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17.04.2013, 14:05 Uhr | 0 |

Industrie 4.0 "Der Maschinen- und Anlagenbau hat auf die Vernetzung nur gewartet"

Mit ihrer Nähe zu den Bedürfnissen der Anwender und ihrer Lösungskompetenz sind Maschinenhersteller für Karl Tragl, den Vorstandsvorsitzenden der Bosch Rexroth AG in Lohr/Main, bestens für die Umsetzung der vernetzten Industrie ausgerüstet. Mit einer offenen Automatisierungsarchitektur will Bosch Rexroth die Unternehmen dabei unterstützen.

Karl Tragl, Vorstandschef Bosch Rexroth
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Karl Tragl, Vorstandschef des Spezialisten für Steuerungs- und Antriebstechnik Bosch Rexroth.

Foto: Bosch Rexroth

VDI nachrichten: Das große Thema in der Automatisierungstechnik ist "Industrie 4.0" bzw. "Integrated Industry". Was bedeutet das für Bosch Rexroth?

Tragl: Wir erleben einen immer schnelleren Technologiewandel im Maschinen- und Anlagenbau. Ein wesentlicher Treiber ist die zunehmende Vernetzung der gesamten Produktionsabläufe. Bislang bestimmen dabei vor allem IT-Experten die Richtung und das Tempo.

Welcher der Disziplinen IT, Elektronik, Mechanik trauen Sie hier am ehesten die Führungsrolle zu?

Wenn es um die konkrete Umsetzung geht, führt doch kein Weg an den Maschinenherstellern vorbei, denn sie haben ein einzigartiges Prozess- und Engineering-Know-how. Nur mit dieser Expertise können Endanwender die Produktivität steigern. Für mich gehören eindeutig die Maschinenhersteller ans Steuer.

Haben Sie in den vergangenen Jahren das Gefühl gehabt, dass die Maschinenhersteller in dem Prozess nicht ausreichend eingebunden wurden?

Integrated Industry ist erst seit Kurzem ein großes Thema und der Diskussionsstand ist noch weit von einer praktischen Umsetzung im großen Stil entfernt. Wir dürfen aber eines nicht vergessen: Die Maschinenhersteller haben in den vergangenen Jahren die Vernetzung innerhalb der Maschinen bereits massiv vorangetrieben. Sie haben mechanische Funktionen durch Software ersetzt. Intelligente Antriebe und dezentrale Steuerungen führen in vielen Konzepten eigenständig wichtige Funktionen aus und kommunizieren über Ethernet untereinander und mit der Steuerung. Dieser Weg ist richtig und eine wichtige Voraussetzung auf dem Weg zu einer weiteren Vernetzung.

Was hinderte Maschinenhersteller bisher daran, IT-Komponenten ebenso gekonnt wie mechanische Bauelemente in ihren Engineering-Konzepten zu berücksichtigen?

Das ging damit los, dass Automatisierungs- und IT-Welt mit unterschiedlichen Programmiersprachen arbeiteten. Und Maschinenhersteller hatten keinen Zugriff auf den Steuerungskern. Das ist aber eine wichtige Voraussetzung, um individuelle Maschinenfunktionen zu entwickeln und die Automatisierungswelt mit der IT-Welt zu vernetzen.

Wie kann dieser Prozess nach Ihrer Ansicht unterstützt werden?

Aus meiner Sicht geht es um größere Freiheitsgrade für Maschinenhersteller, weil bei ihnen ein einzigartiges Know-how zusammenkommt. Jede Branche hat ihre eigenen ganz speziellen Anforderungen, die Maschinenhersteller sehr genau kennen und umsetzen, das muss ihnen niemand erklären. Was sie wollen, sind neue Möglichkeiten, innovative Ideen selbst umzusetzen und dabei ihr Wissen zu schützen.

Welche Schritte müssten zu einer Harmonisierung bei der technischen Infrastruktur gegangen werden?

Bosch Rexroth hat schon immer auf offene Steuerungen gesetzt und, wo immer vorhanden, internationale Standards verwendet. Bisher stand dabei die Offenheit innerhalb der Automatisierungswelt im Mittelpunkt. Jetzt haben wir als erster Hersteller unsere Steuerungen auch für die IT-Welt geöffnet. Wir nennen das Open Core Engineering, weil dort zwei Dinge zusammenkommen: Zum einen können Maschinenhersteller bis auf den Steuerungskern zugreifen und zum anderen erweitern wir die Freiheit beim Engineering. Über Open Core Engineering können Ingenieure und Softwareentwickler mit nahezu jeder Hochsprache der IT-Welt Maschinenfunktionen schreiben, die auf den Steuerungskern zugreifen. Das ist derzeit mit keiner anderen Steuerung möglich. Damit eröffnen wir Maschinenherstellern neue Freiheitsgrade, eigenes Wissen und innovative Ideen selbst in Software abzubilden.

Wie soll Ihr "Open Core Engineering" in der Praxis funktionieren?

Sehr einfach: Maschinenhersteller können jetzt Softwareprogramme oder Applikationen in dem jeweiligen Betriebssystem von Smartphones und Tablet-PCs schreiben und damit auf die Steuerung von Maschinen zugreifen. Auf der Hannover Messe zeigen wir Muster einiger Apps, mit denen Maschinenhersteller die Inbetriebnahme und Diagnose von Maschinen deutlich vereinfachen. Aber in der Praxis geht es immer um mehr als um Technik. Mindestens ebenso wichtig sind Offenheit und Wissensaustausch zwischen Endanwendern, Maschinenherstellern und Automatisierungslieferanten. Erst Austausch ermöglicht es, auch scheinbar Unveränderliches in Frage zu stellen – so wie wir es jetzt in der Frage des Zugriffs auf den Steuerungskern gemacht haben.

Inwieweit wird und kann sich auch hier der Arbeitsalltag aus Ihrer Sicht verändern? Welche Zeithorizonte streben Sie an?

Sehr wahrscheinlich viel schneller, als wir glauben. Das Internet hat seinen Siegeszug vor rund 15 Jahren angetreten, Smartphones gibt es seit rund fünf Jahren. Beides ist aus unserem Alltag bereits nicht mehr wegzudenken. Junge Ingenieure und Facharbeiter, die jetzt ins Berufsleben eintreten, stellen ganz andere Ansprüche an die Bedienung und die Vernetzung von Technologien als die Generationen davor. Die Rückmeldungen von Maschinenherstellern zu Open Core Engineering zeigen uns jedenfalls sehr deutlich, dass unsere Kunden nur darauf gewartet haben, eigene Ideen rund um Software und Vernetzung zu verwirklichen.

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Von Oliver Klempert | Präsentiert von VDI Logo
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