19.06.2013, 09:00 Uhr | 0 |

ElFi-Analytik GbR Start-up hilft bei Zucht geruchsfreier Eber

Manchmal riecht frisches Eberfleisch. Um das zu verhindern, werden fast alle männlichen Ferkel kastriert. 2018 soll diese schmerzhafte Behandlung in der EU verboten werden. Empfindlichen Nasen droht dann eine Geruchsbelästigung an der Fleischtheke. Helfen will ein Spin-off der Uni Bonn. Es hat ein Verfahren entwickelt, mit dem die Zucht geruchsfreier Schweine vereinfacht wird.

Schwein im Stall
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Ein Spin-off der Uni Bonn hat ein Verfahren entwickelt, mit dem die Zucht geruchsfreier Schweine vereinfacht wird.

Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

"Das riecht ein bisschen wie Männerpissoir!" Jochen Fischer reicht ein Gläschen mit Androstenon zur Duftprobe. Das Pheromon wird im Hoden der Eber produziert. Auch Skatol, eine Substanz, die bei der Verdauung von Eiweiß entsteht, riecht wenig lecker. Androstenon und Skatol sind die Hauptkomponenten des Ebergeruchs. Dieses wenig appetitanregende Bukett ist der Grund dafür, dass Ferkel bisher massenhaft kastriert werden – aus Kostengründen meist ohne Betäubung. Doch mit dieser Praxis ist qua Gesetz bald Schluss. Verbände und Forschungseinrichtungen suchen deshalb nach Mitteln, um zu verhindern, dass Fleischstücke in den Handel gelangen, die dem Verbraucher stinken.

Konzentration der fünf Geruchsstoffe im Fettgewebe bestimmen

Hier tritt Jochen Fischer auf den Plan. Der Lebensmittelchemiker hat während seiner Promotion am Institut für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften der Uni Bonn eine Messmethode auf Basis der Stabilisotopen-Verdünnungsanalyse entwickelt. Mit dieser lässt sich die Konzentration der insgesamt fünf Geruchsstoffe im Fettgewebe bestimmen. Eine winzige Biopsie aus dem Nackenspeck des lebenden Tieres reicht dazu aus. Präventives Kastrieren wäre nicht länger nötig. Im Januar 2012 hat Fischer zusammen mit dem promovierten Lebensmittelchemiker und Apotheker, Paul Elsinghorst, die ElFi-Analytik GbR gegründet. Nun schicken Züchter und Forscher Speck nach Bonn.

Die 50 mg Fett werden verflüssigt und mit Methanol extrahiert. "Die Geruchsstoffe reichern sich im Lösemittel ein. Das dampfen wir ein und geben das verschlossene Glasgefäß in den Gaschromatografen", erklärt Fischer. Dort werden die Substanzen sauber voneinander getrennt. Anschließend kommen sie in ein Massenspektrometer. Dort werden die Moleküle ionisiert und zerplatzen. "Die Art des Zerfalls und die entstehenden Fragmente sind ganz typisch – wie ein Fingerabdruck. Das aufgezeichnete Signal ist umso stärker, je höher die Konzentration eines bestimmten Stoffes ist", so Fischer.

"Stinker" bei Besamungsebern aussortieren

"Ursprünglich haben wir es für Messungen am Schlachtfleisch entwickelt. Inzwischen ist die Methode so weit, dass wir zehnmal weniger Fett benötigen. Der Tierarzt kann eine Mini-Gewebeprobe aus dem Nacken nehmen. Das ist vor allem für Kunden interessant, die Besamungseber anbieten oder züchten. Da möchte man eben die "Stinker" aussortieren".

Der üble Geruch ist nicht bei allen unkastrierten Schweinen gleichermaßen stark. Teils ist er erblich bedingt, teils Fütterungs- und haltungsabhängig. Forscher und Bauernverbände, die diesen Parameter optimieren wollen, überprüfen ihre Fortschritte mit Fischers Hilfe.

Der Massentest im Schlachthaus ist mit dieser Methode dagegen nicht möglich. Die Analyse der Einzelprobe dauert nämlich knapp eine Stunde. "Im Schlachthaus fährt aber alle drei bis fünf  Sekunden ein Schwein ins Kühlhaus", weiß Fischer. Deshalb seien die Fleischer immer noch auf die menschliche Nase angewiesen: "Da stehen sensitive Personen mit dem Lötkolben am Band, machen das Schwein heiß und riechen kurz am Speck. Dann vermerken sie am Touchscreen, ob es leicht, stark oder gar nicht belastet ist." Verständlich, dass kein Mensch das lange durchhält. Deshalb wird nach elektronischen Alternativen gesucht.

Bonner Verfahren hat gute Chancen EU-Referenzmethode zu werden

"Unser Ansatz war das nie", betont Fischer. "Wir wollten ein Referenzverfahren schaffen, das alle Geruchsstoffe in einer einzigen Messung und sehr präzise bestimmt." Das habe nämlich bisher gefehlt. Verschiedene Messmethoden lieferten erheblich voneinander abweichende Ergebnisse. Nun hat das Bonner Verfahren gute Chancen, EU-Referenzmethode zu werden.

Die beiden Gründer betreiben ihre Firma mit Sitz in Neufahrn im Nebenerwerb. Hauptberuflich ist Fischer wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Bonn, sein Compagnon Berufssoldat. Allerdings lief die Ausgründung bereits im ersten Jahr besser als erwartet. 50 000 € blieben übrig, nachdem Chemikalien und Versicherungen bezahlt worden waren.

Kooperationsvertrag zwischen Jungunternehmen und Uni

Den Erlös teilt sich das Jungunternehmen mit der Hochschule: Ein Kooperationsvertrag erlaubt den Gründern, Laborfläche zu mieten und die teuren Geräte in forschungsfreien Zeiten zu nutzen. "So können wir unsere Analysen zu einem lukrativen Preis anbieten", sagt Fischer. Wenn es keinen Gewinn gibt, muss ElFi-Analytik nur die Mietkosten zahlen. "Aber schon nach dem dritten oder vierten Auftrag schrieben wir schwarze Zahlen", so der Jungunternehmer. Dabei hat er sich bisher nur auf die Kontakte aus seiner Promotionszeit verlassen, die ihm durch Mund-zu-Mund-Propaganda immer weitere Kunden brachten. Sogar aus Dänemark und Holland gab es schon Anfragen. Ob ein internationales Geschäft zustande kommt, ist unklar: Das Problem ist, tiefgekühlte Speckproben quer durch Europa zu liefern.

Seit Kurzem haben die Gründer einen Minijobber angestellt und wollen nun auch gezielt Züchter und Forscher anschreiben. Irgendwann sei jedoch die Kapazitätsgrenze der Laborgeräte erreicht. "Langfristig ist es unser Ziel, uns einen eigenen Massenspektrometer anzuschaffen", sagt Fischer. So ein Gerät kostet bis zu 120 000 €. Die wollen die beiden Gründer ansparen: "Solange uns die Uni gewähren lässt, wäre es Quatsch, einen Kredit aufzunehmen."

Mag sein, dass sich nach Wegfall der Ferkel-Kastration nur wenige Verbraucher über stinkendes Fleisch beschweren: Nicht alle sind gleichermaßen empfindlich. Möglich ist es aber auch, dass es dann erst recht losgeht. Fischer und Co. wollen die Firma in diesem Fall hauptberuflich betreiben und in eine GmbH umwandeln: "Denn es macht Spaß, aus einer Doktorarbeit so ein Spin-off zu gründen und Geld verdienen zu können."  

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Von M. Jordanova-Duda | Präsentiert von VDI Logo
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