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29.04.2013, 17:14 Uhr | 0 |

Start-up Porträt Green Spin beobachtet Äcker aus dem Weltall

Würde ein Lebensmittel-Hersteller früh von einer drohenden Missernte erfahren, könnte er sich mit Rohstoffen eindecken. Das Start-up Green Spin will ihm diese Chance durch Ernteprognosen verschaffen, die sich auf Satellitendaten stützen. Zwei Geographen und ein Informatiker der Uni Würzburg bereiten derzeit die Gründung des Unternehmens vor.

Ernteprognosen, die sich auf Satellitendaten stützen, bietet das Start-up Green Spin demnächst an.
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Ernteprognosen, die sich auf Satellitendaten stützen, will das Start-up Green Spin demnächst an Großerzeuger, Logistiker und Versicherungen verkaufen. 

Foto: dpa/Jens Büttner

"Ein Cornflakes-Hersteller muss Mais in großen Mengen während der ganzen Saison einkaufen. Die Preise schwanken stark. Um den Börsenpreis zu bewerten, hat er bisher geguckt, wie voll die Lagerhäuser sind. Aber relativ selten oder gar nicht wurde geschaut, wie es auf den Feldern aussieht", sagt Geograf Clemens Delatrée.

Delatrée und die beiden Mitgründer von Green Spin, Sebastian Fritsch und Gunther Schorcht, sind Spezialisten für Fernerkundung. Schon während ihres Studiums fiel ihnen auf, dass die Satellitendaten vor allem von Forschern und Regierungsstellen genutzt werden. "Das große Potenzial, das in diesem Markt steckt, wurde bisher kaum angezapft."

Konkurrenz gering

Nun promovieren der Geograf Fritsch und der Informatiker Schorcht an der Uni Würzburg über Ernteprognosen. Delatrée ist Ernteanalyst und Unternehmensberater. Mittlerweile sei die Zeit reif, die während der Promotion entwickelten Methoden anzuwenden. Die Konkurrenz sei gering und operiere eher mit Wetterdaten.

Green Spin setzt hingegen auf Erdbeobachtungssatelliten. Das von der Erdoberfläche reflektierte Licht enthält Spektralbereiche, die vom menschlichen Auge nicht wahrgenommen werden. "Indem man diese Bilder zusammensetzt und bestimmte Spektralkanäle, etwa das speziell für die Analyse der Pflanzengesundheit hilfreiche Nahe Infrarot beobachtet und analysiert, kann man Aussagen über den Wassergehalt einer Pflanze treffen", erklärt Delatrée. "Wetterdaten zeigen nur, es hat geregnet oder nicht. Mit unserer Methode kann man tatsächlich sehen, wie es der Pflanze geht."

Interpretationen und Handlungsempfehlungen inklusive

Eine weitere Marktlücke, die das Gründungsteam ausgemacht hat: Fernerkundungsfirmen versorgten Kunden meist mit reinen Satellitendaten, aber nicht mit Interpretationen und Handlungsempfehlungen.

Green Spin will Analystenberichte im Abo verkaufen. Denkbar wäre auch ein News-Feed über eine Handy-App. Die Prognosen sollen alle zwei bis vier Wochen, später sogar wöchentlich aktualisiert werden. Der Klimawandel mit häufigeren Wetterextremen könnte den Prognosemarkt zusätzlich anheizen.

Und wenn die Empfehlungen doch daneben gehen? Wie in der Beratungsbranche üblich, werden die Vorhersagen durch eine Haftpflichtversicherung abgedeckt, sagt Delatrée: "Die Entscheidungen über sämtliche Transaktionen treffen aber ohnehin immer die Kunden."

Da die Auswertung unzähliger Satellitenbilder arbeitsaufwendig und nicht ganz billig ist, lohnt sich das grundsätzlich für Unternehmen, die größere Mengen an Getreide brauchen und höhere Risiken tragen.

Großerzeuger, Logistiker und Versicherungen im Visier

Potenzielle Kunden sehen die Gründer vor allem in drei Zielgruppen: Da sind zunächst einmal die Landwirte. Allerdings nicht die in Deutschland sondern die Großerzeuger, die mehrere hunderttausend Hektar in Osteuropa und Asien bewirtschaften.

Die zweite Gruppe sind Logistiker, die die Ernte zwischenlagern und transportieren. Um ihre Räume und ihre Flotte besser auszulasten sowie bessere Preise zu erzielen, wollen sie natürlich wissen, wie sich die Dinge entwickeln. Zumal sich Weizen oder Mais gut lagern lassen. Die dritte Gruppe sind die Lebensmittel verarbeitende Industrie oder Produzenten von Biokraftstoff.

Versicherungen, die Ernteausfälle abdecken und Broker, die für kleinere Nahrungsmittel-Hersteller Rohstoffe an der Börse einkaufen, kämen eventuell ebenfalls als Kunden infrage. Ein Börsenspekulant könnte wahrscheinlich auch etwas mit den Daten anfangen. Doch der Fokus soll auf Kunden liegen, die mit der Ware real und nicht nur virtuell arbeiten.

Momentan konzentriert sich das Trio noch auf die Entwicklung: Die Auswertung der Daten müsse automatisiert werden, um die Skalierbarkeit zu gewährleisten. Nebenbei schreiben die Drei an dem Businessplan und stimmen sich mit den Pilotkunden ab: "Wir wollen ihre Arbeitsweise und ihre Bedürfnisse genau kennenlernen."

Start spätestens im Februar 2014

Start Das Exist-Stipendienprogramm fördert sie seit März ein Jahr lang mit rund 100 000 €. Der offizielle Start des operativen Geschäfts ist bis spätestens Februar 2014 geplant. Investoren hätten erste positive Rückmeldungen gegeben.

Die Würzburger haben die potenziellen Kapitalgeber durch Teilnahme am Gründungswettbewerb Nordbayern kennengelernt. Green Spin gehört zu den 20 von knapp 100 Bewerbern, die in der ersten Phase nominiert wurden. "Bei dem Wettbewerb prüfen Investoren immer wieder unser Geschäftsmodell. Deshalb sind wir zuversichtlich, dass bis Ende des Jahres auch die Finanzierung für 2014 steht", sagt Delatrée.

Für die Gründungseinlage wollen die Ernteanalysten auf eigene Mittel zurückgreifen. Für den Betrieb sei ein starker Finanzpartner aber notwendig. Delatrée: "Aufgrund des Volumens denken wir momentan eher an Risikokapital."

Weizenanbau in Polen

Zu Beginn wollen sich die Gründer den Weizenanbau in Polen, der Ukraine und anderen ost- und südosteuropäischen Ländern vornehmen. Die Getreidemengen, die dort produziert werden, beeinflussen erheblich den Weltmarkt und die Datenlage ist schlecht.

Gute Kontakte gebe es auch in die USA und nach Brasilien. Potenzial sieht Delatrée auch in Afrika, dessen Landwirtschaft sich im Umbruch befindet. "Unser Ziel ist es, in den kommenden fünf Jahren 70 % aller Anbaugebiete weltweit abzudecken." Vorteil für das Start-up: Es kann seine Arbeit wegen der unterschiedlichen Erntezeitpunkte auf Nord- und Südhalbkugel gleichmäßig übers Jahr verteilen. Denn Ernteprognosen sind ein saisonales Geschäft: Zu tun hat man von der Auskeimung der Saat bis zum Einfahren der Feldfrucht. 

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Von M. Jordanova-Duda | Präsentiert von VDI Logo
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