17.06.2014, 15:21 Uhr | 0 |

Unfälle durch defekte Zündschlösser General Motors ruft weitere 3,4 Millionen Autos zurück in die Werkstatt

Jetzt sind auch die Limousinen dran: 3,4 Millionen Chevrolets, Buicks und Cadillacs vom Detroiter Autobauer General Motors müssen wegen gefährlicher Probleme mit dem Zündschloss zurück in die Werkstatt. Im Februar und März hatte GM bereits 2,6 Millionen Kompaktwagen wegen desselben Fehlers in die Werkstätten zurückgerufen.

GM-Logo und US-Fahne
Á

Der Opel-Mutterkonzern General Motors (GM) ruft weltweit zusätzlich 3,4 Millionen Limousinen zurück, weil auch hier der Zündschlüssel während der Fahrt zurückspringen kann. Das schaltet Bremskraftverstärker, Servolenkung und möglicherweise die Airbags aus. 

Foto: dpa

Es ist wohl der Horror für jeden Autofahrer: Mitten in voller Fahrt springt der Zündschlüssel in die Aus-Position – der Motor schaltet ab und elektronisch gesteuerte Systeme wie die Servolenkung und die Airbags sind blockiert. Dieses ist seit dem Februar 2014 mindestens 13 Menschen in den USA zum tödlichen Verhängnis geworden. Das Problem tritt auf, wenn die Schlüssel durch Schlüsselanhänger mit zusätzlichem Gewicht beladen sind. Wenn das Auto dann über unebenen Untergrund wie Schlaglöcher oder einen Bahnübergang rumpelt, kann der Schlüssel auf Aus springen. Wegen dieser und anderer technischer Mängel hat General Motors (GM) nun insgesamt 20 Millionen Fahrzeuge zurück in die Werkstätten beordert. Das ist die zweifache Jahresproduktion des Opel-Mutterkonzerns.

GM weiß von sechs Toten

Gestern startete GM die Rückrufe Nummer 39 bis 44 in diesem Jahr. Den mit Abstand größten Brocken machen 3,4 Millionen Limousinen weltweit aus. Der Detroiter Konzern erklärte, man habe Kenntnis von acht Unfällen mit sechs Toten. Verbraucherschützer gehen allerdings von bis zu 300 Toten infolge des Defekts aus. Betroffen von dem jüngsten Rückruf sind mehrere Modelle der US-Marken Chevrolet, Buick und Cadillac aus den Jahren 2000 bis 2014, wovon aktuell aber nur noch ein Modell auf dem Markt ist.

Knapp 1,5 Milliarden Euro für die Reparaturen

Die Aufarbeitung der Herstellungsfehler stellt für GM nicht nur einen finanziellen Kraftakt dar: Im ersten Quartal hatte der Konzern 1,3 Milliarden Dollar, das entspricht 960 Millionen Euro, für die Reparaturen an die Seite gelegt und deshalb einen Gewinneinbruch verbucht. Im zweiten Quartal werden gut 516 Millionen Euro fällig.

Die beispiellose Rückrufserie bedeutet für GM auch eine enorme logistische Herausforderung. Denn in vielen Fällen müssen die Ersatzteile erst in der notwendigen Stückzahl hergestellt und am Ende von den zahlreichen Werkstätten in die betroffenen Autos eingebaut werden. Das wird Monate dauern.

Serie von Rückrufen

Die amtierende GM-Chefin Mary Barra ist seit dem 15. Januar 2014 die erste Frau an der Spitze eines Autokonzerns. Keinen Monat später, am 13. Februar ruft GM in Nordamerika die ersten 778.000 Fahrzeuge wegen defekten Zündschlössern zurück. Am 25. Februar weitet der Konzern den Rückruf auf weltweit 1,6 Millionen ältere Fahrzeuge aus.

Im März kommt es knüppeldick für GM: Interne Vermerke belegen, dass schon vor zehn Jahren bei GM bekannt gewesen sei, das bei mehreren Modellen unterschiedlicher Baureihen aus den Jahren 2003 bis 2007 Probleme mit den Zündschlössern auftraten. Prompt trudeln die ersten Klagen von Unfallopfern und Autobesitzern in der Zentrale in Detroit ein. Diese Schadensersatzforderungen können sich zu Milliardenzahlungen aufaddieren. Ende März weitet GM die Rückrufaktion erneut aus und beordert nun auch eine Million Fahrzeuge neuerer Baujahre zurück.

Zwei Ingenieure in den Zwangsurlaub

Am 10. April zieht Mary Barra die ersten personellen Konsequenzen und schickt zwei an der Entwicklung der Zündschlösser beteiligte Ingenieure in den Zwangsurlaub. Mitte Mai muss GM 35 Millionen Dollar, umgerechnet 25,8 Millionen Euro Strafe, zahlen. Die amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) sieht es als erwiesen an, dass der Autobauer sie zu spät über die Zündschloss-Probleme informiert hat.

GM-Chefin: „Ich hasse es, Euch das mitteilen zu müssen“

Am 5. Juni 2014 redet Barra Klartext: „15 Mitarbeiter, die sich falsch verhalten haben, sind nicht länger im Unternehmen“, sagte sie bei der Vorstellung eines internen Berichts über das Zündschloss-Debakel vor rund 1200 Mitarbeitern im Entwicklungszentrum in Warren nahe Detroit.

epa04247903 General Motors (GM) CEO Mary Barra speaks during a news conference prior to the company's annual shareholder meeting in Detroit, Michigan, USA, 10 June 2014. During her speech Barra said that no more employee dismissal is planned related to the deaths of GM cars defecting ignition switch. EPA/RENA LAVERTY +++(c) dpa - Bildfunk+++
Á

GM-Chefin Mary Barra will ein Entschädigungsprogramm auflägen. 

Foto: EPA

Mary Barra: „Ich hasse es, Euch das mitteilen zu müssen, genauso wie ihr es hasst, Euch das anhören zu müssen. Aber ich will, dass ihr es hört. Ich will, dass ihr es niemals vergesst. Das ist nicht einfach eine weitere geschäftliche Krise. Wir können das nicht einfach glattbügeln und dann weitermachen.“ Barras Erweckungsrede wurde direkt an 220.000 GM-Mitarbeiter weltweit übertragen.

Barra: „Wir werden ein Entschädigungsprogramm auflegen“

„Das Lesen des Berichts hat mich tief traurig gemacht und verstört“, sagte Barra weiter und entschuldigte sich abermals bei Hinterbliebenen und Unfallopfern. „Ich kann keine Worte finden, die ihre Trauer und ihren Schmerz lindern könnte. Das hätte niemals passieren dürfen.“ Im Bericht wurde aber auch deutlich, dass die technischen Probleme nicht bewusst vertuscht worden seien. „Wir werden ein Entschädigungsprogramm auflegen“, versprach sie.

Absatz stieg im Mai um 13 Prozent

Am Ende ihrer Rede verkündete die 52-jährige Managerin mit viel Pathos von ihrem Stolz, für GM zu arbeiten. „Ich weiß, wir haben ein engagiertes und talentiertes Team aus loyalen, ehrlichen Mitarbeitern. Ich glaube an Euch.“ Die Belegschaft dankte es ihr mit stehendem Applaus. Das Zündschloss-Debakel ändert nichts an der wachsenden Beliebtheit von GM. Alleine im Mai stieg der Absatz auf dem Heimatmarkt USA um satte 13 Prozent.

Anzeige
Von Detlef Stoller
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden