14.06.2013, 08:00 Uhr | 0 |

Schnelles Internet Vodafone will ins Kabelnetz

Vodafone macht Ernst und erwägt, Deutschlands größten Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland zu kaufen. Ein Alptraum für die Deutsche Telekom, die es erstmals in ihrer Geschichte mit einem Konkurrenten auf Augenhöhe zu tun bekommt.

Offenbar heiß begehrt: Deutschlands größter Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland.
Á

Offenbar heiß begehrt: Deutschlands größter Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland.

Foto: dpa/David Ebener

Es geht gar nicht wirklich um Kabelfernsehen, es geht um das schnelle Internet. Der britische Mobilfunkanbieter Vodafone will Deutschlands größten Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland kaufen. In einer offiziellen Mitteilung des Vodafone-Konzerns an die Londoner Börse ist von einer „vorläufigen Kontaktaufnahme mit Kabel Deutschland bezüglich eines möglichen Übernahmeangebots“ die Rede. Allein die Ankündigung der vorläufigen Kontaktaufnahme trieb den Preis für die Kabel-Deutschland-Aktie am Mittwoch um 9,5 Prozent nach Oben. Ein Papier des umworbenen Kabelnetzbetreibers notiert nun bei rund 82 Euro. 7,2 Milliarden Euro ist der im Index für mittelgroße Unternehmen MDax gelistete Münchner Konzern damit Wert. Vor den ersten Spekulationen über das Interesse von Vodafone an Kabel Deutschland im Februar 2013 waren es nur 5,6 Milliarden Euro.

Deal kann fast zehn Milliarden Euro wert sein

„Es besteht zum jetzigen Zeitpunkt weder Gewissheit darüber, ob ein Angebot tatsächlich abgegeben wird, noch was die Bedingungen eines solchen Angebots sein könnten“, erklärte Kabel Deutschland. Klar ist nur so viel: Das Angebot muss ordentlich hoch sein. Die Analysten der Investmentbank MainFirst sehen eine Offerte in Höhe von 80 Euro je Aktie als realistisch an. Damit müsste Vodafone einschließlich der zuletzt 2,8 Milliarden Euro Schulden von Kabel Deutschland fast zehn Milliarden Euro auf den Münchner Konzerntisch legen. Damit wäre der Deal die teuerste Firmenübernahme seit langem.

Und das hat einen guten Grund: Es geht schlicht darum, für die gigantischen Datenmengen gerüstet zu sein, die absehbar in Zukunft durch die Handynetze und durch das Internet gejagt werden. Kabel-Deutschland-Chef Adrian von Hammerstein schmeichelt, dass sein Unternehmen so umworben wird. Auf einer Fachmesse in Köln sagte er kürzlich: „Das Interesse von andern Spielern aus der Telekom-Branche zeigt, wie attraktiv wir sind.“ Mobilfunkkonzerne hätten erkannt, dass eine Zusammenarbeit mit einem Festnetzanbieter wie Kabel Deutschland sinnvoll sei, um die explodierenden Datenmengen in den Handynetzen zu bewältigen, sagte von Hammerstein. Die Anbindung der Mobilfunkantennen an das Festnetz sei oftmals ein Engpass, der Datenübertragungen ausbremse. Über die schnellen Glasfaser-Leitungen der Kabelnetzbetreiber ließe sich das ändern.

Alles aus einer Hand

Vodafone wäre durch die Übernahme von Kabel Deutschland der einzige Anbieter neben der Deutschen Telekom, der die komplette Kommunikationspalette, also Telefonie, Mobilfunk, Internet und Fernsehen aus einer Hand anbieten kann. Und das bei vielen Haushalten mit komplett eigener Infrastruktur. Bislang muss sich Vodafone die sogenannte letzte Meile, die Hoheit bis zur Anschlussdose im Wohnzimmer, stets bei der Telekom mieten, will es seinen Kunden Festnetz- und DSL-Anschluss bieten.

Vodafone fährt offenbar zweigleisig. Noch vor einem Monat überraschte der Düsseldorfer Konzern mit der Nachricht, eine Allianz mit der Telekom für ein schnelleres Internet im Festnetz über die sogenannte Vectoring-Technologie einzugehen. Diese Technologie erlaubt Internetzugänge über das Festnetz mit einer Geschwindigkeit von 100 MBit/s und damit das doppelte der heute möglichen Geschwindigkeit. Dieses Vectoring sorgt dafür, dass die Signalinterfenzen, die auf der so genannten „letzten Meile“ vom Kabelverteilerkasten bis zum Hausanschluss in den Kupferkabeln auftreten, ausgeglichen werden.

Das senkt die Kosten erheblich, weil die bestehenden Kupferkabel dann nicht durch Glasfaserkabel ersetzt werden müssen. Damit Vectoring funktioniert, muss ein Netzbetreiber – in diesem Fall die Telekom – die Hoheit über die grauen Verteilerkästen besitzen. „Die Kooperation mit der Telekom und die Nutzung der Vectoring-Technologie ermöglicht uns, im Festnetzmarkt anzugreifen“, sagte Vodafone-Deutschland-Chef Jens Schulte-Bockum.

Vodafone zählt mit 32 Millionen Handykunden zu den Platzhirschen

Jetzt also Kabel Deutschland. Damit hätte Vodafone Zugriff auf 8,5 Millionen Haushalte, die in 13 Bundesländern vom größten Kabelnetzbetreiber versorgt werden. Kabel Deutschland ist vor zehn Jahren als Pionier mit einem Pilotprojekt für das schnelle Internet über das Fernsehkabel gestartet. Heute kann es seine Infrastruktur offenbar gewinnbringend anbieten. Vodafone zählt mit etwa 32 Millionen Handykunden neben der Deutschen Telekom zu den Platzhirschen auf dem deutschen Mobilfunkmarkt. Daneben betreibt der britische Konzern, dessen Deutschland-Sitz in Düsseldorf ist, noch eine Festnetz- und DSL-Sparte – die einstige Arcor. Die Zahl der Festnetz-Kunden ist allerdings seit Jahren rückläufig: Jüngst waren es noch etwa 3,1 Millionen.

Mit Kabel Deutschland könnte sich Vodafone von der Telekom unabhängig machen. Weiterer Vorteil: Kabelnetze erlauben schon heute Geschwindigkeiten von 150 MBit/s - ohne großen Aufwand wären auch 400 MBit/s möglich. Die Kabelnetze, die häufig noch vom Staat gebaut wurden und ursprünglich nur Fernsehen übertragen sollten, sind damit eine begehrte Zukunftsinfrastruktur. Selbst mit dem Vectoring-Beschleuniger kann die Telekom von den Übertragungsgeschwindigkeiten, die auf den Kabelnetzen möglich sind, nur träumen - bei Vectoring ist derzeit bei 100 MBit/s Schluss. Die Deutsche Telekom musste ihr TV-Kabelnetz auf politischen Druck hin Anfang des Jahrtausends verkaufen.

Diesmal keine feindliche Übernahme

Vodafone machte im Jahre 2000 bundesweit Schlagzeilen, als die Briten den Düsseldorfer Traditionskonzern Mannesmann in Rahmen einer feindlichen Übernahme kauften. Die hohen Abfindungszahlungen an führende Köpfe der Firma Mannesmann führten zum sogenannten Mannesmann-Prozess. Angeklagt waren unter anderem der zum Zeitpunkt der Übernahme amtierende Vorsitzende des Aufsichtsrates und Deutsche Bank Chef Josef Ackermann und der damalige Vorstandsvorsitzende Klaus Esser. Das Verfahren wurde letztlich gegen Zahlung einer Geldauflage in Millionenhöhe eingestellt. Kommt es zur – diesmal nicht feindlichen – Übernahme von Kabel Deutschland, so hat die Deutsche Telekom erstmals in ihrer Geschichte mit einem Konkurrenten auf Augenhöhe zu tun.

Diese Konkurrenz mag ja – wie man so schön sagt – belebend für das Geschäft sein. Vielleicht ist es ja auch Zufall, dass die Telekom nun angekündigt hat, ihre so umstrittene Drosselung der Surfgeschwindigkeit etwas weniger drastisch umzusetzen. Wer ab 2016 mehr als 75 Gigabyte Datenvolumen im Monat verbraucht, sollte nach den Plänen des rosa Riesen auf 384 Kilobit pro Sekunde gedrosselt werden. Jetzt soll es dann möglich sein, mit immerhin zwei Megabit pro Sekunde durch die Weiten des Internet zu surfen. 

Anzeige
Von Detlef Stoller
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden