21.11.2016, 11:35 Uhr | 3 |

Keine Entschädigung verdient So scharf greift VW-Chef Müller deutsche Autokäufer an

Haben Opfer des Dieselskandals in Deutschland eine Entschädigung verdient? Nein, ist VW-Chef Matthias Müller überzeugt. Sie versuchen nur, einen Vorteil zu erhaschen. Ohnehin sind sie Schuld, dass die Elektromobilität nicht in die Gänge kommt. Was ist mit dem VW-Chef los? Beschimpft man seine Kunden?

VW-Konzernchef Matthias Müller
Á

VW-Konzernchef Matthias Müller hat zum Rund-um-Schlag ausgeholt. Die Kunden in Europa hätten im Gegensatz zu den US-Kunden einfach keine Entschädigung verdient. Und außerdem hätten die deutschen Kunden eine Doppelmoral und würden viel zu wenige der schönen Elektroautos von VW kaufen.

Foto: dpa/Uli Deck

Seit über einem Jahr kämpft VW mit den Folgen des Dieselskandals. Zur Erinnerung: VW hat gelogen und betrogen und ist dabei aufgeflogen. Was sollte der Chef in diesen schwarzen Monaten auf keinen Fall tun? Richtig, die Kunden angreifen. Doch genau das hat Matthias Müller am Wochenende getan.

Auf die Frage, warum der Konzern nur US-amerikanische Kunden entschädigt, antwortete der VW-Chef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Auf der einen Seite kritisieren viele die amerikanische Gesetzgebung in anderen Zusammenhängen, siehe TTIP. Wenn es aber darum geht, selbst Vorteile daraus zu ziehen, scheint das amerikanische Recht auf einmal der richtige Weg zu sein.“

US-Kunden bekommen bis zu 10.000 Dollar

In den USA entschädigt VW Opfer des Skandals mit bis zu 10.000 US-Dollar. „In Amerika werden wir für 2,0-L-TDI-Fahrzeuge auch nach dem Rückruf die dort sehr viel strengeren Emissionswerte nicht zu 100 Prozent erfüllen können“, sagt Müller. „Dies trifft für unsere Kunden in Europa nicht zu.“ 

Kunden in Europa entstünde kein Nachteil,  weder beim Verbrauch noch bei den Fahreigenschaften. Sie können daher auch nicht auf eine Entschädigung hoffen. Emotional könne Müller den Ärger von Kunden und Verbraucherschützern aber nachvollziehen. Das bedeutet: Alle betrogenen Kunden außerhalb der USA bekommen – nichts. Kunden zweiter Klasse nennt man das.

Müller: Verbraucher haben bei E-Mobilität spitze Finger

Doch damit nicht genug. Deutsche Kunden scheinen nicht nur raffgierig, sondern auch noch Schuld daran zu sein, dass die Elektromobilität nicht in die Gänge kommt. „Auf der einen Seite denken und handeln viele Deutsche im Alltag grün, wenn es aber um E-Mobilität geht, haben wir als Verbraucher spitze Finger. So ganz habe ich dieses Phänomen noch nicht verstanden“, kritisiert Müller. „Die Autoindustrie hat da nichts verschlafen. Am Angebot mangelt es nicht, sondern an der Nachfrage.“

Journalisten begutachten am 17.11.2016 in der Gläsernen Manufaktur, einer Automobilmanufaktur der Volkswagen AG, in Dresden (Sachsen) den E-Golf. Ab April 2017 soll in der sächsischen Landeshauptstadt der neue E-Golf produziert werden. Damit wird Dresden neben Wolfsburg zum zweiten Produktionsstandort für das Elektroauto. (zu dpa "E-Golf rollt ab April 2017 in Gläserner Manufaktur vom Band" vom 17.11.2016) Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Á

Vorstellung des neuen E-Golf in der Gläsernen Manufaktur: Auch die zweite Generation des E-Golf kommt nach Schätzung der Kollegen von auto motor und sport auf eine reale Reichweite im Verkehr von etwa 200 km. Das Auto hat aber einen Einstiegspreis von 35.000 Euro. Könnte das ein Grund für das zögernde Kaufverhalten der Kunden sein? Für VW-Chef Müller nicht. Der schimpft auf seine Kunden.

Foto: Sebastian Kahnert/dpa

 

Doch warum die niedrige Nachfrage? Könnte es daran liegen, dass Elektroautos zu geringe Reichweiten haben, zu lange laden und viel zu teuer sind? Und wo ist das Netz von Schnellladestationen, um von Köln nach München zu kommen?

Für Müller alles keine Fragen, er blickt lieber in die Zukunft. „Die Preise werden sinken, die Reichweite steigt, die Ladezeit wird kürzer – all die Punkte, die den Erfolg der E-Mobilität bisher behindert haben.“ Müller scheint anzunehmen, dass die Kunden einen Vorschuss liefern sollten – trotz hoher Preise und fragwürdiger Performance. Doch dazu sind wahrscheinlich die wenigsten Menschen bereit. Erst recht nicht, wenn man sie beleidigt.

VW streicht weltweit 30.000 Stellen

Während sich Kunden über diese harschen Worte Müllers ärgern, geht es für VW-Mitarbeiter um Kopf und Kragen: Erst vor wenigen Tagen hat der Konzern angekündigt, weltweit 30.000 Stellen zu streichen – davon bis zu 23.000 in Deutschland. Gleichzeitig wird die wöchentliche Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden steigen.

Müller nennt den dramatischen Personalabbau beschönigend eine „Schlankheitskur“. Wörtlich sagte er der Frankfurter Allgemeinen: „Der Volkswagen Konzern, insbesondere die Marke VW, hat Fett angesetzt in den Erfolgsjahren.“ Deshalb brauche es „eine Schlankheitskur, die nehmen wir jetzt in Angriff – und zwar sozialverträglich“.

ARCHIV - Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, spricht am 08.03.2016 bei einer Betriebsversammlung im Volkswagen Werk in Wolfsburg (Niedersachsen). Foto: Julian Stratenschulte/dpa (zu "Volkswagen AG - Betriebsversammlung Stammwerk Wolfsburg" vom 20.10.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Á

Betriebsversammlung mit VW-Vorstandschef Matthias Müller im März 2016 in Wolfsburg: Damals war von Stellenabbau noch keine Rede. Jetzt hat VW mitgeteilt, das weltweit 30.000 Stellen abgebaut werden, davon 23.000 in deutschen Werken.

Foto: Julian Stratenschulte/dpa

VW-Aufsichtsrat und VW-Großaktionär Wolfgang Porsche bläst in der Automobilwoche ins gleiche Horn. „Es haben alle gewusst, dass etwas passieren muss“, so Porsche. „Eine Marke, die kein Geld verdient, ist auf Dauer kein attraktiver Arbeitgeber.“

Dass VW auf die Dauer kein Geld verdient, ist neu. 2014, letztes Jahr vor dem Skandal, verdiente der VW-Konzern 12,7 Milliarden Euro. 2015 gab es einen Verlust von 1,6 Milliarden Euro – wegen der hohen Rückstellungen von 16,2 Milliarden Euro – also lief sogar 2015 das Kerngeschäft glänzend.

Und dieses Jahr?  

Der Absatz ist von Januar bis September 2016 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2,4 Prozent auf 7,6 Millionen noch mal gestiegen, der Umsatz lag mit 159,9 Milliarden Euro auf Vorjahresniveau. Und Geld verdient hat VW auch: Vor Sondereinflüssen – also weiteren Abschreibungen für den Dieselskandal zum Beispiel – erreichte das operative Ergebnis die Marke von 11,3 Milliarden Euro, 10,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Kunden halten VW also die Treue. Nur umgekehrt nicht.

Hier lesen Sie den Dieselskandal im Überblick. 

Anzeige
Von Patrick Schroeder & Axel Mörer-Funk
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare
21.11.2016, 18:54 Uhr keinFanmehr
Sehr geehrter VW-Chef,

ich finde es eine Frechheit so mit ihren EU-Kunden umzuspringen und diese derart anzugehen, zumal die ihnen und anderen jahrelang ein übiges Gehalt bezahlt haben. Schuld ist die Führungsriege, einige Ingenieure und Entwickler aus dem Hause VW, die haben richtig Bockmist gebaut. Wobei die Hard/Software mit welcher der Schwindel erst möglich war, aus dem Hause Bosch stammt.

Meines Erachtens gehören Sie und die anderen Oberen ohne Gehalt nach Hause geschickt und nicht die untere Klasse. Ich jedenfalls werde meinen Audi und Porsche verkaufen und nie wieder ein Autohaus von VW betreten.

Guten Abend


23.11.2016, 14:32 Uhr Zvika
Es sehr gab einen Zeitpunkt, wo mir klar wurde, daß wegen des Mißmanagements der VW- Kunde der Dumme ist.
Devisenspekulationsaffäre ca 500 Mio DM
Lopezaffäre ca 1 Mrd Euro
Bentley- Desaster ca 1 Mrd Euro
usw.
Wer das zahlt? Richtig. Und seither nicht mehr VW, ganz einfach...

25.11.2016, 11:21 Uhr annyway
Schon klar - hochmütige Manager haben schon so manches Unternehmen ruiniert...
Neben Dieselgate - hier kurz, warum ich keinen VW mehr kaufe: Hatte vor 5 Jahren einen Polo als Zweitwagen angeschafft, der entgegen des angegebenen angeblichen niedrigen Benzinverbrauchs vopn 5,5l nahezu das doppelte verschlang (durchschnittlich 9l). Meine Reklamation beim Kundendienst der VW AG in Wolfsburg wurde folgendermaßen abgetan: Ich sollte doch mal ein Fahrtraining absolvieren, denn das würde den Verbrauch des Autos deutlich senken...... eine bodenlose Frechheit (habe 3Mio Fahrkilometer mit verschiedensten Marken) - das Auto ist verkauft und VW kommt mir und meiner Familie nicht mehr ins Haus.
Dieses Mindset wird offensichtlich seit Jahren bis zur Kundenbetreuung hinab gepflegt - Der Kunde ist ein Depp und ich sag ihm das auch! Wir sind das Volk und sagen tschüss zu VOLKswagen

Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden