IT & Telekommunikation

RSS Feeds  | Alle Branchen IT & Telekommunikation-Visual-101543282
31.05.2013, 13:30 Uhr | 0 |

100 Mrd. Euro für IT Kroes: "Entweder wir fahren Investitionen hoch oder verlieren unsere Wettbewerbsfähigkeit"

Um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Halbleiterindustrie nicht zu verlieren, schlägt EU-Kommissarin Neelie Kroes eine europäische Industriestrategie für Elektronik vor. Mit gezielter EU-Forschungsförderung sollen bis 2020 insgesamt 100 Mrd. € an privaten Neuinvestitionen aufgebracht werden.

EU-Kommissarin Neelie Kroes
Á

EU-Kommissarin Neelie Kroes: "Wir dürfen den Anschluss an andere Hightechregionen nicht verlieren."

Foto: EU

VDI nachrichten: Sie haben eine ambitionierte Agenda vorgelegt, um die Elektronikindustrie in Europa zu pushen. Wie überzeugen Sie die Mitgliedstaaten und die Industrie, trotz Wirtschaftskrise zu investieren?

Kroes: Ich werde bei jeder Gelegenheit, die sich mir bietet, ihnen sagen, dass Europa keine andere Wahl hat. Es liegt auf der Hand, entweder wir fahren unsere Investitionen hoch oder wir verlieren unsere Wettbewerbsfähigkeit und das damit einhergehende Wirtschaftswachstum. Europa darf den Anschluss an andere Hightechregionen in der Welt nicht verlieren. Wir dürfen nicht in eine technologische Abhängigkeit geraten, so dass wir die entscheidenden Bausteine für die Digitale Wirtschaft in der EU importieren müssen.

Kooperationen zwischen EU-Mitgliedstaaten waren bisher nicht immer von Erfolg geprägt. Wie wollen Sie strategische Allianzen fördern?

Das sehe ich anders. Unsere beiden JTIs (Joint Technology Initiatives), Artemis für integrierte Bauteile und Eniac zur Nanotechnologie, haben 84 Projekte im Zeitraum von 2008 bis 2011 erfolgreich unterstützt. Die ersten Förderprojekte stehen vor dem Abschluss und sie haben eindrucksvolle Ergebnisse bei Schlüsseltechnologien gezeitigt und die globale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie gefestigt. Vor allem der Zuspruch bei den jüngsten Eniac-Projekten ist größer als je zuvor und stellt eine Erfolgsgeschichte dar.

Auf welche Fördersummen haben sich die EU-Staaten bisher verständigt?

Die von mir vorgeschlagene Industriestrategie für Elektronik soll die öffentlichen Investitionen in Forschung, Entwicklung und Innovation in den kommenden sieben Jahren in der EU auf 5 Mrd. € bringen. Davon bestreiten die EU-Mitgliedstaaten 70 % und die EU 30 % des Budgets. Wir erwarten von der Privatwirtschaft Förderleistungen in der gleichen Größenordnung.

Der mittelfristige EU-Finanzrahmen für die Jahre 2014 bis 2020 ist noch nicht unter Dach und Fach. Befürchten Sie Einschnitte im Forschungsprogramm "Horizon 2020" zulasten ihrer Strategie?

Auch angesichts der angezeigten Einschnitte bin ich zuversichtlich, dass der Anteil für die Informations- und Kommunikationstechnologieförderung (IKT) im Rahmen von Horizon 2020 die Elektronikindustrie-Initiative wird abdecken können.

Welche Zusagen hat die Industrie bisher gegeben, um zum angepeilten 2020-Ziel beizutragen?

Im November 2012 haben Unternehmen und Forschungsinstitute aus Europas Nanotechnologieszene eine Strategie zur "Innovation für die Zukunft der Nanotechnologie Europas bis 2020" vorgelegt. In diesem Strategiepapier werden Gesamtinvestitionen von 100 Mrd. € zwischen 2013 und 2020 vorgeschlagen. Das Programm zielt darauf ab, den weltweiten Umsatz der europäischen Halbleiterindustrie und strategisch wichtiger Endnutzeranwendungen auf 200 Mrd. € zu bringen. Damit können in der europäische Elektronikindustrie zusätzlich 250 000 direkte und indirekte Arbeitsplätze geschaffen werden.

Welche europäischen Cluster tragen entscheidend dazu bei, Europas Wettbewerbsposition zu behaupten?

In Europa ist für jeden offensichtlich, dass Dresden, Grenoble und Leuven-Eindhoven die drei Weltklasse-Cluster darstellen. In Zukunft wird eine stärkere Koordinierung und zielführende Strategie diese drei Cluster zuallererst stützen. Nichtsdestotrotz ist eine gezielte Förderung nicht vorab entschieden oder auf eine definierte Empfängerliste begrenzt. Ganz im Gegenteil.

In der Halbleiterindustrie fällt die EU weiter zurück. Kann Europa bei der vorgelegten Schlagzahl aus Korea, Indien oder China künftig noch mithalten?

Ja, denn wir schlagen diese Länder bereits in einzelnen Nischenmärkten. Die europäischen Unternehmen haben eine starke Position im Bereich der Ausrüstung für die Chipproduktion. Wir sind auch Weltmarktführer in der Automobilelektronik mit einem globalen Umsatz von 50 %. Auch bei den Anwendungen in Energiebranchen sowie bei der industriellen Automation sind wir mit 40 % bzw. 35 % weltweit in Spitzenpositionen. Ebenso ist Europa führend beim Elektronikdesign für Mobilkommunikation.

  Unsere mittelständischen Unternehmen (KMU) sind weltweit führend in intelligenten Mikrosystemen wie bei Gesundheitsimplantaten und Sensorik. Wenn es uns gelingt – aufbauend auf diesen Stärken der europäischen Industrie und Forschung – die notwendigen Ressourcen bis 2020 zu mobilisieren, wird Europa ein Hauptakteur in der Mikroelektronik und den Nanotechnologien bleiben.

Wie können KMU von der Elektronikstrategie profitieren?

Eine beträchtliche Zahl von KMU ist Weltklasse in intelligenten Mikrosystemen wie in der Medizintechnik oder der Sensorik. Sie spielen ebenso eine Schlüsselrolle in Bereichen der Kunststoffbearbeitung und der organischen Elektronik ebenso wie bei "Smart Integrated Systems" und im allgemeinen Design. Noch bewegen sie sich vereinzelt in Nischenmärkten, aber sie beeindrucken mit Wachstumsraten von bis zu 12 % pro Jahr.

Ein Ziel der EU-Elektronikstrategie ist es, die KMU stärker an der industriellen Wertschöpfungskette zu beteiligen. So müssen wir sicherstellen, dass sie bevorzugten Zugang zu Toptechnologien und Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen bekommen. Daher unterstützen wir integrierte Mikroelektronik- und Nanotechnologie in der Produktentwicklung und bei Dienstleistungen als entscheidende Innovationsträger in der gesamten Wirtschaft einschließlich nicht technologiebasierter KMU.

Wie wollen Sie Europa beflügeln, um einen Anteil an der weltweiten Chipproduktion von 20 % in der EU zu bewerkstelligen?

Wenn wir in unseren begrenzten nationalen Systemen verharren, dümpelt die europäische Chipproduktion unter 10 % am Weltmarkt und wird weiter schrumpfen. Wir können die 20 %-Marke erreichen, wenn wir unsere Kräfte bündeln, stärker investieren und die grenzübergreifende Zusammenarbeit forcieren. Es ist klar, dass wir große Investitionen jenseits Forschung, Entwicklung und Innovation benötigen, vor allem in hoch entwickelte Produktions- und Fertigungsstrukturen. Ich habe die Ambition, dass Europa eine der ersten Fabriken für die nächste Generation der 450-mm-Wafer stellt. Um dies zu erreichen, müssen Entscheidungen hierfür von der Industrie jetzt getroffen werden. Unser EU-Industriestrategie Elektronik dient genau diesem Ziel und ist darauf zugeschnitten.

Welche Rolle spielen Ingenieure im Kampf um Wachstum und Beschäftigung?

Wir müssen verstärkt auf Exzellenz bei Forschungsinfrastrukturen und Ausbildung hinarbeiten. Hier muss das Arbeitsfeld für den talentierten Ingenieur der Zukunft liegen. Wir werden in Kürze fünf Pilotprojekte anstoßen, um die industrielle Fertigung zu optimieren. Diese Pilotprojekte stellen fortgeschrittene ingenieurtechnische und fertigungstechnische Methoden und Anwendungen in den Vordergrund. Wir brauchen mehr Ingenieure als beste Köpfe entlang der Innovationskette in der EU.

Anzeige
Von Thomas A. Friedrich | Präsentiert von VDI Logo
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden