22.08.2016, 11:56 Uhr | 0 |

Streit mit Zulieferern VW hat die Produktion des Golf gestoppt

Seit Montagmorgen steht in Wolfsburg die Produktion des Golf still. Der Golf ist das wichtigste Modell des Konzerns und das meistverkaufteste Auto in Deutschland. Der Produktionsstopp kostet VW knapp 7 Millionen € pro Woche. Grund für den Produktionsstopp ist die Eskalation eines Streits mit einem Zulieferer.

Fabrikneue VW Golf und Passat auf Transportzügen
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In Emden und Wolfsburg laufen jeden Tag 3.450 Autos weniger vom Band. Der Produktionsstopp kostet VW pro Woche knapp 7 Millionen Euro.

Foto: Jan Woitas/dpa

Stammwerk Wolfsburg, Montagmorgen: VW hat keine Sitzbezüge und Getriebeteile mehr und hat deswegen die Produktion des Golf mit Beginn der Frühschicht ausgesetzt. Der Produktionsstopp dauert einem VW-Sprecher zufolge die ganze Woche. Auch die Werke in Emden, Zwickau, Braunschweig, Kassel und Salzgitter können nicht mehr arbeiten wie geplant.

VW kommt die Produktionskrise teuer zu stehen. In Wolfsburg und Emden laufen pro Tag 3.450 Autos weniger vom Band. Pro Woche bedeutet das knapp 7 Millionen € weniger operativer Gewinn, da VW an jedem ausgelieferten Auto 394 € verdient – vor Zinsen und Steuer.

20.000 Mitarbeiter sind betroffen

Von der Produktionskrise sind rund 20.000 Mitarbeiter betroffen. In Emden sind 7.000 Arbeiter in Kurzarbeit gegangen. Bedeutet: Die Angestellten erhalten nur Geld für die tatsächlich geleistete Arbeitszeit. Die Bundesagentur für Arbeit gleicht ihr ausgefallenes Netto-Entgelt teilweise aus: 67 % bei Beschäftigten mit mindestens einem Kind, 60 % bei Kinderlosen.

Warum VW nicht mehr produzieren kann? Weil die sächsischen Betriebe Car Trim (Sitzbezüge) und ES Automobilguss (Getriebeteile) – beide Mitglieder der Unternehmensgruppe Prevent – ihre Lieferungen eingestellt haben.

Streit um gekündigten Auftrag von 500 Millionen €

VW hatte die Qualität der Lederbezüge des Zulieferers Car Trim bemängelt und am 28. Juni einen Auftrag mit einem Volumen von 500 Millionen € platzen lassen – mit einer Kündigungsfrist von nur zwei Tagen. Car Trim fordert 58 Millionen Euro Kostenerstattung. VW weigert sich zu zahlen, weil die Summe nicht plausibel begründet sei.

Zwei Männer gehen am 19.08.2016 vor Schichtbeginn im Volkswagenwerk in Wolfsburg (Niedersachsen) auf einen Eingang ins Werk zu. Aufgrund von Materialengpässen bei Zulieferbetrieben des VW-Konzerns kommt es zu einem Produktionsstop des VW-Golfs. Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Feierabend am Montagmorgen: Seit der Frühschicht steht die Produktion des Golf in Wolfsburg still. Der Produktionsstopp dauert die ganze Woche.

Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Und wie sind ES Automobilguss ins Spiel gekommen? VW glaubt zu wissen: Car Trim hat einen Teil der Forderungen an ES abgetreten, damit die Firma ebenfalls mit einem Lieferstopp Druck auf VW ausüben kann.

Zulieferer ES: VW verlagert eigene Probleme auf Zulieferer

Laut ES hätte es nicht zum Produktionsstopp kommen müssen. Ein Lieferstopp hätte noch in letzter Minute verhindert werden können, sagte ES-Geschäftsführer Alexander Gerst der Bild am Sonntag. Man habe VW am Freitagabend angeboten, am Wochenende weiter zu verhandeln, „um die Kuh vom Eis zu holen.“ Daran hätten die VW-Verhandlungsführer kein Interesse gehabt. „Für die Krise bei VW und die dadurch entstandene Kurzarbeit sind wir nicht verantwortlich“, sagt Gerst. „VW verlagert die eigenen Probleme auf die Zuliefererindustrie.“

Der VW-Vorstand will Anfang der Woche entscheiden, wie man mit Prevent weiter umgeht. Eine Alternative zu weiteren Verhandlungen: juristisch mit voller Härte durchgreifen. Der Konzern könnte gegen beide Prevent-Firmen Ordnungsgeld oder Ordnungshaft beantragen und versuchen, die Sitzbezüge und Getriebeteile beschlagnahmen und zu den Werken bringen zu lassen.

Der Produktionsstopp bei VW erinnert an Ford. 1998 musste der Autobauer in Köln seine Produktion stilllegen, weil Türschlösser des Herstellers Kiekert fehlten. „Wenn man schon auf single sourcing geht, braucht man eine sehr solide und äußerst stabile Geschäftsbeziehung“, sagt Prof. Ferdinand Dudenhöffer dem Stern. Der Autoexperte der Universität Duisburg-Essen spricht in diesem Zusammenhang von Fehlern bei VW. 

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Von Patrick Schroeder
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