyssenkrupp Tata Steel heißen

Durch den Zusammenschluss der Flachstahlaktivitäten in einem gemeinsamen Unternehmen, schaffen zwei der größten Stahlerzeuger in Europa einen neuen Stahlgiganten. Das Joint Venture soll Thyssenkrupp Tata Steel heißen

Thyssenkrupp wird seinen Gesamtgeschäftsbereich Steel Europe und auch den Bereich TK Mill Systems and Services in das Joint Venture einbringen. Tata Steel gibt dafür sämtliche Flachstahlaktivitäten in Europa. Gemeinsam streben die Unternehmen einen Umsatz von 15 Mrd. Euro und einen Output von 21 Millionen Tonnen Stahl im Jahr an. Leisten sollen das 48.000 Mitarbeiter an 34 Standorten.

Mit dem neuen Gemeinschaftsunternehmen wolle man eine „starke neue Nummer 2 in Europa mit einem Anspruch auf Qualitäts- und Technologieführerschaft“ etablieren, so der Thyssenkrupp-Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger. Zudem betonte er, dass diese Lösung der einzige gangbare Weg war, das Grundproblem der strukturellen Überkapazitäten auf dem europäischen Stahlmarkt anzugehen. Im Raum gestanden hatten auch andere Möglichkeiten, wie ein Spin-off oder die Abspaltung des Konzerns. Das nun beabsichtigte Joint Venture soll Synergieeffekte von 400 bis 600 Millionen Euro bringen.

Ein verkraftbarer Einschnitt für die Mitarbeiter?

„Synergien gibt es nicht umsonst“, sagte Hiesinger aber auch und das soll folgendes heißen: Rund 4000 Stellen könnten wohl wegfallen – 2000 in der Verwaltung und noch einmal 2000 in den Produktionshallen. Diese Kürzungen in der Belegschaft werden sich die Unternehmen teilen, das heißt, sowohl Tata Steel als auch Thyssenkrupp werden jeweils bis zu 1000 Stellen in der Verwaltung und noch einmal bis zu 1000 Stellen in der Produktion aufgeben.

Hiesinger betont: „Wenn wir alleine weitergegangen wären, wäre das Risiko für die Arbeitsplätze deutlich größer gewesen.“ Das Joint Venture mache die übrigen Arbeitsplätze deutlich sicherer. Vor dem Hintergrund, dass der Betriebsrat schon lange vor den Folgen eines solchen Zusammenschlusses gewarnt hatte, klingen diese Worte wie leere Hülsen. Doch tatsächlich könnte das Joint Venture Schlimmeres verhindert haben.

Die Stahlbranche musste sich in den vergangenen Jahren regelmäßig neuen schmerzhaften Konsolidierungsprogrammen unterziehen. So hatte Thyssenkrupp etwa – vielen im Ruhrpott ist es noch in schmerzlicher Erinnerung – sein Werk in Gelsenkirchen-Schalke verkauft, doch die tragfähige Zukunftsperspektive fehlte, so Hiesinger. Mit dem nun getroffenen Memorandum of Understanding mit Thyssenkrupp „wollen wir vermeiden, dass sich die Stahlmannschaft zu Tode restrukturiert“, so der Konzernchef in Essen.

Das neue Unternehmen wird seinen Sitz künftig in den Niederlanden haben. Das Management aus Vorstand und Aufsichtsrat wird zu gleichen Teilen von Thyssenkrupp und Tata Steel besetzt. Die Mitbestimmung in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden soll jeweils in der heutigen Form bestehen bleiben.

Weitere Details folgen erst 2018

Das nun vorliegende Memorandum of Understanding ist ein erster Schritt zu einer gemeinsamen Zukunft, doch der Weg ist noch weit. Ein bindender Vertrag soll bis zum Ende des ersten Quartals 2018 vorliegen, die Umsetzung des Vorhabens soll dann Ende 2018 starten. Weitere Maßnahmen, die über das hinausgehen, was nun in der Absichtserklärung angedacht ist, wird es frühestens 2020 geben. Dann, so Hiesinger, wisse man zumindest, welche Auswirkungen vom Brexit, den neuen CO2-Richtlinien der EU und den Anti-Dumping-Plänen zu erwarten seien.

Hoffnungen tragen die Thyssenkrupp-Vorstände aber jetzt schon an die Öffentlichkeit: Mit dem neuem Unternehmen Thyssenkrupp Tata Steel werde man neue Märkte erschließen. So war Tata Steel bisher wesentlich stärker in Belgien, den Niederlanden und Luxemburg vertreten und hatte sich stärker auf das Industriegeschäft fokussiert als Thyssenkrupp bisher.

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Von Lisa Schneider
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