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30.08.2013, 11:07 Uhr | 0 |

BCG-Stahlexperte im Interview „Die Hersteller müssen reaktionsfähiger werden“

In ganz Europa ringen die Stahlkonzerne mit Überkapazitäten und einer schwachen Nachfrage. Felix Schuler, Stahlexperte der Boston Consulting Group, erläutert im Interview Auswege aus der Misere.

Stahlproduktion
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Stahl in der Krise: Überkapazitäten und Auftragsrückgänge schwächen europaweit die Branche. 

Foto: dpa/Sebastian Kahnert

VDI NACHRICHTEN: Herr Schuler, die Stahlindustrie steckt in der Krise. Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe?

Schuler: Die Stahlindustrie ist wie kaum eine andere Branche abhängig von der Weltkonjunktur. Sie ist sehr zyklisch. Wir hatten über sechs Quartale hinweg in Europa eine Rezession und kommen gerade erst langsam aus dieser Phase heraus. Das heißt die Nachfrage nach Stahl ist eingebrochen und erholt sich erst langsam, weil erst noch die Lager abgebaut werden.

Das ist die konjunkturelle Seite. Gibt es nicht auch strukturelle Probleme?

Ja, die Differenz zwischen dem, was die Hersteller für das Rohmaterial – vor allem Eisenerz und Koks – zahlen müssen, und den Preisen, die sie für ihre Produkte erzielen, hat sich in den letzten Jahren enorm reduziert. Die Marge ist deutlich gesunken.

Hinzu kommt, dass die Werke in Europa nicht ausgelastet sind.

Das stimmt. Die Hersteller in Europa haben in den Boom-Zeiten zwischen 2003 und 2007 Kapazitäten aufgebaut, die vor der Finanzkrise sehr gut ausgelastet waren. Durch den Nachfrageeinbruch ist das jetzt nicht mehr Fall. Das lässt sich nur schwer ändern. Selbst Werksschließungen helfen nur bedingt weiter.

Warum?

Durch technologische Fortschritte im Prozess produzieren viele Werke jedes Jahr ein bisschen mehr. Das führt dazu, dass die Produktionskapazität unter dem Strich gleich hoch bleibt.

Es gibt also kaum Möglichkeiten, Kapazitäten vom Markt zu nehmen?

Zumindest ist es nicht so einfach, wie es scheint. Wenn Unternehmen ein Stahlwerk mit vorgelagerten Stufen wie Kokerei oder Sinter schließen wollen, ist das ein riesiges Unterfangen – sozial, politisch, ökologisch und technisch.

Was kann man stattdessen tun?

Die Unternehmen versuchen Synergieeffekte zu nutzen. Die können helfen, die Produktion bei geringerer Auslastung profitabler zu machen. Kooperationen in der Roheisenerzeugung, der sogenannten Flüssigphase, sind ein Beispiel.

Wird das bereits praktiziert?

Ja, die Stahlindustrie im Saarland führt das im kleineren Maßstab vor: Zwei Werke mit unterschiedlichen Endprodukten – das eine stellt Werkzeugstähle her, das andere spezielle Grobbleche – haben eine gemeinsame Hochofengesellschaft.

Das kann man gedanklich auf größere Einheiten übertragen. Die Unternehmen können so einerseits Kosten sparen. Andererseits können sie flexibler auf Nachfrageschwankungen reagieren, die in immer kürzeren Zyklen auftreten.

Die Lösung heißt nicht Standortschließung, sondern mehr Flexibilität?

Genau, die Hersteller müssen noch viel reaktionsfähiger werden. Das haben einige bereits erkannt. Sie investieren in flexiblere Anlagen, die schneller auf Nachfrageschwankungen reagieren können.

Was können die Hersteller noch tun?

Ein denkbarer Weg wäre es auch, auf europäischer Ebene über den Rohstoffeinkauf nachzudenken. Heute ist die Einkäuferstruktur doch sehr kleinteilig. Beim Einkauf könnte es sich lohnen, über eine europäische Kooperation nachzudenken.

Aber ist eine europaweite Kooperation realistisch? Zurzeit hat man eher den Eindruck, dass Politiker die nationale Brille aufhaben.

Das stimmt und ist im Grunde auch verständlich: Stahl ist einer der zentralen industriellen Grundstoffe. Der Werkstoff ist essenziell für den wirtschaftlichen Erfolg in vielen Industrien. In Deutschland liegt der Anteil von stahlintensiven Produkten im Export bei über 50 % – von Produkten, bei denen der Stahl ganz wesentlich für die Güte des Produkts ist.

Wenn die Stahlerzeugung auswandert, besteht also die Gefahr, dass sie andere Branchen mitreißt.

Ja, betroffen wären etwa die Automobilindustrie, die Elektroindustrie oder der Maschinen- und Anlagenbau. Diese Branchen sind sehr eng miteinander verzahnt. Dort kommt es auf kurze Lieferketten an, auf hohe Flexibilität und auf technologische Impulse, die auch vom Werkstoff ausgehen. Daher ist die Diskussion, ob wir eine Stahlindustrie überhaupt brauchen, nicht zielführend. Die Frage ist vielmehr: Wie kommt die Branche wieder auf die Füße?

Haben Sie eine Antwort darauf?

Es klingt vielleicht banal, aber im Grunde geht es um Innovationen. Nicht nur um Produktinnovationen, sondern auch um Prozessinnovationen, die Kosten reduzieren. Es geht um Antworten auf die Fragen: Wie gelingt es, den Energieverbrauch um einen weiteren Prozentpunkt in der ganzen Kette zu verringern? Wie können wir noch einen Prozentpunkt mehr Schrott vermeiden?

Und es geht um Geschäftsmodell-Innovationen, also darum, neue Formen der Zusammenarbeit von Einkauf, Produktion und Vertrieb zu entwickeln. Damit können die Unternehmen besser auf die Schwankungen von Preisen, Mengen und Qualitäten reagieren. Die Zeiten stabiler Nachfrage und Rohstoffpreise kommen nicht wieder.

Das klingt noch sehr abstrakt. Können Sie ein Beispiel geben?

Die Unternehmen sollten sich stärker im Handel engagieren und Akteure auf den Rohstoffmärkten werden. Zudem sollten sich die Stahlhersteller noch mehr als heute als Entwickler von Anwendungen für den Kunden verstehen und damit ihre Position auf den Märkten verbessern.

Wie sind die deutschen Firmen in diesen Bereichen heute aufgestellt?

Bei den Produktinnovationen ist die deutsche Stahlindustrie immer noch führend. Bei den Prozessinnovationen sind die Fähigkeiten ebenfalls sehr hoch. Hier stehen vor allem die größten Kostentreiber Rohstoffeinsatz und Energie im Fokus. Außerdem ist es gelungen, die Qualität der Produktion immer weiter zu steigern. Bei der Neuausrichtung des Geschäftsmodells gibt es jedoch noch einiges zu tun. 

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Von Hans Schürmann | Präsentiert von VDI Logo
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