20.02.2015, 11:39 Uhr | 0 |

Rollt den Mensch zur Kugel Ein Schutzanzug soll bei Sturz-Gefahr den Igel machen

Stürze sind insbesondere bei alten Menschen gefürchtet, weil oft komplizierte Knochenbrüche die Folge sind. Viele erholen sich überhaupt nicht mehr davon und sind danach bettlägerig. Das vermindert die Lebensqualität der Betroffenen und es kostet die Sozialsysteme eine Menge Geld. Ein sehr spezieller Schutzanzug soll künftig die Folgen dieser Stürze minimieren. Der Anzug rollt den Stürzenden einfach wie einen Igel zu einer Kugel zusammen.

Zusammengerollter Igel
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Bei Gefahr rollt sich der Igel zu einer Kugel zusammen. Nach diesem Vorbild entwickelt Unfallchirurg Wolfgang Müller-Adam einen Schutzanzug, der bei Stürzen schwere Verletzungen verhindern soll. 

Foto: Jürgen Howaldt/Wikimedia (CC BY-SA 2.0 DE)

Das Simulationsvideo wirkt befremdlich: Ein computeranimierter Bauarbeiter stürzt von einem Gerüst und wird von einem sich selbst aktivierenden Schutzanzug bis zum Aufprall auf einem Stapel aufeinandergeschichteter Steine noch in der Luft zu einer perfekt geschützten Kugel zusammengerollt. Präsentiert wurde dieses Video von der noch jungen Firma ISP Schutzkleidung in München auf der Wearable Technologies Conference 2015 Anfang Februar.

Kostenbelastung der Sozialsysteme liegen bei über 700 Millionen Euro

Der Unfallchirurg Wolfgang Müller-Adam steckt hinter ISP Schutzkleidung. Und der möchte nichts anderes, als den Unfallschutz revolutionieren. Ihm geht es um besonders sturzgefährdete Menschen wie die Alten und die Gebrechlichen. „In Haus und Freizeit liegt die jährliche Todesrate allein der über 60-Jährigen infolge von mehr als einer halben Million Sturz-bedingter Verletzungen bei annähernd 12.000, die Zahl der Schwerstverletzten bei über 60.000 – mit steigender Tendenz aufgrund der demographischen Entwicklung“, schreibt Müller-Adam auf seiner Internet-Seite.

Er rechnet hoch, dass allein für diese Gruppe jährliche Kosten von über 700 Millionen Euro für die Sozialsysteme entstehen. Aber auch aktive Menschen wie Motorradfahrer, E-Biker, Reiter, Kletterer und Skiläufer sowie Arbeiter, Monteure und Sicherheitskräfte zählt der Unfallchirurg zur Risikogruppe.

„Der Igel hat als Kugel mehr als 100 Millionen Jahre Evolution überlebt“

Abgeschaut hat sich der  Unfallchirurg seine Protektoren-Idee von einem unscheinbaren Stacheltier, dem Igel. Der rollt sich blitzeschnell bei Gefahr zu einer perfekten Kugel zusammen. Seine Stacheln stehen dann alle im optimalen Winkel nach oben, um jede Katze mit blutiger Schnauze das Weite suchen zu lassen. „Der Igel hat als Kugel mehr als 100 Millionen Jahre Evolution überlebt“, so Müller-Adam.

Schutzsystem zwingt den Träger gefahrlos in die Embryonalstellung

Und so soll die Igel-Überlebensstrategie per Schutzanzug aussehen: Intelligente Sensorik aktiviert in Millisekunden bis zu 30 doppelwandige speziell geformte Mini-Airbags, die sich über kritische Körperregionen entfalten. Diese sind unsichtbar und modular in die ganz normale modische Kleidung integriert. Damit nicht genug: Dieser rein äußere Schutz soll bei Stürzen aus hoher Geschwindigkeit, wie sie Motorradfahrern passieren können, durch ein inneres Schutzsystem ergänzt werden, welches den stürzenden Körper gefahrlos in die optimale Igel-Position zwingt.

Es ist die besondere Form des Schutzanzuges, die den Träger in die Embryonalstellung drängt. Sie bietet zusätzliche Sicherheit insbesondere für die inneren Organe.

Distanz-Sensoren sollen Sturz im Voraus erkennen

Und das noch vor dem Aufprall. Dafür müssen die Sensoren nicht nur auf kleinste Stöße reagieren, sondern potentielle Hindernisse schon vor dem Aufprall erkennen.

Laut Müller-Adam sollen deshalb auch Distanz-Sensoren zum Einsatz kommen wie sie in der Automobil-Industrie heute schon angewendet werden. Droht wirklich ein Crash, können diese den Anzug auslösen.

Forschungsaufwand etwa zwei Millionen Euro

Der Erfinder des Igel-Schutzanzuges will in einem Jahr mit einem Prototypen an den Start  gehen, den er dann mit konventionellen, also pyrotechnisch aktivierbaren, Stickstoff-Gasgeneratoren an Dummies und an Stuntmen testen will.

Dafür gibt Müller-Adam einen Forschungsaufwand von etwa zwei Millionen Euro an. Entwicklungsziel ist jedoch eine Kaltgas-Variante ohne Pyrotechnik und mit einem Gasdruckbehälter der leichtesten Bauart.

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Von Detlef Stoller
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