12.05.2014, 16:15 Uhr | 0 |

Viermonatige Simulation Marsmission im Hawaiianischen Steinbruch

Sechs Wissenschaftler, darunter eine 28-jährige Bremerin, befinden sich derzeit auf Hawaii. Doch statt Sonne und Strand sehen sie nur Geröll und das Innere einer Kuppel. Im Rahmen eines Projekts der University of Hawaii leben sie vier Monate auf engstem Raum und unter Weltraumbedingungen. Die Forscher bereiten zukünftige Marsmissionen vor. 

Marshabitat auf Hawai
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Nahe einer eingefallen Lavaröhre, in einem ehemaligen Steinbruch am nördlichen Hang des Mauna Loa steht das Marshabitat der University of Hawaii at Manoa. Die Kuppel in über 2400 Metern Höhe hat einen Durchmesser von gerade einmal elf Metern. In dem zweistöckigen Habitat sind sechs Schlafzimmer, Küche, Bad, Essbereich, Gemeinschaftsraum und Labore untergebracht.

Foto: University of Hawaii at Manoa

Wer nach Hawaii reist, erwartet Sonne, Strand, Meer und Urlaubsstimmung. Genau darauf verzichten derzeit jedoch sechs Wissenschaftler aus den USA, Kanada und Deutschland, die an einer Marssimulation der University of Hawaii at Manoa teilnehmen. Hawaii hat nämlich auch Gegenden, die mit ihrem rötlichen Lavagestein eher an die Landschaft auf dem Roten Planeten als an eine Ferienlage erinnern – ideal für eine Test-Marsstation auf der Erde.

Vier Monate lebt das Forscherteam, darunter die 28-jährige Bremerin Lucie Poulet vom Deutschen Zentrum für Raum- und Luftfahrt (DLR), unter Bedingungen wie bei einer Marsmission, wie sie für die Zukunft denkbar ist. Das bedeutet: auf beengtem Raum, mit beschränktem Zugang zu Wasser und Spaziergängen ausschließlich im Raumanzug. Die Nahrung ist größtenteils gefriergetrocknet, die Kommunikation „zur Erde“ nur sehr eingeschränkt möglich.

Wissenschaftliche Experimente zur Pflanzenzucht

Mit der von der NASA mit 1,2 Millionen Euro geförderten Simulation untersucht die University of Hawaii, wie sich die sechs Teilnehmer in der viermonatigen Isolation verhalten und wie sie zusammenarbeiten. Es ist bereits die zweite Mission des Hawaii Space Exploration Analog und Simulation (HI-SEAS)-Programms.

Die Bewohner der „Marsstation“ nutzen die Zeit für wissenschaftliche Experimente: Lucie Poulet untersucht, welchen Einfluss Licht in unterschiedliche Wellenlängen auf das Wachstum von Pflanzen hat, welches Licht am besten wirkt und wie viel Zeit für die Pflege der Pflanzen unter Marsbedingungen notwendig ist. Auf diese Weise haben die Raumfahrt-Ingenieurin und ihre Mitprobanden Zugang zu frischem Salat und Gemüse – und künftige Marsbewohner können daraus lernen, wie pflanzliche Nahrung unter idealen Bedingungen gezüchtet werden kann.

Seit Ende März leben die sechs Wissenschaftler in ihrer Marsbehausung. Sie befindet sich nahe einer eingefallen Lavaröhre in einem ehemaligen Steinbruch am nördlichen Hang des Mauna Loa. Komfortabel ist dieses Domizil in 2400 Metern Höhe nicht gerade: Die Kuppel, in der die Männer und Frauen leben, hat einen Durchmesser von elf Metern. Auf zwei Stockwerken ist alles untergebracht, was die Wissenschaftler brauchen: Schlafzimmer, Küche, Bad, Essbereich, Gemeinschaftsraum und Labore. Das Bad sieht auf den ersten Blick ganz normal aus – die Unterschiede verbergen sich jedoch im Detail. Die Duschzeit beträgt gerade einmal zwölf Minuten pro Woche und Teilnehmer, und die Toilette verwandelt Ausscheidungen in Kompost für die Pflanzen – auf dem Mars werden schließlich auch keine Nährstoffe verschenkt. Wer mal nach draußen möchte, hat dazu Gelegenheit, muss aber trotzdem auf Sonne, Wind und frische Luft verzichten: der Raumanzug ist Pflicht. Ein Zugeständnis an den irdischen Standort Hawaii gibt es dabei: Damit die Weltraumspaziergänger keinen Hitzschlag bekommen, tragen sie spezielle Kühlkleidung unter dem Anzug.

Kommunikation unter Realbedingungen

Langeweile kommt bei den Marsbewohnern auf Probe dennoch nicht auf: Die Tage sind straff durchgeplant. Bereits zum Frühstück um 7 Uhr gibt es eine Lagebesprechung, dann folgt wissenschaftliche Arbeit im jeweiligen Projekt, unterbrochen nur vom Mittagessen. Vor dem Abendessen ist Gelegenheit zu Sport mit Hanteln und Fitness-Fahrrädern. Auch die Reinigung und Instandsetzung von Ausrüstung und Werkzeug steht auf dem Programm. Anschließend trifft sich die Gruppe für Gesellschaftsspiele oder um einen Film zu schauen – falls sie die Zeit finden: Der Kontakt mit der Heimat will ja auch noch gehalten werden.

Möglich ist der Austausch per E-Mail oder Video-Botschaft. Chatten dagegen wäre ungeeignet und extrem frustrierend: Weil ein Signal zum Mars 20 Minuten benötigt, müssen die Studienteilnehmer mit derselben Verzögerung leben: Eine Antwort ist frühestens nach 40 Minuten da. Kommuniziert wird jedoch nicht nur mit Freunden oder Verwandten: Lucie Poulet bekommt jede Woche Fragen von vier Schulklassen, die vom DLR-School_Lab ausgewählt wurden. Sie machen ebenfalls Experimente mit Pflanzen und tauschen sich wöchentlich mit Poulet und ihren Kollegen aus.

„Wir vermissen hier nichts“

Außerdem füllen die Crewmitglieder alle paar Stunden psychologische Fragebögen zu Forschungszwecken aus. Unter anderem geht es darum, welche Wirkungen die Pflanzen in der Marsstation auf die Psyche der Bewohner haben. „Wir vermissen hier nichts“, beteuert Lucie Poulet, die sich im Herbst 2013 für die Marsmission auf Hawaii beworben hatte und im Januar bereits für zwei Wochen auf einer anderen „Marsstation“ in den USA war, nach einigen Wochen in der Isolation. Trotzdem freut sich die Bremerin auf das ein oder andere, das sie nach ihrer „Rückkehr“ auf die Erde Ende Juli erwartet: frisches Obst, Wind – und noch ein wenig hawaiianische Sonne. 

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Von Judith Bexten
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