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11.05.2013, 08:00 Uhr | 0 |

Rohstoff-Konferenz Tausche russische Energie gegen deutsche Expertise

Die russische Rohstoffindustrie wird in Deutschland seit Jahren mit großer Skepsis beobachtet: Die Öl- und Gaslieferungen verursachten eine Abhängigkeit, die Umwelt werde vernachlässigt und auch die Menschenrechtslage wird immer wieder vorgebracht. Auf der 6. Russisch-Deutschen Rohstoff-Konferenz waren allerdings auch ganz andere Töne zu hören.

Ölfeld in Sibirien
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In der Region Khanty Mansiysk in Sibirien wird unter widrigen Bedingungen Öl und Gas gefördert. 

Foto: Modulneftegascomplect

Der Tagungsort Khanty Mansiysk, 2000 km östlich von Moskau am Rand der westsibirischen Tieflandebene, schwimmt praktisch auf Öl und Gas. Vor 60 Jahren stieß eine erste, damals im Vergleich zu heute technisch abenteuerlich ausgestattete Erkundungsbohrung auf eine Lagerstätte. Die Fontäne aus Wasser, Gas und Öl schoss mit einem solchen Druck empor, dass sie rund 50 m in den Himmel reichte und neun Monate lang nicht gebändigt werden konnte.

Es dauerte bis in die 70er-Jahre hinein, bis in der damals von Nomaden und Hirten bevölkerten Region eine Infrastruktur geschaffen war und die Förderung begann. In der Spitze, zum Ende der Sowjetzeit, kletterte die Jahresproduktion aus dem Gebiet auf mehr als 300 Mio. t Öl.

Stabile Förderung von jährlich etwa 260 Millionen Tonnen Öl

Dass es mit dem sibirischen Ölvorräten langsam, aber stetig bergab gehen könnte, schließt Wladimir Maslobojew, Direktor des Instituts für industrielle Ökologie, bis auf Weiteres aus. Zwar sei die Förderung über einige Jahre gefallen, aber seit etwa fünf Jahren lägen die Werte stabil bei etwa 260 Mio. t Öl pro Jahr.

„Die Exploration verzeichnet immer mehr neue Bohrungen, aber auch die Technologie hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Es ist inzwischen Praxis, auch in die Randzonen der Felder vorzudringen und die schwer aufschließbaren Schweröle mittels spezieller biologischer Verfahren ebenfalls erreichbar zu machen“, so Maslobojew.

Inzwischen bohren die Russen längst horizontal und nutzen dafür die Kompetenz international agierender Bohrspezialisten. Zudem erhöhen sie durch Injektionen mit Wasser und Polymeren den Extraktionsfaktor der Ölfelder deutlich, der bis vor Kurzem noch bei rund 30 % lag. Um 15 % bis 20 % ließen sich in Westsibirien die Ausbeutungsraten steigern, haben russische Experten gemeinsam mit französischen Fachleuten ermittelt – das Fracking im engeren Sinne noch gar nicht eingerechnet.

Nach Deutschland 2012 Öl und Gas im Wert von 13,5 Milliarden Dollar geliefert

nach Deutschland „Wir gehen jetzt davon aus, dass sich die Förderung im nächsten Jahrzehnt in etwa stabile Ergebnisse liefert, und wir auch 2030 noch immer jährlich mindestens 200 Mio. t liefern können“, so Maslobojew. Der Anteil der westsibirischen Felder an der Weltförderung – derzeit rund 7 % – dürfte sich daher zunächst allenfalls geringfügig reduzieren.

Angebunden sind die Förderstätten an ein Pipelinenetz, das seit Anfang der 80er-Jahre bis nach Mitteleuropa reicht. „Wir haben im letzten Jahr allein aus dem Bezirk von Khanty Mansiysk Öl und Gas im Wert von 13,5 Mrd. $ nach Deutschland geliefert, aber man hat manchmal das Gefühl, Deutschland wolle diese Exporte nicht“, klagte Waleri Jasow, Schirmherr des Treffens.

Mit dieser Ansicht traf er auch in der deutschen Delegation auf viel Verständnis. Vor allem in Wirtschaftskreisen kann man wenig mit den derzeitigen Befindlichkeiten anfangen. Rainer Lindner, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, sah es in seinem Vortrag so: „Die angebliche Abhängigkeit ist kein Problem, solange sie beiderseitig ist.“

In der Tat ist es zumindest auf mittlere Sicht nicht sehr plausibel, dass die Russen beliebig ihr Öl und Gas anstatt nach Deutschland und Europa in andere Regionen verkaufen. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass sie die Rohstoffe für sich behalten. Zum einen verlaufen die Pipelines aus West- wie aus Nordsibirien in Richtung Europa, zum anderen werden ihre Kapazitäten mit russischem Geld unter Hochdruck weiter ausgebaut.

Technologische Verflechtung

Vielleicht noch wichtiger ist inzwischen die technologische Verflechtung, sowohl in der Energiewirtschaft, aber auch bei der Lieferung von Maschinen und Anlagen. „Hier sind die Russen sehr interessiert, dass der Handel deutlich erweitert wird. Es gibt zahlreiche staatliche Programme mit einem Milliardenvolumen, für die deutsche Ausrüstungen dringend benötigt werden“, sagt Ulrich Ackermann, Leiter der Abteilung Außenwirtschaft vom VDMA.

Natürlich kennt man auch beim Verband der Maschinen- und Anlagenbauer die Probleme mit Korruption und Bürokratie. Doch diese seien einerseits beherrschbar und andererseits seien auch die Hemmnisse von deutscher Seite erschreckend. So müssen russische Geschäftsleute, die ein deutsches Unternehmen besuchen wollen, sich persönlich mehrfach auf einem deutschen Konsulat vorstellen, was angeblich eine Folge des Schengen-Abkommens sei. Klaus Potthoff, Director Division Materials bei ThyssenKrupp, beklagte in Khanty Mansiysk etwa, dass er seine Geschäftspartner aus Sibirien zudem mit Garantien für deren Rückkehrwillen versehen müsse. Die Folge davon: Viele russische Unternehmer reisen über Finnland, Polen oder Italien ein, wo die Bürokratie weniger drastisch ausufert.

Wie groß der Bedarf Russlands an Technologie und Know-how insgesamt auf dem Energiesektor ist, beleuchtete exemplarisch Stefan Kohler, Direktor der Deutschen Energieagentur (Dena). Danach arbeiten die Deutschen mit ihrer russischen Partneragentur REA bereits auf zahlreichen Gebieten wie der Energieeffizienz, erneuerbare Energien und dem Netzausbau eng zusammen. Die Dena koordiniert auch einen Teil des Technologieaustausches.

Russische Modellstädte sind dabei u. a. Jekaterienburg – hier wurde der bis 2017 laufende Vertrag auf der Hannover Messe unterzeichnet –, Swerdlowsk und Tatarstan. Schwerpunkt sind die energetische Sanierung der Gebäude und der Fernwärmesysteme sowie der Aufbau dezentraler Energieerzeugungsanlagen und Strom sparender Stadtbeleuchtungen. Als ein Großprojekt aus dem Industriebereich nennt Kohler die Modernisierung des Kupferwalzwerkes Mittelural nach dem Standard des Energieaudits. 

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Von Manfred Schulze | Präsentiert von VDI Logo
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