15.05.2013, 10:59 Uhr | 0 |

Kritik an Kriterien Mercedes führt das Innovationsranking 2013 an

Mercedes ist der innovativste Autohersteller in Deutschland, vor Audi und BMW: Das ist das Ergebnis des Innovationsrankings der Unternehmensberatung PwC und des Centers of Automotive Management. Die Bewertungsmethode lässt allerdings Fragen offen.

Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber
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Das kann sich Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber freuen: Mercedes führt das Innovationsranking des Centers of Automotive Management an.

Foto: Daimler

"Innovation ist, wenn die Kunden Hurra schreien." So definiert Professor Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach das wichtigste Kriterium, das er an technische Neuerungen im Automobil anlegt. Gemeinsam mit der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers verleiht er einmal im Jahr Preise an die innovativsten Automobilhersteller. Anfang Mai traf sich im 44. Stockwerk eines Frankfurter Glaspalastes die Granden der Branche, vom VDA-Präsidenten Matthias Wissmann bis zu Daimler-Chef Dieter Zetsche. Letzterer trug, nur wenige Tage nach einer für Mercedes ungewohnten Crashtest-Blamage mit dem Hochdachkombi Citan, den Preis in der Kategorie "Sicherheit" nach Hause. Freuen durfte sich auch Volkswagen.

Doch wie objektiv sind die Ergebnisse der Methodik, die der Fachhochschulprofessor als "streng wissenschaftlich" bezeichnet? Tatsächlich entscheidet bei dem begehrten Branchenpreis nicht eine Jury, sondern ein Zählverfahren, das Bratzel vor fast zehn Jahren entwickelt hat. Ausgewertet werden dazu alle Presseberichte und -mitteilungen eines Kalenderjahres, die von technischen Innovationen berichten. Jede identifizierte Neuheit wird nach Reifegrad, Neuheitswert und Kundennutzen mit einem Faktor belegt. Die erreichte Punktzahl wird addiert und dann der Sieger in der jeweiligen Kategorie gekürt.

Nur veröffentlichte Innovationen zählen

Was verlockend einfach klingt, führt dennoch zu Kritik, die offen kaum jemand äußern möchte. Sie beginnt schon an der Basis des Verfahrens, den Presseberichten. Nur veröffentlichte Innovationen zu zählen. Das benachteiligt Unternehmen, die eine weniger aktive Pressearbeit pflegen. Dass die Häufigkeit von Presseberichten nicht unbedingt mit der tatsächlichen Innovationskraft eines Herstellers zu tun habt, beweist der Fall BMW. Die Münchner landeten aktuell abgeschlagen auf dem fünften Platz, obwohl die ganze Autobranche derzeit gespannt auf die fast serienreifen Carbonfaser-Elektroautos schaut.

Bratzel verteidigt sein Vorgehen: "Wir wenden recht viel Zeit auf, um zwischen Innovationsmarketing und tatsächlicher Innovationstätigkeit der OEM unterscheiden zu können." Mehrfach kommunizierte Innovationen würden mithilfe einer umfangreichen Datenbank herausgefiltert.

Umstritten ist auch die Bewertung einzelner Innovationen. So wurde die Erdgasvariante des Kleinstwagens Up mit 4,2 Indexpunkten als sehr hoch bewertet. Mit einem CO2-Ausstoß von 79 g/km ist der Eco-Up zwar derzeit das klimafreundlichste Auto, das in Deutschland verkauft wird. Technisch ist der Dreizylinder-Erdgasmotor allerdings kaum revolutionär, er verfügt nicht einmal über eine Turboaufladung.

Fragwürdig scheint auch, dass das CAM die Innovationen nicht in Relation zur Größe der Unternehmen setzt. Daher führt Volkswagen wiederholt das Ranking an. Dividiert man die für 2012 erreichte Punktzahl (184) jedoch durch den Umsatz mit Pkw und leichten Nutzfahrzeugen (148 Mrd. €), so erreicht der größte Autokonzern Europas einen Wert von 1,24. Nach der gleichen Methode kommt Daimler, als Zweitplatzierter mit 100 Indexpunkten scheinbar nur halb so innovativ, auf einen Wert von 1,43. Die Stuttgarter sind also relativ zu ihrer Größe deutlich innovativer. Bratzel will dagegen bewusst "eine technologische Breiten- oder Größendimension". Sie spiegelt seiner Meinung nach den laufenden Selektionsprozess in der Autobranche.

Markenwertung: Mercedes vor Audi und BMW

In der Markenwertung führt Mercedes vor Audi und BMW. Die gute Platzierung von Audi ist u. a. darauf zurückzuführen, dass der A3 einige Monate vor dem Golf in den Markt eingeführt wurde. Beide Modelle beruhen technisch auf dem modularen Querbaukasten. Die mit dem Baukasten verbundenen Innovationen wurden daher vor allem dem A3 zugerechnet. In der Bewertung wird eine Markenneuheit im Vergleich zur Weltneuheit nur mit 10 % gewertet, eine Konzernneuheit mit 70 %. Von seiner Methode ist Bratzel trotz Kritik aus der Branche überzeugt: "Man könnte vieles natürlich auch anders tun, aber uns fällt keine bessere Methode ein, die der Realität näher kommt."

VDA-Präsident Wissmann, der die Preisverleihung mit einem Vortrag einleitete, beruft sich hinsichtlich der Innovationsfähigkeit seiner Branche lieber auf andere Zahlen. Die deutschen Hersteller und Zulieferer investieren mehr als 22 Mrd. € in Forschung und Entwicklung – ein Drittel der FuE-Ausgaben der gesamten deutschen Industrie. Unter den zehn Unternehmen Europas mit den höchsten Entwicklungsaufwendungen befinden sich vier deutsche: BMW, Daimler, Volkswagen und der Zulieferer Bosch, der mehr als die Hälfte seines Umsatzes mit der Autobranche macht. Zudem: Vier von fünf weltweit verkauften Autos im technologiegetriebenen Premiumsegment stammen von deutschen Herstellern.

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Von J. Winterhagen | Präsentiert von VDI Logo
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