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18.06.2013, 11:11 Uhr | 0 |

Rohstoffzufuhr sichern IW-Forscher Bardt: "Der Handel mit Rohstoffen wird von Jahr zu Jahr stärker beschränkt"

Deutschland hat im internationalen Vergleich Nachteile beim Wettstreit um die Rohstoffe. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Der Autor und IW-Rohstoffexperte Hubertus Bardt erklärt, bei welchen Rohstoffen die Versorgungslage kritisch ist und was Politik und Unternehmen tun können.

IW-Rohstoffexperte Hubertus Bardt
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IW-Rohstoffexperte Hubertus Bardt: Die Rohstoffpreise werden wieder steigen.

Foto: Institut der Deutschen Wirtschaft

VDI nachrichten: Die Rohstoffpreise zum Beispiel für Basismetalle sind deutlich niedriger als noch vor zwei Jahren. Ist in den Chefetagen das Thema Rohstoffsicherheit noch aktuell?

Bardt: Die Rohstoffpreise sind in der Tat in den letzten eineinhalb Jahren zurückgegangen, aber befinden sich immer noch auf einem historisch hohen Niveau. Die Gefahr, dass man mit den nicht mehr ganz hohen Preisen das Thema aus dem Blick verliert, ist aber natürlich gegeben. Denn die Kosten sind für die Unternehmen der Haupttreiber, sich mit Versorgungsfragen bei Rohstoffen zu beschäftigen. Ich glaube aber, dass das Thema weiter auf die Agenda gehört.

Und die Unternehmen haben die Rohstoffsicherheit noch auf dem Plan?

Sie ist sicherlich ein bisschen aus dem öffentlichen Fokus und teilweise auch aus dem der Unternehmen gerückt. Aber in den Chefetagen hat das Thema in den letzten Jahren deutlich an Stellenwert gewonnen. Und das zu Recht.

Deutschland ist bei Metallen vollständig von Importen abhängig. Wird es hier in den nächsten Jahren zu einer Versorgungslücke kommen?

Ich halte es durchaus für möglich, dass die Preise steigen werden, wenn wir wieder in eine stärkere Wachstumsphase geraten. China ist der weltweit größte Verbraucher von Metallen. Deshalb hängt da viel vom chinesischen aber auch vom Weltwirtschaftswachstum und gleichzeitig vom Ausbau der Abbaukapazitäten ab.

Wie kritisch könnte es werden?

Wir importieren sämtliche Metalle. Übertrieben gesprochen, wenn wir keine Importe von Metallen mehr bekommen würden, könnte die Industrie sofort und flächendeckend zumachen. Wir sehen aber nicht bei allen Metallen große Versorgungsrisiken. Insgesamt sind es gut ein Dutzend, die wir kritisch einschätzen. Das wären dann zum Beispiel Wolfram, Palladium oder Niob. Aber auch die Gruppe der Seltenen Erden zählen wir dazu.

In Ihrer Studie betonen Sie, dass die Unternehmen nicht nur direkt, sondern durch Zulieferprodukte auch indirekt von Rohstoffen abhängig sind. Ist den Unternehmen das bewusst?

Da besteht Nachholbedarf. Die meisten Unternehmen schauen, wie die Versorgungssituation bei den Rohstoffen ist, die sie selber einkaufen. Das Wissen über die Rohstoffe in der gesamten Wertschöpfungskette ist sehr viel weniger ausgeprägt. Ein Problem dabei ist, dass man häufig nicht so genau reinschauen kann, was für Rohstoffe der Zulieferer für das Produkt und den Produktionsprozess braucht.

Sie sprechen vom Wettbewerbsnachteil Deutschlands im Kampf um die Rohstoffe. Wo stehen wir denn momentan im internationalen Vergleich?

Die Unternehmen bemerken vor allem Wettbewerbsnachteile gegenüber Konkurrenten aus Staaten, in denen die Rohstoffe direkt vorhanden sind und die sich einen exklusiven Zugang zu diesen Rohstoffen sichern können. Generell steht Deutschland aber gar nicht so schlecht da. Wir haben im Gegensatz zu anderen Ländern eine Regierung, die sich mit ihrer Rohstoffstrategie des Themas annimmt. In den USA zum Beispiel findet so etwas deutlich weniger und eher unter Sicherheits- als unter wirtschaftlichen Aspekten statt. Wir müssen vor der Situation keine Angst haben, sollten uns aber schon auf die Risiken einstellen und uns entsprechend aufstellen.

So halten Sie in Ihrer Studie die Bundesregierung dazu an, den freien Handel zu fördern. Was genau muss sie also tun?

Der Handel mit Rohstoffen wird von Jahr zu Jahr stärker beschränkt. Alles, was man so in Außenwirtschaftslehrbüchern als protektionistische Maßnahmen finden kann, taucht da auf. Die Politik muss nun auf allen Kanälen und Plattformen das Thema Freihandel weiter verfolgen. Dabei müssen zum Beispiel die EU und die Welthandelsorganisation WTO genutzt werden, um das starke Interesse eines von Metallimporten abhängigen Industrielands wie Deutschland deutlich zu machen.

Das geschieht doch bereits. So hat Deutschland kürzlich bei der WTO gegen Chinas Politik der Handelshemmnisse geklagt.

Ja, China hatte sich verpflichtet, nach den WTO-Regeln zu spielen und keine zusätzlichen Exportrestriktionen aufzubauen.

Also ein erster Schritt?

Ein wichtiger Schritt, denn er macht deutlich: Es gibt Regeln und an die sollen wir uns auch gemeinsam halten. Aber das kann erst der Anfang sein. Die Regeln müssen weiter entwickelt werden und das Thema Liberalisierung des Handels mit China wird auch weiter auf der Agenda stehen müssen.

Ihre Studie sagt, kleinere Unternehmen würden sich nicht genug um das Thema Versorgungsrisiken kümmern.

Kleine Unternehmen machen in der Tat weniger als große, wenn es um die Absicherung gegen Versorgungsrisiken geht. Das ist zunächst auch nicht überraschend, kann aber zum Problem werden.

Aber kleine Unternehmen sind in ihren Möglichkeiten doch deutlich beschränkt.

Klar, man kann von ihnen nicht erwarten, sich an Bergbauprojekten zu beteiligen. Es gibt aber durchaus andere Angriffspunkte. So können sie versuchen ihre Lieferantenstrukturen zu diversifizieren und sich dadurch unabhängiger zu machen. Sie sollten öfter langfristige Lieferverträge schließen. Außerdem versuchen sie noch zu wenig, ihre Materialeffizienz zu verbessern. Generell ignoriert jedes vierte Kleinunternehmen das Thema einfach und ist damit potenziellen Gefahren ausgesetzt. Hier ist eine zusätzliche Aufklärung notwendig.

Die Regierung hat 2010 die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) als Informationszentrum ins Leben gerufen. Reicht eine nationale Initiative?

Auch international müssen Institutionen entwickelt werden. So gibt es die Idee, dass es so etwas wie eine internationale Rohstoffagentur geben soll. Also eine Institution, die eine höhere Transparenz für diese Märkte herstellt und ein Forum für Politikgestaltung bietet. Wo dann auch Interessen von Produzenten- bzw. Abnehmerländern gebündelt und in einen Diskurs gebracht werden können. Das kann Deutschland nicht alleine machen. Aber es würde dem Thema mehr Prominenz und einen Raum geben, in dem z. B. der Freihandel weiter vorangebracht und eine verbesserte Informationsbasis geschaffen werden kann.

Was ich bei der DERA für gut halte ist, dass sich Unternehmen konkret beraten lassen können. Für das kurzfristige Risikomanagement hilft sie sicher eher nicht, kann aber das Wissen bereitstellen, um die grundlegende Aufstellung eines Unternehmens mit Blick auf die Rohstoffversorgung zu verbessern. Die konkrete kurzfristige Marktbeobachtung ist aber nicht Aufgabe einer staatlichen Stelle.

BMW, Aurubis und zehn weitere Unternehmen haben sich letztes Jahr zu der Rohstoffallianz zusammengeschlossen. Liegt darin vielleicht die Lösung für das Problem Rohstoffsicherheit?

Die Rohstoffallianz hat ja das Ziel, Bergbauprojekte zu identifizieren, an denen sie sich konkret beteiligen kann. Das kann ein Ansatz für einige eher große Unternehmen sein, nicht aber für den breiten Mittelstand.

Welche Dienste kann sie als Raum für den Informationsaustausch leisten?

Für mittelständische Unternehmen ist es nicht leicht, sich zu informieren und die richtigen Quellen zu finden. Eine gute Informationsplattform könnte hier einen wichtigen Beitrag leisten. Information ist die wesentliche Voraussetzung für den Umgang mit Rohstoffrisiken.

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Von Christoph Böckmann | Präsentiert von VDI Logo
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