03.12.2014, 14:12 Uhr | 0 |

Wettbewerb im All Ariane 6: Europa baut konkurrenzfähige Trägerrakete

Am Dienstag wurden bei der Ministerkonferenz in Luxemburg die Weichen für die nächsten zehn Jahre in der europäischen Raumfahrt gestellt. Wichtigster Beschluss: Europa will mit dem Bau der Trägerrakete Ariane 6 die amerikanische Konkurrenz abhängen. Ingenieur.de sprach mit Delegationsteilnehmer Rolf Densing, der im DLR für die ESA-Programme zuständig ist.

Trägerrakete Ariane-5
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Trägerrakete Ariane-5: Mit ihren zurzeit mehr als 60 erfolgreichen Starts in Folge und einem Marktanteil bei den kommerziellen Startdiensten von mehr als 50 Prozent hat sie Europa laut ESA wirtschaftliche Gewinne in Höhe von mehr als 50 Milliarden Euro beschert.

Foto: ESA

Es wurde hart verhandelt am 2. Dezember im Luxemburger Kongresszentrum. Die Minister der 20 Mitgliedsstaaten der Europäischen Weltraumorganisation waren angereist, um entscheidende Weichen für die Zukunft des europäischen Weltraumprogramms zu stellen. Insgesamt ging es um 5,9 Milliarden Euro, wovon Deutschland rund 1,4 Milliarden für die nächsten Jahre zahlt.

Programmdirektor Rolf Densing, der im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR für die ESA-Programme zuständig ist, war einer der Delegationsteilnehmer. Im Gespräch mit ingenieur.de erläuterte Densing die Ergebnisse der Verhandlungen.

Ingenieur.de: Im Vorfeld des Treffens sind die Positionen der ESA-Mitgliedsstaaten bereits intensiv diskutiert worden. Mussten die Minister bei der Tagung die Ergebnisse nur noch abnicken?

Densing: Nein, es ging tatsächlich hart zur Sache. Montagnacht wurde bis 1 Uhr verhandelt, am Dienstag ging es früh weiter. Manche Verhandlungspositionen waren bis zuletzt schwierig. Es stand viel auf dem Spiel, denn was jetzt beschlossen wurde, hat Auswirkungen für die nächsten zehn Jahre. Wir wollen die europäische Raumfahrt gemeinsam voranbringen, dabei aber auch nationale Interessen so gut es geht vertreten. Ziel aus deutscher Sicht war es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass möglichst viele attraktive Aufträge an die deutsche Industrie zurückfließen. Wir sind zusammen mit Frankreich immerhin der beitragsstärkste Partner der ESA.

Ingenieur.de: Der wichtigste Beschluss war der Bau der neuen leistungsfähigen Ariane-Trägerrakete. Kann Europa damit bei der zunehmenden Konkurrenz aus den USA wettbewerbsfähig bleiben?

Densing: Genau daran arbeiten wir. Die jetzige Ariane 5 Rakete ist die wettbewerbsfähigste Rakete am kommerziellen Startmarkt. Die Konkurrenz aus den USA bietet aber zunehmend günstigere Konditionen an. Um da mithalten zu können, entwickeln wir die Ariane 6. Entscheidend an der neuen Rakete ist, dass sie aus bereits bestehenden Komponenten zusammengesetzt wird. Auf die Unterstufe der Ariane 5 kommen eine modifizierte und weiter entwickelte Oberstufe und dann die Feststoffbooster, die von der europäischen Vega-Rakete abgeleitet sind.

Die Ariane 6 wird es in zwei Ausführungen geben, einmal mit zwei und einmal mit vier Feststoffboostern. Die werden dann je nach Bedarf eingesetzt. Die Ariane 62 ist für institutionelle Missionen mit etwas leichteren Nutzlasten gedacht, die 64 ist die Schwerlastversion. Sie wird für schwere kommerzielle Satelliten, typischerweise für geostationäre Telekommunikationssatelliten, eingesetzt.

Unter Umständen fliegt die Ariane 6 für die nächsten 30 Jahre. Sie soll zukünftig ihre laufenden Kosten am Markt verdienen.

Ingenieur.de: Bei der Tagung ging es auch um die bemannte Raumfahrt. Wie geht es mit der Internationalen Raumstation ISS weiter?

Densing: Die Minister haben beschlossen, den europäischen Anteil zum Betrieb der ISS für die nächsten drei Jahre weiter zu finanzieren. Daran ist Deutschland mit 310 Millionen Euro beteiligt. Mit diesem Geld wird unter anderem das Columbus Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen finanziert. Das Raumlabor Columbus ist der größte Beitrag der ESA auf der ISS. Außerdem wird von dem Geld das europäische Servicemodul der amerikanischen Orion-Kapsel bezahlt. Das Service-Modul wird in Bremen gebaut und ist eine Kompensation dafür, dass die allgemeinen Betriebskosten der ISS durch die USA bezahlt werden.

Ingenieur.de: Im dritten Verhandlungspunkt stand die Weiterentwicklung der ESA selbst auf der Tagesordnung. Was hat es damit auf sich?

Densing: Die Europäische Union hat seit dem Vertrag von Lissabon, der 2009 in Kraft getreten ist, auch eine Zuständigkeit für die Raumfahrt. Das ist ein sogenanntes paralleles Mandat, bei dem neben der EU auch deren Mitgliedsstaaten und damit auch die ESA eigenständige Mandate behalten. Deutschland legt größten Wert darauf, dass die ESA als eigenständige Organisation in Trägerschaft der Mitgliedsstaaten erhalten bleibt.

Die 20 EU-Mitgliedsstaaten haben auf der Ministertagung einstimmig eine politische Resolution verabschiedet, in der diese institutionelle Eigenständigkeit der ESA in Trägerschaft ihrer Mitgliedsstaaten bestätigt wird. Die EU ist eingeladen, das Management ihrer eigenen Raumfahrtprograme, das sind derzeit die Flaggschiff-Programme Galileo und Kopernikus, an die ESA zu übertragen. 

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Von Gudrun von Schoenebeck
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