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18.06.2013, 15:37 Uhr | 0 |

NSA-Spionageskandal schrumpft IT-Firmen geben erstmals Zahlen zum NSA-Abhörskandal preis

Microsoft, Facebook und Apple haben jetzt Zahlen veröffentlicht, wie viele Anfragen von US-Behörden sie erhalten und beantwortet haben. Alle großen Internet-Dienstleister haben bei dem Überwachungssystem Prism der National Security Agency mitgemacht. Allerdings ist die Zahl der User, die überprüft wurden, überraschend gering.

Demonstranten in Berlin
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Mit Plakaten demonstrieren Teilnehmer am 18. Juni am Checkpoint Charlie in Berlin gegen das US-amerikanische Internet-Überwachungsprogramm der NSA Prism.

Foto: dpa/Kay Nietfeld

„Wir haben das erste Mal vom Regierungsprogramm ‚Prism‘ gehört, als uns Medien am 6. Juni danach fragten“, erklärt jetzt der Apple-Konzern zu den Berichten vom gigantischen Abhörskandal des US-amerikanischen Geheimdienstes National Security Agency.

Weiterhin bestreitet Apple vehement einen direkten Zugriff der Behörden auf ihre Server und betont, dass Daten in jedem Einzelfall nur auf Gerichtsbeschluss übergeben würden. Erstmals seit dem Bekanntwerden der Schnüffelaffäre haben die großen Internet-Unternehmen Zahlen genannt, die das Ausmaß der Bespitzelung zeigen. So erhielt Apple in den sechs Monaten von Dezember 2012 bis Ende Mai dieses Jahres zwischen 4000 und 5000 Anträge auf Datenübergabe. Davon seien 9000 bis 10 000 Kunden-Konten mit Apple-Geräten betroffen gewesen, so Apple.

Zumeist nur Polizeiroutine-Anfragen

Seit dem vergangenen Wochenende ist es den Internet-Unternehmen erlaubt, auch bisher geheime Anfragen mit Bezug zur nationalen Sicherheit in die Statistik aufzunehmen. Allerdings dürfen die Firmen nur solche Größenordnungen in Tausender-Schritten veröffentlichen. Apple betonte, bei dem Großteil der Behörden-Anfragen gehe es um normale Polizeiarbeit, etwa wenn nach verschwundenen Kindern gesucht werde, oder es darum gehe, einen Selbstmordversuch zu verhindern. Weiter nennt Apple Polizeialltagsanfragen, wie Untersuchungen zu Raubüberfällen und anderen Verbrechen oder auch die Ortung von weggelaufenen Alzheimer-Patienten.

Laut Apple würde die konzerneigene Rechtsabteilung die Anträge stets prüfen und nur dann, wenn sie als angemessen eingestuft werden, so wenig Information wie möglich an die Behörden weiterleiten. Apple ist eifrig bemüht, eventuell aufkommende Datenschutz-Sorgen seiner Kunden rasch zu zerstreuen. So weist Apple darauf hin, dass alle Nachrichten in dem hauseigenen Messaging-Dienst iMessage verschlüsselt sind und selbst Apple keinerlei Zugriff auf die dort verbreiteten Inhalte habe. Auch der Video-Chat-Service FaceTime sei besonders geschützt, so dass nur die Konferenzteilnehmer selbst die Gespräche sehen können. Daten zu Aufenthaltsorten von Kunden, Suchanfragen in Kartendiensten oder auch Fragen an den persönlichen Assistenten Siri speichert Apple nach eigenen Angaben nicht in „identifizierbarer Form“.

Vorwurf der totalen Überwachung

Das alles klingt wesentlich harmloser, als der Vorwurf der totalen Überwachung nahezu aller Menschen auf dem Planeten durch die NSA, den der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden vor kurzem äußerte: „Jeder Analyst kann zu jeder Zeit jeden Menschen ins Visier nehmen“, sagt der 29-jährige Snowden in einem Interview dem Guardian. „Wenn ich in Ihre E-Mails oder in das Telefon Ihrer Frau hineinsehen wollte, müsste ich nur die abgefangenen Daten aufrufen. Ich kann Ihre E-Mails, Passwörter, Gesprächsdaten und Kreditkarten-Informationen bekommen. Sie haben keine Ahnung, was alles möglich ist.“ Der Zugriff, den die NSA auf die Daten von Privatpersonen hat, ist danach ziemlich umfassend: E-Mails, Chats, Videos, Fotos, gespeicherte Daten, Videokonferenzen, übertragene Daten, also wohl so ziemlich alles, was der persönliche Computer, der längst kein persönlicher Computer mehr ist, gespeichert hat.

Auch Facebook und Microsoft nennen geringe Anfragezahlen

Auch die Zahlen, die Facebook und Microsoft jetzt veröffentlichten, deuten darauf hin, dass Edward Snowden mit seinen Vorwürfen über das Ziel hinaus geschossen sein könnte. Facebook musste im zweiten Halbjahr 2012 zwischen 9000 und 10.000 Behördenanfragen beantworten. Diese betrafen zwischen 18.000 und 19.000 Mitglieder-Profile. Diese Zahlen umfassen Anfragen regionaler Polizeibehörden und Fragen mit Bezug zur nationalen Sicherheit.

Microsoft nannte für den gleichen Zeitraum zwischen 6000 und 7000 Behördenanfragen, die zwischen 31.000 und 32.000 Kunden-Konten betroffen haben. Auch diese Zahlen beinhalten Anfragen zu normalen Kriminalfällen und Anfragen mit Bezug zur nationalen Sicherheit. Setzt man diesen Zahlen die offiziellen Zahlen aus dem Microsoft-Transparenzbericht für das Jahr 2012 entgegen, so kommt man auf eine vergleichsweise geringe Anzahl von bisher verheimlichten Anfragen.

Der Transparenzbericht listet für das Jahr 2012 insgesamt 11.073 Anfragen von US-Behörden auf, die 24.565 Personen oder Accounts betroffen haben. Gleiche Anfrageverteilung über das Jahr vorausgesetzt wären das pro Halbjahr in etwa 5500 Anfragen, die 12.250 Accounts betroffen haben. Somit kommt man auf 500 bis 1500 geheime Anfragen. Seltsam erscheint dabei allerdings die doch sehr hohe Anzahl der betroffenen Accounts. Bei den genannten 32.000 Kunden-Konten sind in etwa 20.000 mehr Accounts betroffen, als zu erwarten gewesen wäre.

Alle außer Twitter sind bei Prism dabei

Fakt ist: Praktisch alle großen Internet-Dienstleister sind bei Prism dabei, mal mehr, mal weniger freiwillig. Laut NSA ist Microsoft seit dem 11. September 2007 im Prism-Boot, Yahoo seit dem 12. März 2008, Google seit dem 14. Januar 2009, Facebook seit dem 03. Juni 2009, YouTube seit dem 24. September 2010, Skype seit dem 6. Februar 2011 und AOL seit dem 03. März 2011. Prism-Newcomer Apple ist seit Oktober 2012 als letzter Datenlieferant dabei. Nur der Kurznachrichtendienst Twitter, der sich als rigoroser Fürsprecher der Meinungsfreiheit und Verteidiger der Privatsphäre gibt, nimmt bislang nicht an Prism teil. Wie lange Twitter dem Druck der NSA standhält, bleibt abzuwarten. Eingeknickt sind bisher ja offenbar alle.

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Von Detlef Stoller
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