13.01.2015, 06:55 Uhr | 0 |

Anpassung am 1. Juli Schaltsekunde droht IT-Systeme ins Chaos zu stürzen

Wer am 1. Juli 2015 um 01:59:59 auf die Uhr sieht, wird sich wundern: Diese Sekunde wird doppelt so lang sein. Computer könnte diese zusätzliche Sekunde aus dem Tritt bringen, befürchten Experten – genau wie bei der letzten Zeitanpassung im Juli 2012. 

Die Atomuhr CS2 in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig
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Die Atomuhr CS2 in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig: In der Nacht zum 1. Juli 2015 wird um 01:59:59 Uhr eine Schaltsekunde eingefügt. Deshalb befürchten IT-Experten Probleme in Rechnern. Google lässt seinen NTP-Server im Vorfeld langsamer laufen, um keinen Zeitsprung machen zu müssen. 

 

Foto: Holger Hollemann/dpa

IT-Experten treibt die geplante Schaltsekunde am 1. Juli 2015 Sorgenfalten ins Gesicht. Sie befürchten, dass Computer verrückt spielen und es zu Stromausfällen kommt, wenn es eine Sekunde plötzlich doppelt gibt. Unbegründet ist diese Sorge nicht: Schon die letzte Schaltsekunde im Jahr 2012 sorgte für IT-Chaos.

Schaltsekunde von 2012 störte Linked-In, Reddit und Yelp

Die längere Sekunde sorgte für Störungen bei Webdiensten wie Linked-In, Reddit, Stumble-Upon und Yelp und spielte dem Flugverkehr übel mit. In Australien mussten die Fluggesellschaften Qantas und Virgin Airlines Passagiere wegen Computerproblemen per Hand einchecken – es kam zu stundenlangen Verspätungen.

Die Fehler ließen sich später auf fehlerhafte Routinen im Betriebssystem Linux zurückführen. „Fast immer, wenn es eine Schaltsekunde gibt, finden wir irgendwas“, sagte Linux-Entwickler Linus Torvalds der Zeitschrift Wired. „Das ist wirklich ärgerlich.“

USA und Frankreich plädieren gegen die Schaltsekunde

Wegen solcher Probleme ist nicht jeder ist von der Schaltsekunde überzeugt, die seit der Einführung im Jahr 1972 mittlerweile zum 26. Mal stattfinden wird. „Je mehr digitale Technik die Menschheit nutzt, umso größere Probleme bereitet die Schaltsekunde“, erklärt Vincent Meens von der französischen Weltraumagentur CNES dem Spiegel.

Dieser Meinung sind auch die USA und Frankreich, die für die Abschaffung plädieren und lieber mit der minimalen Abweichung leben – anders als Großbritannien und Russland, denen die Synchronisation am Herzen liegt. Ob die zusätzliche Sekunde eine Zukunft hat, wird die World Radiocommunication Conference im November dieses Jahres in Genf entscheiden.

Google nutzt raffinierten Trick zur Zeitanpassung

Google hat schon 2012 eine Lösung gefunden, um Computer mit dem unerwarteten Zeitbruch zu versöhnen. Der IT-Gigant nutzt eine Methode namens Smear, übersetzt „verschmieren.“ Dabei verlangsamen Informatiker eine Zeit lang ganz schonend den NTP-Server, der den Google-Servern die interne Zeit vorgibt – bei jedem Update lassen sich einige Millisekunden hinzufügen. Das Resultat: Die Google-Server laufen schon dann mit der richtigen Zeit synchron, wenn es in der offiziellen Zeitmessung zur Schaltsekunde kommt.

Warum gibt es eine Schaltsekunde überhaupt?

Weil die Erde für eine Rotation um sich selbst nicht 24 Stunden braucht, sondern zwei Tausendstel einer Sekunde länger. Zu den Gründen für diese latente Lahmarschigkeit des Blauen Planeten zählen Erdbeben und Gletscherschmelzen, die Masseverschiebungen auslösen.

Für den Otto-Normalbürger spielt diese minimale Abweichung keine Rolle, wohl aber für Fachleute wie Astronomen. Deswegen hat der Internationale Dienst für Erdrotation und Referenzsysteme (IERS) entschieden, am 1. Juli 2015 die Sekunde 01:59:59 doppelt so lang dauern zu lassen – genau wie zuvor in den Jahren 2005, 2008 und 2012. Dann sollen Uhren und Erdrotation wieder synchron laufen. 

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Von Patrick Schroeder
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