06.06.2014, 11:45 Uhr | 0 |

Arbeitstag von 12 Stunden Alexander Gerst fiebert auf der ISS mit der deutschen Nationalelf mit

Er hat Schlafprobleme, sucht verzweifelt nach entflogenen Stiften und freut sich schon darauf, die Fußball-WM aus dem All zu verfolgen: Der deutsche Astronaut Alexander Gerst hat gestern in einer Liveübertragung Fragen neugieriger Journalisten beantwortet. Er ist der dritte Deutsche auf der Internationalen Raumstation ISS.

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst
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Der deutsche Astronaut Alexander Gerst ist am 05.06.2014 im European Astronaut Centre in Köln auf einem Bildschirm zu sehen. In einer Liveschaltung zur Raumstation ISS beantwortete Gerst die Fragen der Journalisten.

Foto: dpa/Henning Kaiser

Alexander Gerst hofft zum Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft am 12. Juni in Brasilien auf ein WM-Gefühl im Orbit. „Ich freue mich natürlich auf die WM und habe schon mit der Bodenkontrolle ausgemacht, dass ich vielleicht ab und zu eine Aufzeichnung eines Spiels hoch kriege. Und wenn ich Glück habe, dann eventuell auch mal ein Live-Event.“ Dass die Ingenieure von der ESA so etwas können, haben sie am Donnerstag mit der Liveschaltung zur Internationalen Raumstation ISS bewiesen.

In der Liveübertragung gibt sich Gerst begeistert über seine ersten Tage auf der internationalen Raumstation, schränkt aber ein: „Allerdings muss ich meinen Cappuccino aus einem Beutel trinken.“ Beim täglichen Fahrradtraining schaue er sich die Tagesthemen an. „Allerdings habe ich eine Verzögerung von zwei Tagen.“ Es sei großartig, Dinge mit dem kleinen Finger zu bewegen, die 200 Kilogramm wiegen.

Der sichtlich entspannte 38-Jährige trat während der Liveschaltung von der ISS, die mit gut 28.000 Kilometer pro Stunde um die Erde rast, ganz leger in weißem Polohemd, brauner Hose und weißen Strümpfen auf. Mehrfach vollführte er einen Salto. Die Reporterfragen beantwortete er mit dem Kopf nach unten. Alexander Gerst, der Entertainer auf der ISS.

Mit dem Schlafen sei das die ersten zwei Tage schon ein Problem gewesen, er sei in den ersten beiden Nächten mehrfach aufgewacht. „Man hat keinen Kontakt zum Kopfkissen, zum Bett. Da muss man sich erst dran gewöhnen.“

„Du bist genau am richtigen Ort gelandet“

Am 29. Mai 2014 um genau 5:52 Uhr unserer Zeit ist Alexander Gerst mit seinen Crewkollegen Reid Wisemann von der NASA und Maxim Surajew von Roskosmos auf der ISS angekommen. Alles, was der gelernte Vulkanologe in seiner fünfjährigen Astronautenausbildung studiert hat, lernt er jetzt in Natura kennen. „Es ist großartig hier zu sein“, lauteten dann auch seine ersten Worte, die begleitet von einem starken Rauschen in der Leitung zum Kontrollpunkt Baikonur ankamen. „Dein Lachen sagt einfach alles. Du bist genau am richtigen Ort gelandet“, schickte seine Freundin wenig später per Telefon als Bestätigung nach oben.

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Oben und unten spielt im All keine Rolle: Gerst schwebt über Kopf, während er die Fragen der Journalisten beantwortet.

Foto: dpa/Henning Kaiser

Seine Tage sind ziemlich streng getaktet: Morgens um sechs Uhr wird Alexander Gerst in seiner Schlafkabine geweckt, die etwa die Größe einer altmodischen Telefonzelle hat. Nach dem Frühstück bespricht er mit der Kontrollstation am Boden den Tag.

Alexander Gerst betreut 100 Experimente im All

An insgesamt 100 Experimenten im All ist Gerst beteiligt, der dritte deutsche Raumfahrer nach Thomas Reiter, der 2006 im All war, und Hans Schlegel, der 2008 folgte. 35 Experimente stammen aus Europa, 25 davon laufen unter Führung deutscher Projektwissenschaftler oder mit deutscher Industriebeteiligung.

Einer der Höhepunkte ist der elektromagnetische Leviator: Das ist ein neuer Ofen, in dem Metallproben geschmolzen werden, ohne dass sie die Wände des Gefäßes berühren. Die Erkenntnisse aus diesen Experimenten sollen bei der Fertigung von Motoren oder Turbinen helfen.

Nur eine halbe Stunde Freizeit pro Tag

Rund 12 Stunden dauert sein Arbeitstag im All. In der knappen Freizeit von 30 Minuten schaut sich Alexander Gerst gerne die Erde von der Cuploa-Aussichtsplattform an. „Zum ersten Mal die Erde aus dem All zu sehen war unglaublich. Und das Schweben ist großartig. Langweilig wird es hier nicht.“

Der Astronaut ist auch ständig auf der Suche. Für seine Notizen zu den Experimenten benutzt er einen ganz normalen Stift. Wenn er diesen verliert, reagiert er so wie jeder Mensch auf der Erde: Er schaut zu Boden, um ihn zu suchen. „Das ist tatsächlich mein erster Impuls, auf den Boden zu schauen“, sagte Gerst. Dann erst, mit Verzögerung, fällt ihm ein, wo er gerade ist, in 400 Kilometern über der Erde auf einer Raumstation – im All in der Schwerelosigkeit. „Der Stift schwebt irgendwo im Dreidimensionalen rum. Man verliert einfach Dinge."

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Von Detlef Stoller
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