11.09.2014, 14:04 Uhr | 0 |

Vier Monate Isolation DLR-Raumfahrtingenieurin hat simulierte Mars-Mission gut überstanden

Wie es wäre, auf dem Mars zu leben und zu arbeiten – auf engstem Raum eingepfercht in einer Kuppel, die nur im Raumanzug verlassen werden kann: Das hat eine Crew aus Wissenschaftlern verschiedener Nationen vier Monate lang ausprobiert. Mit dabei war Raumfahrtingenieurin Lucie Poulet vom DLR. Danach machte sie erstmal einen Monat Urlaub auf Hawaii. Heute Morgen hat Ingenieur.de mit ihr telefoniert.

Feldforschung auf dem Mars
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Während einer simulierten Marsmission auf Hawai führte DLR-Wissenschaftlerin Lucia Polet (r.) auch geologische Experimente durch. Dazu trug sie einen Raumanzug, um die Simulation möglichst realitätsnah auszuführen.

Foto: DLR

Lucie Poulet würde es wieder tun. „Ich ginge nochmal vier Monate“, habe sie gedacht, als sie am 25. Juli das kuppelförmige Habitat auf dem hawaiianischen Vulkan Mauna Loa verließ. Dort hatte die 28-jährige Raumfahrtingenieurin vier Monate lang gelebt und gearbeitet – unter Bedingungen, als sei sie auf dem Mars. Die Wissenschaftlerin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) nahm als Crewmitglied an einer Marssimulation der University of Hawaii teil, die die Weltraumbehörde NASA mit 1,2 Millionen Euro gefördert hat.

Im Bremer DLR-Institut für Raumfahrtsysteme beschäftigt sich Lucie Poulet im Labor mit Gewächshäusern für Mond und Mars. Bei der zweiten Mission des Hawaii Space Exploration Analog und Simulation (HI-SEAS)-Programms sollte sie nun erforschen, welchen Einfluss Licht in unterschiedlichen Wellenlängen auf Pflanzen hat und in welchem Licht Gemüse am besten gedeiht. Doch auf Hawaii war sie auch selbst Beobachtungsobjekt: Mit dem Habitat untersuchte die Universität von Hawaii, wie sich die Missionsteilnehmer in der mehrmonatigen Isolation verhalten und wie sie zusammenarbeiten.

„Wir sind gute Freunde geworden“

Am 28. März hatten sich die Türen des Habitats hinter der internationalen Crew aus drei Frauen und drei Männern geschlossen. Ein Mann verließ das Habitat nach einem Monat wieder – aus persönlichen Gründen, wie es hieß. „Wir haben uns sehr gut verstanden“, betätigt die Französin gegenüber Ingenieur.de die gute Stimmung unter den Crewmitgliedern. „Wir sind gute Freude geworden.“ Dabei hätten sich alle erst eine Woche vor Missionsantritt persönlich kennengelernt. Abgeschnitten vom Rest der Welt und eingepfercht in einer Kuppel, die nur elf Meter Durchmesser hat, musste man sich für vier Monate arrangieren.

Die Kuppel steht inmitten der kargen Vulkanlandschaft am nördlichen Hang des Mauna Loa in fast 2500 Metern Höhe. Nur im Raumanzug durften die Crewmitglieder das Habitat verlassen – hauptsächlich für geologische Gruppenarbeiten. Auf zwei Etagen beherbergten sie sechs Schlafzimmer mit jeweils einem kleinen Arbeitsplatz, Gemeinschaftsküche und Essbereich, Bad, einen Gemeinschaftsraum und Labore.

20 Minuten Übertragungszeit für eine Mail

Kontakt zur Außenwelt gab es nur unter erschwerten Bedingungen. So stand den Crewmitgliedern lediglich eine gedrosselte Internetverbindung und ein um 20 Minuten verzögerter E-Mail-Dienst zur Verfügung – das entspricht der Zeit, die ein Signal von der Erde bis zum Mars benötigt. „Bis eine Antwortmail da war, vergingen also mindestens 40 Minuten, plus der Zeit fürs Schreiben“, überschlägt Lucie Poulet die Verzögerung. „Dass Deutschland Fußballweltmeister geworden ist, habe ich erst zwei Tage danach erfahren“, erzählt sie. „Ein Freund hat mir das in einer E-Mail geschrieben.“ Eine Woche lang habe die Crew wegen eines Defekts gar keine Kommunikation mit der Außenwelt gehabt. „Da konnten wir uns vorstellen, wie es ist auf dem Mars zu leben. Wir haben uns sehr weit weg von der Welt gefühlt.“ Dafür hatte sie aber jede Menge Briefe, Postkarten und sogar kleine Geschenke von ihrer Familie und ihren Freunden mitbekommen, die sie nach und nach öffnete und las.

Bis zu drei Stunden Sport am Tag

Etwa eine Stunde am Tag habe sie die Pflanzen gepflegt, die Teil ihrer Forschungsarbeit waren. Hinzu kam die Zeit für das Schreiben von Berichten und Protokollen. Jedes Crewmitglied hatte ein eigenes Forschungsgebiet, in dem es tagsüber für sich alleine arbeitet. Einen großen Teil des Tagesablaufs kümmerten sich die Crewmitglieder jedoch auch um sich selbst. „Anfangs konnte ich nicht schlafen“, erzählt Poulet, „deshalb habe ich jeden Tag zwischen eineinhalb und drei Stunden Sport gemacht.“ Fitnessgeräte wie ein Laufband standen der Crew zur Verfügung. Viel Zeit hätten sich die Crewmitglieder auch für die Zubereitung der gemeinsamen Mahlzeiten am Mittag und am Abend genommen. „Wir waren alle nicht gut im Kochen“, schmunzelt Poulet, „aber wir haben uns alle Mühe gegeben.“

Fertiggerichte gab es nämlich nicht, alle Lebensmittel, auch Fleisch, Käse und Gemüse, waren speziell abgepackt und größtenteils getrocknet. Abwechslung brachte das Gemüse von Poulet auf den Tisch: Frische Tomaten, Radieschen und Salat kamen auf die Teller, wenn die Wissenschaftlerin sie geerntet, gewogen und vermessen hatte. Vollständig ausgewertet seien ihre Experimente noch nicht, erklärte Lucie Poulet gegenüber ingenieur.de. Deshalb könne sie auch noch nicht sagen, welches Licht fürs Gemüse das Beste ist. Nach der Mission machte sie erst einmal Urlaub – auf Hawaii natürlich.

Anfang kommenden Jahres wird sie wieder für zwei Wochen in die Isolation gehen: Für die Mars Society wird Lucie Poulet als Mitglied einer Crew in der „Mars Desert Research Station“ in Utah Notfallprozeduren für Marshabitate durchführen, wie zum Beispiel einen Plan, was bei Druckabfall in der Kuppel zu tun ist.

Testreihe auf der ISS zum Flüssigkeitstransport erfolgreich abgeschlossen

Für die Internationale Raumstation ISS gibt es solche Notfallprozeduren natürlich schon. Dort ging jetzt die vierte und letzte Serie des Strömungsexperimentes Capillary Channel Flow (CCF) zu Ende, die am 5. August  begonnen hatte. In dem Kooperationsprojekt der US-amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde NASA und des Raumfahrtmanagements des DLR haben Wissenschaftler das Strömungsverhalten von Flüssigkeiten unter Schwerelosigkeit erforscht. Das Problem: In Schwerelosigkeit können in allen Systemen an Bord von Weltraumfahrzeugen, die eine Flüssigkeit enthalten, wie etwa Trinkwasserbehälter, Toiletten oder Treibstofftanks, Luftblasen entstehen.

In der CCF-Kampagne wurden nun die Möglichkeiten erforscht, spezielle kanalartige Strukturen in die Tanks einzubauen, die den Treibstoff durch Kapillarkräfte zum Tankauslass befördern, wo er dann abgepumpt werden kann. Das für praktische Anwendungen wichtigste Ergebnis der Kampagne steht bereits fest: Die theoretischen Modelle zur Berechnung des Verhaltens von Strömungen in Kapillarkanälen unter Schwerelosigkeit konnten durch die Experimente voll bestätigt werden. Damit ist es jetzt möglich, das Strömungsverhalten mittels Computerprogrammen zuverlässig zu berechnen. Außerdem konnten die Wissenschaftler in Tests nachweisen, dass Luftblasen, die bereits in der Strömung vorhanden sind, durch bestimmte Kanalformen auch in Schwerelosigkeit automatisch entfernt werden.

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Von Susanne Neumann
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