30.08.2013, 12:31 Uhr | 0 |

Computerspiel „Man fühlt sich, als ob man mittendrin wäre“

Mittlerweile ist sie die größte Spielemesse der Welt: Die Gamescom in Köln. Nicht selten fällt hier die Entscheidung, welche Spiele am Markt Erfolg haben und welche nicht. Doch die Messe zeigt auch: Die Gamer sind eine Welt für sich. Und wer sich in diese Welt begibt, muss starke Nerven haben und einiges an Lärm und optischem Gewitter aushalten können. 

Gamescom 2013
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Dicht gedrängt gehen Computerspiel-Fans und Besucher der Gamescom über die Spielemesse. 

Foto: dpa

Der Krach ist kaum auszuhalten – Technobässe wummern, fühlen sich an wie Schläge in die Magengrube. Auf einer großen Leinwand jagen Bilder vorbei, kaum noch als solche zu erkennen. Stroboskopblitze fliegen durch die dunklen, riesigen Hallen, auf großen Bühnen stehen wild gestikulierende Marktschreier, die sich die Seele aus dem Leib brüllen. Eine unüberschaubare Menschenmasse drängelt sich vorbei an gigantischen Messeständen – Hunderte von meist jungen und meist männlichen Besuchern sitzen vor Bildschirmen und testen in dem Inferno Spiele, hinter ihnen Schlangen von Wartenden.

Doch was dem einen eine Art Vorhölle ist, ist dem anderen das Paradies. Und für die meisten Besucher ist die Spielemesse „Gamescom“ in Köln genau das.

Fünf junge Männer lassen diesen Irrsinn für ein paar Minuten hinter sich, verschnaufen vor den Messehallen. Sie haben gerade für rund fünf Minuten ein neues Gerät für Computerspieler ausprobiert – nachdem sie im Toben der Hallen stoisch darauf gewartet hatten dranzukommen.

3D-Videobrille "Oculus Rift"

Florian, Marcel, Robin, Thomas und Marco sind zwischen 20 und 23 Jahre alt und aus dem gut 350 km entfernten Calw angereist. Gerade haben sie auf der Messe ausprobiert, was seit Monaten in der Spielebranche für Aufregung sorgt – und was in den kommenden Jahren das Spielerlebnis an Computer und Spielkonsole revolutionieren könnte: „Oculus Rift“, eine 3D-Videobrille, die man wie eine Skibrille aufsetzt und durch die man so in virtuelle Welten blickt, als sei man selbst vor Ort. „Sensationell“ sagt Florian und seine Freunde nicken.

Ein 20-jähriger Amerikaner hat diese Brille in seiner Garage entwickelt. Damit gelang ihm etwas, woran sich die großen Konzerne seit Jahren die Zähne ausbeißen: Zum ersten Mal rückt echte virtuelle Realität bei Spielen in greifbare Nähe.

„Für Egoshooter ist das wahrscheinlich sehr cool, auch wenn man sich wohl erst daran gewöhnen müsste“, sagt der 23-jährige Robin. Er steht noch ganz unter dem Eindruck des Erlebten. Sein Freund Marco ergänzt: „Man fühlt sich, als ob man mitten im Spiel ist, aber die Texturen müssten noch ein bisschen besser aufgelöst werden.“ Dann verschwinden die fünf jungen Männer wieder im Getöse der Hallen.

Die „Oculus Rift“-Brille ist nur ein Höhepunkt der diesjährigen „Gamescom“, dem jährlichen Schaulaufen der besten Spielentwickler der Welt, bei dem sie ihre neuesten Produkte vorstellen – und auf der Spielefans testen können, was an neuer Technik auf sie zukommt.

So sind die Zeiten, in denen Computerspieler einsam vor ihren Bildschirmen saßen, lange vorbei. Jedes moderne Spiel hat heute einen „Multiplayer“-Modus. Das bedeutet, dass Spieler vernetzt über das Internet gemeinsam Abenteuer bestehen, Wettrennen fahren oder gegeneinander Fußball spielen können. Allerdings: Wer schon einmal ein Multiplayer-Match gespielt hat, der weiß, wie chaotisch es online mitunter zugeht. Den Überblick über das gesamte Geschehen hat man meist nicht.

Dies ändert sich nun, wie ein Beispiel auf der „Gamescom“ zeigt. So stellt Electronic Arts das Kriegsspiel „Battlefield 4“ vor, das die Vernetzung von Endgeräten wie Computer, Tablet-PC und Smartphone möglich macht und den Spieler das Geschehen gleich aus mehreren Perspektiven sehen lässt. Dazu liefert das Spiel einen sogenannten „Commander-Modus“ – in diesem wird das Spiel aus einer Art Strategieübersicht gezeigt, in der die anderen Spieler mit Symbolen dargestellt werden.

Ein großes Thema ist die Vernetzung unterschiedlicher Endgeräte

So kann der „Commander“ seinen Mitstreitern genaue Angriffsbefehle erteilen. Das Besondere: Die Befehle können über ein Tablet kommen und so unabhängig davon, wo sich der „Commander“ gerade befindet – etwa in der U-Bahn oder in der Mittagspause. Damit wird möglich, wovon viele Spieler träumen: von jedem Ort der Welt aus aktiv in das Geschehen einzugreifen.

Für viele Spieler ist das neu. Der 29-jährige Kevin ist angereist, um „Battlefield 4“ erstmals live zu testen. „Von den vernetzten Möglichkeiten wusste ich nichts, aber das klingt spannend“, brüllt er gegen den Hallenlärm an.

Zeit und Ruhe, um über die neuen Produkte nachzudenken, gibt es auf der Messe kaum. Wie auch: Vor dem „Battlefield 4“-Stand geht es laut und hektisch zu. Auf einer überdimensionalen Videoleinwand brechen im Sekundentakt Hochhäuser zusammen, rennen Soldaten um ihr Leben, knattern Hubschrauber durch die Luft. Passend dazu bewachen finster dreinblickende US-Marines den Stand.

Überall in den Messehallen stecken die Hersteller Menschen in solch seltsame Kostüme, um auch das letzte Quäntchen Aufmerksamkeit aus den Besuchern herauszukitzeln. Stimmung anheizen, Puls hochtreiben, um jeden Preis Interesse wecken – das ist es, was Hersteller auf der Messe erreichen wollen.

Milliardenschwere Branche

Kein Wunder: Die Branche ist mittlerweile milliardenschwer, die Konkurrenz ist riesig – Computerspiele gibt es wie Sand am Meer, doch nur wer die größte Aufmerksamkeit verbucht, landet auch auf den Rechnern der Gamer.

Seit Jahren konkurrieren etwa Fußballspiele wie „Pro Evolution Soccer“ und „Fifa“ miteinander. „Fifa 2014“ des Herstellers Electronic Arts bietet in diesem Jahr erstmals eine physikalisch korrekte Flugbahn des Balls, mit der sich am Bildschirm besonders gute Kunstschüsse ausführen lassen.

So steht die Branche jedes Jahr unter größerem Druck: Ohne immer bessere physikalische Effekte und bessere Grafik kann kein Hersteller bei der technikverwöhnten Jugend punkten. Längst sind einige Messestände auf der „Gamescom“ schon so groß, dass sie Messeständen auf einer Autoausstellung locker das Wasser reichen können. Auch die Jugendlichen lassen sich längst nicht mehr mit ein paar Brotkrumen abspeisen. Sie müssen bisweilen Jahre auf ein neues Spiel warten – und die Messe ist dann die Gelegenheit, es zum ersten Mal selbst anzutesten. Mit gesenkten Köpfen und aufgesetzten Kopfhörern, nicht ansprechbar und versunken in einer anderen Welt suchen sie den Kick, als einer der ersten diesen oder jeden Spieleblockbuster angetestet zu haben.

Echte Innovationen sind die Ausnahme

Schließlich suggerieren ihnen die Hersteller aber auch, hier etwas ganz Besonderes vor der Nase zu haben. Doch das Gegenteil ist oft der Fall: Viele Spiele gleichen sich in ihren Konzepten, echte Innovationen sind eher die Ausnahme. So ist auch die Idee zur Vernetzung von Spielen nicht neu, wenn sie auch erst jetzt massentauglich wird – mit Android und Apples iOS haben sich zwei Standards durchgesetzt, auf die Spiele etwa für Smartphones oder Tablets problemlos angepasst werden können. Und das Cloud-Computing ermöglicht es, alles auf einem Server zu bündeln und zum Beispiel Spielstände auf unterschiedlichen Endgeräten zeitgleich anzupassen.

Sogenanntes „Multiscreen-Gaming“ ist daher auch die Hoffnung der Konsolen-Hersteller. Sonys neue Spielkonsole Playstation 4 bietet hierfür eine neue Funktion: Durch Drücken einer bestimmten Taste lässt sich die Darstellung auf dem eigenen Bildschirm in Echtzeit auf das Display eines anderen Gerätes übertragen. Auf die Spitze treibt es Microsoft, dessen Software Fernseher, Tablets, Smartphones sowie die neue Konsole Xbox One betreibt. Über alle Geräte hinweg können Nutzer auf ihr persönliches Spielprofil zugreifen – die Vernetzung wird so perfekt.

Wohin das führen kann, zeigt auf der Messe Ubisofts kommender Überwachungsthriller „Watch Dogs“, der ab November sowohl für den Computer als auch für Spielkonsolen zu haben sein soll. In dem Spiel geht es darum, mittels eines Smartphones die gesamte Umgebung zu manipulieren – während einer Auto-Verfolgungsfahrt etwa per schnellem Tastendruck aufs Smartphone Ampeln rot zu schalten, um so Verfolger abzuschütteln. Das klingt spannend und neu – folglich ist auf dem Messestand von „Watch Dogs“ die Hölle los. Bis zu sieben Stunden stehen die Jugendlichen an, um das Spiel dann wenige Minuten testen zu können. Für den französischen Hersteller ist dieses Interesse ein Beleg dafür, dass das Produkt den Nerv der Zeit trifft: Man selbst wird Teil dieses vernetzten Systems. Sogar andere Spieler können sich ins Spiel „einklinken“ und den Spieler selbst „hacken“ – mit schwer absehbaren Konsequenzen.

Die Vision wird von der Realität eingeholt

Dass das Spiel nach rund fünf Jahren Entwicklung just zu einem Zeitpunkt erscheint, zu dem die Welt mit einem der größten Überwachungsskandale konfrontiert wird, entbehrt nicht einer gewissen Ironie – und ist doch bezeichnend für die Branche: Die Vision wird von der Realität eingeholt. Dennoch will am „Watch Dogs“-Stand kaum einer das eine mit dem anderen in Verbindung sehen – „es ist doch nur ein Spiel“ sagte ein junger Mann, der geduldig darauf wartet, das Spiel zu testen.

Auch das kann harte Arbeit sein. Am Nachmittag laufen auch Florian und seine Freunde bei Ubisoft auf und reihen sich in die Schlange ein. Ob sie heute noch drankommen, ist offen. Für sie gilt, was für alle anderen Besucher gilt – Nerven behalten. Was nicht leicht ist, nachdem der Lärmpegel schon wieder neue Dimensionen erreicht hat.

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Von Oliver Klempert | Präsentiert von VDI Logo
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