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12.12.2013, 16:49 Uhr | 0 |

Nur kleiner Eingriff nötig Schrittmacher für den Kehlkopf bringt Luft zum Atmen

Patienten mit einer beidseitigen Stimmbandlähmung bekommen sprichwörtlich keine Luft zum Atmen. Jetzt sind im Rahmen einer Pilotstudie erstmals einigen Patienten mit dieser lebensbedrohlichen Erkrankung erfolgreich Kehlkopfschrittmacher implantiert worden.

Kehlkopf
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Durch den Impuls des Implantats wird einer der Öffnermuskeln aktiviert, eines der beiden Stimmbänder gleitet zu Seite und der Atemstrom (blaue Linie) kann passieren.

Foto: Medical Electronics

Einer Patientin mit beidseitig gelähmten Stimmbändern ist vor wenigen Wochen am Würzburger Universitätsklinikum im Rahmen einer Pilotstudie erfolgreich ein Kehlkopfschrittmacher eingepflanzt worden. Weltweit erkranken etwa 250.000 Menschen pro Jahr neu an einer einseitigen oder beidseitigen Lähmung der Stimmlippen, allein in Deutschland sind es rund 10.000.

Gelähmte Stimmbänder können die Folge der Entfernung eines bösartigen Tumors an der Schilddrüse sein. „Bei dieser Diagnose ist eine Schädigung des Stimmbandnervs wegen der erforderlichen Radikalität zur Entfernung des Tumors oft nicht zu vermeiden“, beschreibt Professor Rudolf Hagen, Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten das Problem.

Stimmbandlähmung bewirkt massive Atemnot

„Betroffene sind mit schweren Atemnotzuständen bei jeglicher körperlichen Anstrengung und bei Infekten konfrontiert. Die Stimme ist schwach und auch im Schlaf leiden die Patienten an Atembeschwerden, die Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Patienten am Tage haben“, sagt HNO-Chefarzt Dr. Andreas Müller von der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheit am SRH-Wald-Klinikum in Gera. „Die Erkrankung bedeutet deshalb häufig die Berufsunfähigkeit, schlimmstenfalls sogar einen Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben.“ Denn wenn beide Stimmbänder gelähmt sind, ist die Stimmritze fast geschlossen.  Müller leitet die Pilotstudie „Laryngeal Pacemaker“ leitet.

Oft hilft nur ein Luftröhrenschnitt

„Erforderlich ist häufig die sofortige Anlage eines Luftröhrenschnitts, um die Atmung sicherzustellen“, verdeutlicht Müller. Wegen der beidseitig gelähmten Stimmbänder bekam die jetzt in Würzburg operierte Frau so wenig Luft, dass Prof. Hagen auf ihren Wunsch bereits im Jahr 2010 einen Teil eines ihrer Stimmbänder chirurgisch entfernt hat. „Ein in solchen Fällen bis dato durchaus übliches Vorgehen, bei dem die Betroffenen die danach bessere Luftversorgung und höhere Leistungsfähigkeit allerdings mit einer heiser klingenden Stimme ‚bezahlen‘ müssen“, berichtet Rudolf Hagen.

Diese erste Operation brachte der Frau zwar eine spürbare Erleichterung bei Atmen. Aber bei größeren Belastungen, wie zum Beispiel beim Treppensteigen, blieb ihr nach wie vor die Luft weg. Eine andere, bis heute angewandte Behandlungsmethode ist ein Luftröhrenschnitt, der die Lebensqualität der Patienten mit Stimmbandlähmung ganz erheblich einschränkt. Die Patienten haben enorme berufliche und auch familiäre Probleme. Nicht zuletzt werden sie aufgrund ihrer unangenehmen Sekretabsonderung aus der Kanüle des Luftröhrenschnitts stigmatisiert. Der Leidensdruck ist entsprechend hoch.

Sicherheitsprobleme ähnlich wie beim Herzschrittmacher

Jetzt hat die im Jahre 1968 geborene Frau erfolgreich an der „Laryngeal Pacemaker“ Pilotstudie teilgenommen und als eine von neun Patienten einen Kehlkopfschrittmacher eingesetzt bekommen. In dieser von den zuständigen Behörden genehmigten Pilotstudie überprüfen die Mediziner, ob der Kehlkopfschrittmacher der Anforderung betroffener Patienten gerecht wird und sicher ist. Ähnlich wie bei einem Herzschrittmacher müssen wesentliche Sicherheitsprobleme gelöst sein. Schließlich handelt es sich bei der Atmung, die ja neben der Stimmfunktion ebenfalls sicherzustellen ist, um eine elementare Lebensvoraussetzung – eben wie der Herzschlag.

Dieses Schrittmacher-System ist in einer Kooperation zwischen den Unikliniken Würzburg, Innsbruck, dem SRH Waldklinikum Gera sowie dem Anbieter von Hörimplantaten Medical Electronics (MED-EL) mit Sitz in Rheinau entstanden. Der Kehlkopfschrittmacher besteht aus einem Implantat, das direkt unter der Haut am Brustbein eingesetzt wird und einer Elektrode, die vom Implantat im Körper bis zum Kehlkopf führt.

Dort wird sie millimetergenau an dem feinen Nervenast platziert, der den Muskel versorgt, der die Stimmbänder öffnet. Über der geschlossenen Haut auf Höhe des Brustbeins haftet per Magnet am Implantat ein programmierbarer medaillonartiger Prozessor zur Steuerung des Systems.

Patientin hat Eingriffe sehr gut überstanden

Dieser Prozessor gibt dem Implantat dann den Takt vor, indem er einen regelmäßigen individuell einstellbaren Impuls über die Elektrode zum Öffnungsmuskel sendet. Dieser Impuls löst eine kurze Kontraktion des Muskels aus, der damit das Stimmband seitlich bewegt und die lebenswichtige Atemluft hindurchlässt. Das besondere bei diesem Verfahren: Das Sprechen wird durch diese rhythmische Bewegung des Stimmbandes nicht behindert. Es ist für den Patienten kein Problem, den elektronisch ausgelösten Impuls mit der Kraft seiner Muskeln willentlich und völlig mühelos zu überdecken.

Der Eingriff selbst erfolgt minimalinvasiv. Für die Implantierung des Systems hat Professor Hagen als Weltneuheit ein Verfahren entwickelt, bei dem die Schrittmacherelektrode durch ein Endoskop in den Kehlkopf eingeführt werden kann. Das Ende der Elektrode wird mit einer Sonde über den Mund- und Rachenraum kommend endoskopisch am für das Öffnen der Stimmbänder zuständigen Muskel fixiert. „Durch die begrenzten Inzisionen an Hals und Brustbein ist der Eingriff wenig belastend und bietet die Chance auf eine schnelle, komplikationslose Heilung“, schildert der 1957 in Bamberg geborene Hagen.

Die Würzburger Patientin hat die notwendigen Eingriffe sehr gut überstanden, der Schrittmacher arbeitet einwandfrei. „Nachdem die Machbarkeitsstudie mit der erforderlichen Zahl an erfolgreich implantierten Patienten in absehbarer Zeit abgeschlossen sein wird, gehe ich davon aus, dass der Schrittmacher in den nächsten Jahren als neues medizinisches Gerät auf den Markt kommt“, schätzt Professor Hagen.

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Von Detlef Stoller
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