25.07.2013, 13:29 Uhr | 0 |

Neue Chance durch DVB-T2 Nach RTL-Ausstieg: Unsichere Zukunft für terrestrisches TV

Die Zukunft des digitalen terrestrischen Fernsehens ist derzeit so ungewiss wie nie. Zwar scheint bis 2018 der Status quo gesichert, aber was danach kommt, weiß keiner. Teuer wird es für die Zuschauer, wenn die TV-Inhalte künftig per mobilem oder stationärem Internet abgerufen werden sollen, wie es einige Protagonisten vorschlagen.

Terrestrisches TV
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Als Überall-Fernsehen wurde DVB-T einst angepriesen, weil mit dem digitalen terrestrischen TV auch mobile Geräte zum TV-Empfang genutzt werden können. Doch ob dieses Szenario noch Zukunft hat, ist derzeit unklar. Künftig könnte der mobile TV-Genuss nur noch via Internet stattfinden.

Foto: WDR

Wenn es nach der Bundesnetzagentur und der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) ginge, hätten wir ab 2020 wohl kein reguläres terrestrisches Fernsehen mehr, sondern bestenfalls eine aufwändige und teure Versorgung über Internet per Mobilfunk. Daher ging es vor Kurzem während eines Symposiums der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) um die Frage "Web TV statt DVB-T – Das Internet als mediale Basisversorgung?" Es sollte die Frage geklärt werden, ob das offene Internet in Ballungsräumen die terrestrische Fernsehausstrahlung via DVB-T perspektivisch ersetzen kann.

DVB-T erreicht heute 20 Prozent der Fernsehhaushalte

Hans Hege, Direktor der mabb, verdeutlichte zu Beginn, dass es die Zuschauer waren, die das terrestrische Fernsehen gewollt und gerettet hätten. "Hätten die Verbraucher die digitale Terrestrik nicht unerwartet stark akzeptiert, wäre nach der fünfjährigen Erprobungsphase (sie endete am 23. Februar 2003 mit der kommerziellen Einführung für Berlin/Potsdam, d. Red.) Schluss gewesen." Heute, so Hege, erreiche die digitale Terrestrik über 20 % der Fernsehhaushalte, und davon "etwa die Hälfte als alleinigen Fernsehempfang".

Dass sich der ganze tägliche Medienkonsum nur schwerlich übers offene Internet ins Haus holen lässt, machte Eva Flecken von der mabb deutlich. Nach ihrer Rechnung schaut jeder Erwachsene täglich 242 min TV, hört 191 min Radio, liest 23 min in Tageszeitungen, 6 min in Zeitschriften, in Büchern 22 min und nutzt 83 min das Internet. Würden Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften auf ein Tablet-PC gestreamt, käme alleine dafür pro Monat ein Datenvolumen von 96 GByte heraus.

Bersonders in Berlin ist DVB-T stark verbreitet

Was wäre also, wenn DVB-T wirklich abgeschaltet würde und die betroffenen Haushalte ihren Medienbedarf dann übers offene Internet beziehen müssten? Allein von den 1,8 Mio. Berliner Fernsehhaushalten nutzen 408 000 DVB-T, wobei davon 264 000 ausschließlich auf diese Empfangsart setzen. Laut Daniel Hürst von Mediareports Prognos verfügen davon bereits 182 000 Haushalte über einen Breitband-Internetanschluss, doch 82 000 eben nicht und für stattliche 49 000, also 3 %, kommt ein Netzzugang aus Alters- oder Geldgründen nicht infrage. Diese müssten dann ganz aufs Fernsehen verzichten. "Und das entspricht immerhin Städten wie Kaiserslautern, Hildesheim oder Cottbus", so der Marktforscher.

Doch auch die Breitbandversorgung hat so ihre Tücken, wenn insgesamt 280 000 Endgeräte – einschließlich Zweit- und Drittgeräte – ihren Content allein übers Breitbandnetz beziehen müssten. "Bei 2-Mbit/s-Streams kämen wir auf 560 Gbit/s allein fürs Web TV", machte Hürst deutlich. Dazu kommen weitere Probleme unter den Stichworten Breitbandtarife, Volumendrosselung, Flatrate mit Zusatzentgelten und ein unvollständiges Web-TV-Angebot. Denn noch sind rund 55 % der deutschen TV-Programme nicht kostenfrei im Internet zu finden. Und das dürfte wohl die größte Hürde sein, suchen doch gerade private Anbieter neue Erlösmodelle, da der Fernseh-Werbemarkt stagniert.

Über DVB-T2 lässt sich auch HDTV übertragen

Michael Moskob, Leiter Regulierung und Public Affairs beim Sendernetzbetreiber Media Broadcast, ist nach wie vor vom Erfolg von DVB-T überzeugt – und von dessen Entwicklungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten. Moskob spricht dabei vom Umstieg auf die Nachfolgetechnologie DVB-T2 und damit verbunden sowohl HDTV als auch mehr Programme. Immerhin wäre bereits ab 2016 ein DVB-T2-Szenario vorstellbar.

Da bleibt die Frage, wer den Netzausbau finanziert, wenn alle Verkehre übers Internet laufen würden. "Wir kommen bei überschlägigen Einschätzungen auf ca. 20 Mio. € Kosten für die Netzwerkbetreiber pro Jahr", so der Medienmanager und sieht die Gefahr, dass sich Preise, Konditionen und Qualität für die Kunden verschlechtern könnten.

Trotz des Ausstiegs der RTL-Gruppe aus der terrestrischen Versorgung will ProSiebenSat.1 mit DVB-T bis 2018 weitermachen. "Wir brauchen ein paar Jahre, damit wir uns mit den anderen Marktpartnern klar werden, was für ein Nachfolgesystem kommen soll", so Heiko Zysk, Vice President, Governmental Relations and Head of European Affairs der Sendergruppe. Für Andreas Bereczky, Produktionsdirektor des ZDF, ist T2 die logische Weiterentwicklung der Terrestrik. "Wir wollen diesen Umstieg machen, weil wir effizienter werden und Kosten einsparen können."

Pro Internet argumentiert Jörg Meyer, Vice President im Bereich Content und Consumer bei Zattoo. Seine Plattform bietet über 50 Sender und Meyer weiß, "lineares TV muss man dort anbieten, wo junge Menschen diese Medien konsumieren", und er ist sich sicher, dass er im Netz "schon heute mehr zu bieten hat als DVB-T". Dazu gehören die Möglichkeiten, Inhalte zu finden, zeitversetzte Sendungen zu schauen, die Verknüpfung mit Social Media und die Übertragung auf Tablets, Smartphones oder PCs.

RTL bleibt beim Ausstieg aus der terrestrischen Verbreitung

Eva-Maria Sommer, Referentin Medienpolitik der Mediengruppe RTL, will die Programme "auf möglichst allen Verbreitungswegen, auf möglichst allen Endgeräten und in höchstmöglicher Qualität zum Zuschauer bringen". Doch beim Übertragungsweg Terrestrik klemmt es, fehle es an Planungssicherheit und einem gemeinsamen Umstiegszeitpunkt auf T2. Auch sei ein längerer Parallelbetrieb von DVB-T und -T2 (Simulcast) erforderlich, um die gesamte Boxenpopulation auszutauschen. Zudem seien möglicherweise spätestens 2020 die Frequenzen weg.

So wolle die Bundesnetzagentur möglichst bald die Digitale Dividende 2 vergeben, also die Frequenzen des 700-MHz-Bereichs (694 MHz bis 790 MHz) dem Mobilfunk überlassen. "Es kümmert sich niemand um die langfristige Frequenzsicherung für uns", so Sommer. "Wir müssen uns dafür einsetzen, dass die Frequenzen dem Rundfunk weiterhin erhalten bleiben."

Ins gleiche Horn bläst auch Zysk: "Es kann nicht angehen, dass eine Agentur in Bonn darüber entscheidet, wie wir unsere Rundfunkfreiheit ausüben, also nicht nur ein Programm produzieren, sondern auch ausstrahlen können." Es sei schon verwegen, wenn die Sender per Verwaltungsbeschluss mitgeteilt bekämen, Rundfunk sei jetzt gar nicht mehr so wichtig, mobiles Internet könne das jetzt auch machen.

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Von Rainer Bücken | Präsentiert von VDI Logo
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