12.06.2013, 14:30 Uhr | 0 |

Chinesen im Weltall „Götterschiff“ Shenzhou 10 ist erfolgreich gestartet

Es ist erst der fünfte bemannte Raumflug der Chinesen. Mit der Mission Shenzhou 10 behauptet das Reich der Mitte seine starke Stellung im All. 2020 könnte China die einzige Nation auf der Erde mit einem Außenposten im Weltall sein.

Shenzhou 10 hebt ab.
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17.38 Uhr Ortszeit: Das Götterschiff hebt ab auf seinem Weg zum Himmelspalast 1.

Foto: : german.china.org.cn

Um 17:38 Uhr Ortszeit hat sich die Trägerrakete „Langer Marsch 2-F“ mit dem Raumschiff Shenzhou 10 auf die  Reise ins Weltall gemacht. Ziel des „Götterschiffes“, wie es übersetzt heißt,  ist die Raumstation Tiangong 1. Der „Himmelspalast“ Tiangong 1 wird zum letzten Mal Herberge für Taikonauten sein, wie Weltraumfahrer in China genannt werden. Zwölf Tage lang wird die Besatzung auf der Station bleiben. Die Ende September 2011 in das All geschossene Raumstation soll in etwa drei Monaten ihre Umlaufbahn verlassen und bei Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühen.

Bemannte Weltraummission erst vor zehn Jahren gestartet

Das Reich der Mitte holt mit seinem Raumfahrtprogramm mächtig auf. Erst vor zehn Jahren, 2003, hatte China erstmals Menschen in den Weltraum  geschickt. „Chinas Erfolge im All sind bemerkenswert“, sagt die China- und Raumfahrtexpertin Joan Johnson-Freese vom US Naval War College. „Was sie schaffen, liegt nicht daran, dass sie überlegene Technologie besitzen, sondern daran, dass sie den politischen Willen besitzen, der im Westen fehlt.“ Shenzhou 10 ist der fünfte bemannte chinesische Flug ins Weltall. An Bord sind Kommandant Nie Haisheng, Zhang Xiaoguang und Wang Yaping. Wang ist die zweite Chinesin im All, die erste, Liu Yang gehörte zur Besatzung von Shenzhou 9.

Das Ziel der Mission Shenzhou 10 ist es, die Raumstation Tiangong 2 vorzubereiten. Dafür werden die drei Taikonauten dort oben im All zwei Andockmanöver an Tiangong 1 vornehmen. Das Raumschiff wird zunächst automatisch an den ersten Himmelspalast andocken. Nach einigen Tagen soll es dann ablegen und noch einmal per Handsteuerung sicher andocken.

Staatspräsident Xi Jinping verfolgte den Start persönlich

Mit erheblicher Verzögerung, aber dafür mit großer Euphorie starrt das moderne China auf Shenzhou 10. Gebannt verfolgte das Milliardenvolk den reibungslosen Start der Trägerrakete, die auf einem riesigen Feuerball von der Startrampe auf dem Raketenstützpunkt Jiuquan in der Provinz Innere Mongolei um 11:38 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit abhob und 19 Minuten später in den vorgesehenen Orbit eingetreten ist. Staatspräsident Xi Jinping, gerade zurück vom Staatsbesuch aus den USA, ließ es sich nicht nehmen, die Raumfahrer persönlich zu verabschieden. „Ich wünsche ihnen Erfolg und freue mich auf ihre triumphale Rückkehr.“

Zu Beginn der bemannten Raumfahrt, vor gut 50 Jahren hatten präsidiale Worte allerdings noch etwas mehr Pathos und Saft. Am 25. Mai 1961, nur eineinhalb Monate nach dem Start von Juri Gagarin, hielt Präsident John F. Kennedy vor dem amerikanischen Kongress eine berühmte Rede, in der er das Ziel vorgab, noch im selben Jahrzehnt einen Menschen zum Mond und wieder zurückbringen zu lassen.

Mit den folgenden Worten fiel der Startschuss für das Apollo-Programm: „Ich glaube, dass dieses Land sich dem Ziel widmen sollte, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen und ihn wieder sicher zur Erde zurückzubringen. Kein einziges Weltraumprojekt wird in dieser Zeitspanne die Menschheit mehr beeindrucken, oder wichtiger für die Erforschung des entfernteren Weltraums sein; und keines wird so schwierig oder kostspielig zu erreichen sein.“

Am 20. Juli 1969 konnte die Apollo-11-Mission das Ziel des Präsidenten Kennedy mit der Landung der Mondlandefähre Adler im Meer der Ruhe vollziehen. Neil Armstrong meldete um 20:17 Uhr: „Der Adler ist gelandet“, ein paar Stunden später betrat er beherzt die Oberfläche des Erdtrabanten und prägte seinen historische Satz: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit!“

Der große Sprung für die Menschheit beendete vor allem den extrem teuren Wettlauf zwischen den Supermächten USA und Russland um die Herrschaft über das Weltall. Diesen Wettlauf könnte jetzt China mit seinem Götterschiff Shenzhou 10 als extremer Außenseiter für sich gewinnen. Denn die von Amerikanern, Russen und Europäern gemeinsam betriebene Raumstation ISS ist ein Auslaufmodell und soll im Jahre 2020 zum Absturz gebracht werden. Fünf Jahre vorher, um 2015 will China seinen Himmelspalast 1 durch Tiangong 2 ersetzt haben. Diese zweite Raumstation wird dann auch etwas größer sein und soll zwei Andockmöglichkeiten haben.

Nutzbarer Raum von 35 Quadratmeter

Aus diesem Grunde üben die drei Taikonauten auf ihrer jetzt erfolgreich gestarteten Mission auch das manuelle Andocken an den ersten Himmelspalast, der mit einem nutzbaren Raum von rund 35 Quadratmeter seinem hochtrabenden Namen nicht wirklich gerecht wird. Aber es sind ja auch nur zwölf Tage, die die drei Raumpiloten dort oben wohnen sollen. Die zweite Raumstation soll dann 2015 schon für Missionen ausgelegt sein, die rund drei Wochen dauern. Aber auch sie wird nur eine weitere Vorstufe für die endgültige Raumstation.

„Es gibt ein paar Verzögerungen bei der Entwicklung, aber das ist normal für ein großes Raketenprogramm“, erläuterte der australische Raumfahrtexperte Morris Jones. „Der Zeitplan kann eingehalten werden, wenn China stetig vorangeht.“

So sieht es derzeit so aus, dass 2020, wenn die ISS vom Nachthimmel verschwindet, China als einzige Nation auf der Erde über einen Außenposten im kalten Weltall verfügt. Shenzhou 10 kann als wichtiger Schritt hin zu diesem Alleinstellungsmerkmal gesehen werden. „Der bisher längste Flug zeigt, dass China die wesentlichen Techniken zum Bau einer Raumstation beherrscht“, sagt Jones. Die einstigen Rivalen um die Herrschaft über das Weltall sitzen derweil in der zweiten Reihe und gucken nur zu.

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Von Detlef Stoller
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