11.08.2014, 16:15 Uhr | 0 |

Zehnjährige Studie Schlafmangel im All: Astronauten nehmen häufig Tabletten

Astronauten bekommen während ihrer Missionen zu wenig Schlaf und nehmen zu viele Schlaftabletten. Das ist das Ergebnis einer zehnjährigen Studie über den menschlichen Schlaf im All. Schlafmangel kann für Astronauten besonders gefährlich werden, warnen die Mediziner.

Astronauten in Schlafposition
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In Schwerelosigkeit gibt es kein „Oben“ und „Unten“: Auch an der Wand kann geschlafen werden.

Foto: NASA

Es ist die größte Studie über das Schlafverhalten von Astronauten, die jemals durchgeführt wurde. Zehn Jahre lang haben die Mediziner der Station für Schlafstörungen am Brigham and Women’s Hospital in Boston gemeinsam mit Wissenschaftlern der Harvard Medical School und dem Schlaflabor der Universität in Colorado die Daten gesammelt. 64 Astronauten auf 80 Shuttle-Missionen und 21 ihrer Kollegen auf der Internationalen Raumstation (ISS) trugen dafür ein Gerät am Handgelenk, das ihren Schlaf aufzeichnete.

Während der Mission schlafen die Astronauten nur rund sechs Stunden

Das Ergebnis ist repräsentativ, aber wenig erfreulich. Die Daten von 4200 Nächten im Weltraum und noch einmal 4000 Nächten auf der Erde zeigten, dass die Astronauten deutlich weniger schliefen, als die NASA das gerne hätte. Die Raumfahrtbehörde wünscht sich 8,5 Stunden Schlaf für ihre Astronauten, aber davon sind diese weit entfernt. Die Studie zeigte, dass die Teammitglieder vor einer Mission durchschnittlich 6,5 Stunden schliefen, das ist eine halbe Stunde weniger als beim Durchschnittsamerikaner. Während der Mission verkürzte sich die Schlafzeit noch einmal: An Bord der Raumstation wird etwas über sechs Stunden, bei Shuttle-Flügen etwas weniger als sechs Stunden geschlafen.

„Schlafmangel ist weit verbreitet unter den Astronauten“, sagt Medizinerin Laura K. Bargers, die Leiterin der Studie. „Wir müssen effektivere Methoden finden, um den Schlaf im Astronautenteam zu verbessern, sowohl im Training, als auch während der Mission. Bei Schlafmangel sinkt die Leistung, das haben bisherige Studien eindeutig belegt.“

Drei Viertel der Raumfahrer nahmen Schlaftabletten

Besorgt waren die Mediziner auch darüber, dass die Astronauten offenbar recht häufig zu Schlaftabletten greifen, um überhaupt zur Ruhe zu kommen. Drei Viertel des Teams auf der ISS hatten angegeben, dass sie während ihres Aufenthaltes Schlafmittel genommen hätten. Auf den Shuttle-Missionen brauchten 78 Prozent der Crew bei mehr als jeder zweiten Nacht medikamentöse Einschlafhilfe. Die am häufigsten genommenen Mittel waren Zolpidem und Zaleplon.

Für Laura Bargers ist das besorgniserregend. „Patienten, die regelmäßig Schlafmittel nehmen, sollten äußerst vorsichtig sein, wenn sie gefährliche Arbeiten machen müssen, bei denen geistige und körperliche Aufmerksamkeit gefragt ist“, sagt Bargers. Während einer Weltraummission könne es leicht zu brenzligen Situationen kommen, in denen die schnelle und angemessene Reaktion der Astronauten besonders gefragt sei. „Die Fähigkeit der Astronauten, im Notfall sehr schnell aufwachen und adäquat reagieren zu müssen, wenn sie zuvor Schlaftabletten genommen haben, ist gefährdet. Es könnte doch auch sein, dass alle Teammitglieder einer Mission zur selben Zeit unter dem Einfluss von Schlafmitteln stehen.“

Reaktion auf Schlafmangel ist individuell unterschiedlich

Zwar gibt es einige objektive Faktoren, die den Schlaf im All stören können, aber trotzdem haben nicht alle Astronauten Schlafprobleme während ihres Aufenthaltes an Bord von Shuttle oder ISS. Inwieweit der durcheinandergebrachte Tag-und-Nacht-Rhythmus, die relativ starke Geräuschkulisse oder die Schwerelosigkeit den Schlaf beeinträchtigt, scheint eine individuelle Sache zu sein.

Eine Studie aus dem Jahr 2012, die Namni Goel und David F. Dinges im Magazin „Acta Astronautica“ publizierten, hat außerdem gezeigt, dass die individuelle Reaktion auf Schlafmangel sehr unterschiedlich ist und dass dies wahrscheinlich mit einer genetischen Komponente einhergeht. Wenn diese genetischen Zusammenhänge besser verstanden würden und entsprechende Marker gefunden werden könnten, so hoffen die Autoren, könnten auch die Astronauten davon profitieren.

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Von Gudrun von Schoenebeck
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