Interview zu Industrierohstoffen "Rohstoffversorgung ist keine Staatsaufgabe"
Seit einem Jahr widmen die VDI nachrichten den Industrierohstoffen eine monatliche Seite. Die letzte Ausgabe 2012 liefert einen Anlass zurückzublicken. Michael Bräuninger, Forschungsdirektor beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), spricht im Interview über die Themen des Rohstoffjahres - Rohstoffpartnerschaften, die Rohstoffallianz, die Preisentwicklung - und blickt in die Zukunft.
Heute wird verstärkt in schwierige und nicht konventionelle Vorkommen investiert.
Quelle: BASF
Bildquelle: BASFVDI nachrichten: Anfang 2012 erreichten die Preise für viele Industrierohstoffe ein Allzeithoch, im Jahresverlauf sind sie gefallen. Woran liegt das?
Bräuninger: Eindeutig hat die wirtschaftliche Schwäche im Euroraum die Nachfrage verringert. In China ist die Nachfrage zwar gestiegen, jedoch deutlich langsamer als in der Vergangenheit. Zudem haben die hohen Preise der letzten Jahre dazu geführt, dass Produktionskapazitäten ausgeweitet wurden. Auch dieser zusätzliche Wettbewerb hat die Preise leicht gedrückt.
Die Preise sind aber immer noch hoch.
Ja. Und ich gehe auch davon aus, dass in der zweiten Hälfte des Jahres 2013 die Konjunktur wieder anzieht und damit die Rohstoffpreise steigen. In China dürfte die Wachstumsrate 2013 wieder über 8 % liegen – die Unternehmen fragen dann erheblich mehr Rohstoffe nach. Und auch im zweiten wichtigen Schwellenland – Brasilien – scheint die Krise überstanden. Auch die wieder stärker steigende Industrieproduktion in den USA wirkt sich preissteigernd aus.
Müssen sich die Produktionsunternehmen dann auf steigende Kosten einstellen?
Ich denke, das müssen sie nur kurzfristig. Denn dem zyklisch bedingten leichten Preisanstieg arbeitet ein langfristiger Trend entgegen. Die spannende Frage ist, mit welcher Geschwindigkeit beide Prozesse gegeneinander laufen. Langfristig werden die Preise eher wieder sinken.
Was deutet darauf hin?
Die Industrie nutzt immer stärker günstige Substitute für teure Rohstoffe und bemüht sich, ressourceneffizient zu arbeiten. Zudem, das ist entscheidend, bauen die Rohstofflieferanten derzeit vielerorts im großen Stil Produktionskapazitäten auf – dadurch wird die Preisentwicklung deutlich gedämpft. Hinzu kommt die Suche nach neuen Lagerstätten. Beispielsweise besinnen sich die USA wieder verstärkt auf die Förderung eigener Rohstoffe. Auch in Russland und vielen Ländern Südamerikas und Afrikas läuft die Suche auf Hochtouren.
Dieser Trend ist neu.
Ja, aus Sicht der Rohstoffkonzerne ist immer die Frage, wie wie lange bleiben die Preise oben. Lohnt es sich also, neue Explorationsprojekte anzuschieben? Ich glaube, dass vor 2008 die großen Konzerne nicht daran geglaubt haben, dass die damaligen Preissteigerungen nachhaltig waren. Und dass deswegen die Explorationsaktivität gar nicht so groß war. Besonders haben wir das beim Öl gesehen. Ich habe mich damals gewundert: Warum geht das nicht los – bei diesen hohen Ölpreisen?
Und heute?
Heute wird verstärkt in schwierige und nicht konventionelle Vorkommen investiert, so zum Beispiel in Ölschiefer und Ölsande in den USA und in Kanada. Scheinbar hat in der Zwischenzeit bei den Rohstoffkonzernen ein Umdenken stattgefunden. Und sie gehen von einer dauerhaft hohen Nachfrage aus, insbesondere in den Schwellenländern.
Dabei suchen sie immer nach dem optimalen Punkt. Fördern sie mehr, gehen die Preise zurück. Sie müssen dann zwar zu einem niedrigeren Preis verkaufen, können aber unter Umständen mehr absetzen. Die Frage ist, wo für das jeweilige Unternehmen das Optimum liegt. Dies ist auch davon abhängig wie viel Konkurrenz herrscht und wie die Konkurrenten reagieren. Im Augenblick deutet vieles darauf hin, dass die Fördermengen ausgeweitet werden.
Das klingt nach Absprachen.
Im Rohstoffsektor herrscht offensichtlich keine vollständige Konkurrenz. Diese wäre gegeben, wenn das Verhalten eines einzelnen Anbieters keinen Einfluss auf den Preis hat. Im Rohstoffsektor haben wir häufig nur zwei große Konzerne und eine Handvoll staatlicher Konzerne, die für größere Liefermengen eines bestimmten Rohstoffes in Frage kommen.
Ist der Rohstoffmarkt dann undurchsichtig?
Abhängig vom Rohstoff nicht undurchsichtiger als andere Märkte, würde ich sagen.
Bei den Rohstoffen mischt sich der Staat immer stärker ein. Kann man überhaupt noch von einem freien Markt sprechen?
Abgesehen von kleineren Ausnahmen staatlicher Intervention ist der Markt für die börsennotierten Rohstoffe frei. Anders ist es bei den Seltenerdmetallen. Hier hat China eine besonders große Bedeutung, die es für Eingriffe in den Markt nutzt: Durch Regulierungsmaßnahmen werden hier industriepolitische und strategische Zielen verfolgt. Da ist die Welthandelsorganisation WTO das richtige Instrument, um sich für Handelsfreiheit einzusetzen. Dabei werden die politischen Verhandlungen sowohl langwierig als auch schwierig sein.
Welche Rolle soll der Staat denn einnehmen?
Ich bin der Meinung, es ist nicht Aufgabe des Staates, die Versorgung mit Industrierohstoffen sicherzustellen. Da gibt es in Wirtschaft und Politik eine ganze Reihe von Forderungen, die ich für stark übertrieben halte, bis dahin, dass die EU Vorräte anlegen sollte.
Das ist aber doch Aufgabe der einzelnen Unternehmen. Ebenso ist es Aufgabe der Unternehmen für langfristige Lieferverträge zu sorgen. Dies ist auch die Position der Bundesregierung in der Rohstoffstrategie...
...wirklich? Warum schließt die Regierung dann Rohstoffpartnerschaften mit Kasachstan und der Mongolei?
Hier werden auf politischer Ebene Kooperationsverträge und Rahmenvereinbarungen geschlossen. In diesem Rahmen können Industrieunternehmen mit den Rohstofflieferanten – etwa in Kasachstan und der Mongolei – Verträge schließen. Darin könnten Liefermengen und Preise langfristig fixiert werden. Viele Unternehmen werden so ihren kontinuierlichen Rohstoffbedarf decken und nur die Spitzen durch kurzfristige Verträge ausgleichen. Teilweise sind die Preise aber auch an Spotmärkte gekoppelt.
Rohstoffpartnerschaften also als notwendiges Übel?
Wo der freie Handel schwer möglich ist, soll sich die Politik einmischen. Vor diesem Hintergrund können Rohstoffpartnerschaften gerechtfertigt sein.
Internationale Konzerne könnten doch direkt Verträge mit Minen in Kasachstan oder der Mongolei abschließen.
Ja, wir müssen aber auch sehen, dass auf der Gegenseite teilweise staatliche Unternehmen agieren. Wie soll ein einzelnes Unternehmen beispielsweise einen solchen Vertrag auf Einhaltung einklagen? Und es befinden sich sehr viele Minen in Kasachstan und der Mongolei in Staatsbesitz, zumindest in Teilen. Die Rohstoffpartnerschaften helfen hier zumindest teilweise zu Verhandlungsgleichheit.
Wie sehen die Verhandlungen denn konkret aus?
Es gibt dann Delegationsreisen in die Schwellenländer, an denen Minister und zahlreiche Industrievertreter teilnehmen. Dabei werden Rahmenverträge ebenso wie individuelle Verträge geschlossen.
Ich bin mir sicher, dass da auch Überkreuzgeschäfte stattfinden, die in den Verträgen der Rohstoffpartnerländer nicht drinstehen. Und die Menschenrechtslage macht es nicht einfacher. Da steckt die Politik in einem Dilemma. Einerseits muss sie gegen Menschenrechtsverstöße vorgehen, andererseits kann es sich die deutsche Wirtschaft kaum leisten, alle Geschäftspartner zu meiden, die sie begehen. Davon ab ließen sich die entsprechenden Länder durch einen Vertragsverzicht deutscher Unternehmen wohl auch nicht von ihrer Linie abbringen. In krassen Fällen müssen die Industrieländer aber gemeinsam handeln.
Wie denn?
Durch Boykotts. Das hat man zum Beispiel zu Zeiten der Apartheid mit Südafrika gemacht, den gesamten Handel eingestellt. Das hat dazu geführt, dass die südafrikanische Wirtschaft sich letztlich für eine Öffnung des Landes ausgesprochen hat.
Welche Länder kommen als nächste für Rohstoffpartnerschaften in Frage?
Das könnten Länder sein, in denen einerseits der staatliche Einfluss auf die Rohstoffkonzerne groß ist, und die andererseits einen hohen Investitionsbedarf kennen, die also Kapital benötigen, um die Minen auszubauen. Dies gilt eigentlich für die meisten Schwellen- und Entwicklungsländer.
Große deutsche Industriekonzerne wie BASF, Thyssen Krupp und Bosch wollen ihre Rohstoffversorgung gemeinsam absichern. Sie haben dafür eine Rohstoffallianz gegründet. Wie sehen Sie deren Arbeit?
Im Augenblick geht es sehr stark um Informationsaustausch und gemeinsame Sprachregelungen.
Bislang gibt es also wenig Zählbares?
Information ist durchaus zählbar und wichtig. Ich wüsste im Augenblick nicht, welchen Einfluss die Allianz darüber hinaus ausüben sollte.
Aber das Ziel der Rohstoffallianz ist doch viel ehrgeiziger. Offiziell soll sie "die Versorgung der Gesellschafter mit kritischen Rohstoffen unter enger Einbindung der Rohstoffpolitik der Bundesrepublik sichern".
Ich denke, man hat sich etwas sehr Großes auf die Fahnen geschrieben, was man gar nicht unbedingt erfüllen kann. Das, was bislang dabei herausgekommen ist, ist das, was sinnvoll und auch praktikabel ist. Der BDI und die Rohstoffallianz können – ebenso wenig wie der Staat – die Rohstoffversorgung für private Unternehmen "sichern".
Hätten sich kartellrechtliche Probleme eingestellt, wenn der angestrebte Einfluss erreicht worden wäre?
Solche Bedenken hatte ich nicht. Eher hatte ich die Befürchtung, dass sich die EU und Staaten übertrieben einmischen, sich also zu Aktionen verleiten lassen, die mit den Grundsätzen der freien Marktwirtschaft brechen.
Was hat darauf hingedeutet?
Denkwürdig war, dass neben einzelnen Politikern auch Industrieunternehmen sich für staatliche Eingriffe stark gemacht haben. Gerade die sollten doch aber an einem freien Markt, also auch an einem freien Rohstoffmarkt, das größte Interesse haben. Wenn Politik und Industrie unisono staatliche Eingriffe fordern, wird es gefährlich.
Wie sehen Sie Spekulation auf Industrierohstoffe?
Grundsätzlich hat Spekulation einen sehr großen Einfluss, wir beobachten Blasenbildung und Preisübertreibungen, die negative Effekte auf die Realwirtschaft haben können. Bereiche der Spekulation sind sogar an der Realwirtschaft überhaupt nicht mehr ausgerichtet. So führt der computer- oder modellgetriebene Handel sicher zu problematischen Übertreibungen.
Wie kann man das verhindern?
Zum Beispiel könnte man die sehr kurzfristigen Spekulationen verbieten – das sogenannte High Frequency Trading. Mit anderen Worten: Man könnte Haltefristen vorschreiben. Da sehe ich auch keine negativen Konsequenzen für die Realwirtschaft. Und mal ehrlich: Eine Sekunde oder zwei Sekunden wären im Rohstoffbereich doch noch immer hohe Frequenzen.
Sind die hohen Preise aus dem Jahr 2011 durch Blasenbildung entstanden?
Niemand kann den spekulativen Anteil eines Preises herausdestillieren. Ich meine aber, in den Rohstoffmärkten steckt eine Menge Spekulation mit erheblichen, auch längerfristigen Preiseffekten. Das gilt für Industriemetalle, das gilt aber auch für Öl und Nahrungsmittel. Sich gegen Blasenbildung zu wehren, ist schwierig. Wäre der High-Frequency-Handel ausgesetzt, träten sie vielleicht seltener auf, würden aber nicht verschwinden.
Hätte eine stärkere Regulierung der Rohstoffmärkte positive Effekte auf die Realwirtschaft?
Grundsätzlich würde ich diese Regulierung begrüßen, solange der Beschluss weltweit bindend ist. Es genügt nicht, diesen auf regionaler Ebene zu fassen, dann wandert der Markt einfach weiter. Die großen Industrieländer müssen wenigstens mitmachen.





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